Religionen, der Westen und der Islam

Ist der Wunsch nach einem friedlichen Zusammenleben religionsgemischter Bevölkerungen eine Illusion?

Was lehrt die Geschichte?

Wenn nicht Illusion, so zeigt doch die Realität, dass es offenbar viele Schwierigkeiten auf dem Weg zu einem friedlichen Zusammenleben gibt. Wir brauchen nur einige der Konfliktherde der letzten 20 Jahre zu betrachten. Sicher gibt es auch Beispiele gelungener Integration, aber viele hasserfüllte Kämpfe aus dieser Zeit lassen uns nachdenklich werden: ohne Druck von außen (internationale Staatengemeinschaft) oder oben (durch einen religionsneutralen Staat) scheint es jedenfalls nur selten zu einer dauerhaften Verständigung zwischen religions-verschiedenen Bevölkerungen zu kommen. Meist wird die Abtrennung der verschiedenen Bevölkerungsgruppen bevorzugt.
So gab und gibt es in der Geschichte häufig Gewalt und Terror von unten (Separatismus) als Antwort auf den Drang einer Mehrheit nach Hegemonie von oben (in seltenen Fällen gehört das Herrschaftsvolk zur Minderheit):

  • z. B. in Sri Lanka, wo die Mehrheit der Singhalesen die Minderheit der Tamilen unterdrückt, die ihrerseits mit Gewalt die Errichtung eines souveränen Tamilenstaates betreiben;

  • z. B. in Israel und den besetzten Palästinensergebieten, wo der Kampf (Intifada) um einen unabhängigen Palästinenserstaat fast jeden Tag viele Menschenleben kostet;

  • nicht zu vergessen der Kampf der ETA im Baskenland gegen die spanische Zentralregierung um einen eigenen Staat oder der der tschetschenischen Rebellen gegen die russische Armee um Unabhängigkeit von Moskau.

  • Oder nehmen wir das Dauer-Beispiel der Konflikte von Katholiken und Protestanten in Nordirland.

  • Besonders krass in der jüngsten Vergangenheit waren die negativen Beispiele der "ethnischen Säuberungen" auf dem Balkan, auf den Philippinen und in Indonesien, das Morden der Hutu und Tutsi in Ruanda und Burundi.

Die Grundwerte des Westens und ihre Folgen (Fragen)

  1. Die Unantastbarkeit der menschlichen Würde jeder einzelnen Person (mit Bezug auf Gott und Menschenrechte) wird garantiert.

  2. Die geistigen Grundlagen der einzelmenschlichen Personenwürde liegen im Individualismus und Humanismus des 18. und 19. Jahrhunderts. Deren Wurzeln können bis tief in das biblische Menschenbild mit seiner Vorstellung von der Gottebenbildlichkeit des Menschen zurückverfolgt werden.

  3. Das Zusammenleben der Bürger wird organisiert auf der Grundlage der Prinzipien des Rechtsstaates und der parlamentarischen Demokratie.

  4. Zu den wichtigsten Freiheitsrechten der Bürger gehört das der Religionsfreiheit: jedes (religiöse) Bekenntnis muss in Staat und Gesellschaft gleichbehandelt werden. Was sich jedoch in der Praxis des Alltags ursprünglich in erster Linie auf Christen unterschiedlicher Kirchenzugehörigkeit (Konfession) bezog, nehmen heute verstärkt auch Menschen moslemischen Glaubens für sich in Anspruch.

  5. Verträgt sich heute das folgende Bekenntnis eines christlich geprägten Bürgers eines westlichen Staates mit der Gleichbehandlung aller Religionen? "Ich glaube, dass die jüdisch-christliche Glaubens-Kultur des Westens auf der Grundlage der Bibel und der christlichen Verkündigung, aber auch des römischen Rechts und der griechischen Philosophie, welche uns die Wahrheitsliebe und die Methoden der Wahrheitssuche geschenkt hat, - ich glaube, dass diese Kultur, die unter großen Schmerzen und Mühen die Prinzipien der Freiheit, der Gleichheit und der Demokratie hervorgebracht hat, anderen Kulturen und Zivilisationen überlegen ist".

  6. Kann es im Streit um die Wahrheit religiöser Behauptungen jemals zu einem Frieden zwischen den Religionen kommen, ohne dass der jeweilige Glaubensstandpunkt preisgegeben wird? Stehen Religionen dem Toleranzgebot des Staates im Wege?

  7. Gibt es auch im Westen liegende Ursachen für den Terrorismus islamistischer Gruppen gegen den Westen? Mögliche Ursachen: ein übersteigertes Fortschritts- und Selbstbewusstsein des Westens dank seiner Leistungen in Wissenschaft und Technik; Auswüchse der Globalisierung; ökonomische Ungleichgewichte zwischen Nord und Süd, der Egoismus der Konsumgesellschaft (Materialismus).

Sind die Werte des Islam in unsere Gesellschaft integrierbar? Können verschiedene, ja gegensätzliche Wertordnungen (Religionen) auf der Basis unserer Verfassung praktiziert werden?

Wenn vor Jahren in der Bundesrepublik Deutschland jeder sozialistisch eingestellte Hochschulabsolvent, der den Beruf eines Lehrers ausüben wollte, zuvor ein Treuebekenntnis auf die freiheitlich-demokratische Grundordnung unseres Landes ablegen musste, - wenn er überhaupt für geeignet gehalten wurde, den Beruf des Pädagogen auszuüben, - dann fragt es sich schon, ob der Islam heute eher in Einklang mit den Grundwerten unseres Landes steht als jener in den 60er Jahren unter den Studenten relativ stark verbreitete Sozialismus, der immerhin in Deutschland eine lange Tradition hatte und häufig sogar als säkularer Ableger der jüdisch-christlichen Gemeinschafts- und Gerechtigkeitsidee aufgefasst wurde. Immerhin umfassen die Wertvorstellungen des Islam Lebensformen, die bei uns untragbar sind, aber in vielen islamisch geprägten Ländern gang und gäbe sind.
Dazu gehören in vielen islamischen Staaten: Polygamie, das Recht auf Verstoßung der Ehefrau sowie die Herrschaft des Mannes in der Familie, in zunehmendem Maße die Anwendung der Scharia (des islamischen Rechts) auch gegenüber Nichtmuslimen. Das rituelle Schächten von Schlachttieren ist inzwischen (in bestimmten Fällen) sogar bei uns erlaubt, was noch vor einigen Jahren undenkbar war und von Tierschutzverbänden als Tierquälerei verurteilt wurde.

Sollten all diese Praktiken bei uns legitimiert werden, würde das unweigerlich zur Aushöhlung unserer Grundordnung und zum Aufbau einer parallelen Werteordnung auf dem Boden des Grundgesetzes führen. Das will zwar offiziell bisher niemand, aber ganz auszuschließen ist es nicht, daß nichtchristliche Religionsgemeinschaften in der Bundesrepublik ihre Lebensformen und damit auch ihre internen Streitigkeiten eines Tages nach ihren eigenen Rechtsvorstellungen zu ordnen  versuchen. Und geschieht das nicht schon in bestimmten Einzelfällen? Im Vergleich dazu scheint mir das Tragen von Kopftüchern bei der Ausübung einer Amtstätigkeit (Lehrerberuf) oder das Verhüllen des weiblichen Körpers in der Öffentlichkeit durch eine entsprechende Kleidung im Sinne einer persönlichen Werthaltung und als Reaktion auf den latenten Sexismus unserer Gesellschaft sogar tolerabel zu sein. Die Kritik an diesen Verhaltensweisen wirkt jedenfalls oft ideologisch. Doch aufs Ganze gesehen ist darauf zu achten, dass wir unsere eigene kulturelle und religiöse Identität nicht verlieren, solange sie vor unserem Gewissen als wahrhaftig bestehen kann. Darum kann niemand von uns verlangen, unsere Rechtsordnung den religiösen Bedürfnissen von Minderheiten ständig anzupassen.

Friedliches Zusammenleben gelingt nur, wenn beide Seiten, die Einheimischen und die Fremden aufeinander zugehen, wobei jedoch nicht so getan werden darf, als seien Grenzen zwischen den Kulturen von vornherein als Übel oder gar als Zeichen von Intoleranz zu betrachten. Oder fordert die Liberalität des Westens von uns die Bejahung jener an sich mit unserer Verfassungs- und Rechtsordnung nicht zu vereinbarenden Anschauungen, die viele Moslems aus totalitär islamischen Staaten mitbringen, wenn sie zu uns kommen?

Andererseits: wie lässt sich die eigene Lebensform und Kultur im Rahmen einer fremden Rechtsordnung bewahren, wenn sie dazu von vornherein als im Gegensatz stehend beurteilt wird? Muss nicht zunächst einmal erwartet werden, dass jeder Mensch, der Hilfe suchend seine Heimat verlässt und zu uns kommt, mit guten Absichten zu uns kommt? Jedenfalls sollte ihm solange mit Respekt begegnet werden, wie er sich bei uns nichts zuschulden kommen lässt. Sicher kann ein Staat nicht darauf bestehen, dass alle seine Bürger einer bestimmten Religion angehören. Sicher muss es möglich sein, bei uns auch als Moslem leben und arbeiten und seine täglichen Gebete verrichten zu können. Eine eigenständige kulturelle Lebensform (wie in einem Reservat) mit eigenem Rechtssystem aufzubauen, dürfte jedoch utopisch sein, obwohl jede Religion danach strebt, ihre mitmenschliche Umwelt nach den Grundsätzen der Religion zu gestalten und umzubauen. (...)

 

Wolfgang Massalsky, 31. 1. 2002

P.S.

Die multireligiöse (und multikulturelle) Gesellschaft als herausforderndes Gegenmodell zu den Mehrheitsgesellschaften West-Europas und überhaupt des freien Westens ist bisher allerdings mehr als potentielle Gefahr für seinen Bestand und weniger als Chance für eine noch nicht wirklich mit allen Konsequenzen hervorgetretene Weltgesellschaft der Zukunft gesehen worden. Aber ob dieses Modell tatsächlich bloß eine Illusion ist, wird sich noch zeigen müssen. Richtig ist allerdings, daß ein Miteinander der Religionen in Europa aus heutiger Sicht die Fähigkeit der unterschiedlichen Gesellschaften voraussetzt, den Islam in Europa zu integrieren, was für viele angesichts der zwei Jahrtausende alten Prägung der europäischen Kulturwelt durch das Christentum, aber auch wegen der "antimodernistischen" Kräfte im heutigen Islam unvorstellbar, ja unmöglich ist. Manche haben aber auch vor einer solchen Entwicklung schlicht Angst, weil sie fürchten, daß das in sich gespaltene Christentum nicht die Kraft hat, sich im freien Wettbewerb der Religionen gegen den Islam zu behaupten.

Entscheidend wird in dieser Auseinandersetzung sein, ob es dem Christentum gelingt, über die Eliten und das Bildungsbürgertum hinaus, die Menschen der breiten Masse wieder neu anzusprechen, "massentauglich" zu werden. Dabei kommt es nicht nur auf die Form der Verkündigung, sondern vor allem auf ihren Inhalt an: Zwar zerbricht der Gott, der sich in Jesus Christus offenbart hat, den abstrakten Monotheismus, aber nicht um sich als der eine und einzige Gott von dieser Welt zu verabschieden, sei es im Sinne des "Todes" Gottes oder eines neuen (heidnischen) Polytheismus, sondern um so das innere (trinitarische) Leben des "monotheistischen" Gottes am menschlichen Leben Jesu konkret sichtbar werden zu lassen. Diesen Inhalt gilt es festzuhalten und in einer neuen, vom Geheimnis dieses Gottes bewegten Sprache so auszusagen, daß deutlich wird: Erst mit diesem Gott beginnt die eigentliche Vermenschlichung des Menschen jenseits aller biologisch-genetischen, psychologischen oder sozialen Prozesse.

Die missionarischen Erfolge des Islam im Zuge seiner frühen Ausbreitung gerade auch unter den Christen des Vorderen Orients und im Byzantinischen Reich dürften in der Tat nicht nur seiner Gewaltbereitschaft zuzuschreiben sein. Auch die Mängel in der damaligen Fassung der Trinitätslehre, dem Zentraldogma der christlichen Glaubenslehre, das von islamischer Seite als unvereinbar mit dem "wahren" monotheistischen Gottesglauben bekämpft wurde, trieben zusätzlich viele in Glaubenssachen unsichere Christen (zumal auch die Kirchen des Westens und Ostens zu keiner einheitlichen Ausrichtung fanden) im Laufe der Zeit in die Arme der mit einer klaren und leicht faßlichen Glaubensbotschaft operierenden islamischen Gemeinschaft, obwohl es hier nur so wimmelt von religions-politischen Gegensätzen, von denen man sich freilich als Muslim und Muslima ja nicht anstecken lassen muß. 

Alles in allem wird es für die Menschen in Europa um die Frage gehen, in welcher Religion sie das größere Potential an göttlichem Beistand für das eigene Leben in dieser Welt entdecken und erfahren können. Angesichts der vielen Unsicherheiten, die dem Menschen auf seinen zukünftigen Wegen begegnen werden, wird dieser Beistand wohl auch in Zukunft gefragt sein. Die modernen Ideologien können jedenfalls kein Heil versprechen.

 (2013/14)