Das Böse

Das Böse nach christlichem Verständnis

 

1. Die Unterscheidung von gut und böse (vgl. Sündenfallgeschichte Gen 3) scheint so lebenswichtig zu sein wie die Unterscheidung von Wahrheit und Lüge.

Allerdings sind die Kriterien in beiden Fällen nicht eindeutig klar.

So wenig wie das Böse kann auch das Gute nicht absolut definiert werden. Und was Wahrheit und was Lüge ist, ist im „postfaktischen“ Zeitalter der fake news ebenfalls oft nur schwer auszumachen.

Ist die Theologie im Besitz eines höheren oder tieferen Wissens über gut und böse bzw. wahr und falsch, als es die Wissenschaften sind, die auf diesen Feldern arbeiten? Nur wenn man einen absoluten Maßstab 1 hätte! Aber hat die Theologie einen solchen?

Die Bibel spricht zwar an sehr vielen Stellen von gut und böse oder wahr und falsch.

Aber es ist nicht von vornherein ausgemacht, was im Einzelfall als gut oder wahr zu erkennen ist, obwohl für sie Gott als die Quelle alles Guten und Wahren feststeht.

 

2. Selbst wenn man die Zehn Gebote 2 (Ex 20) nimmt, kann man nicht sagen, daß sie uns einen allgemein gültigen Maßstab für gut oder böse 3 an die Hand geben.

Zweifellos formulieren sie wesentliche Verhaltensregeln, die das Fundament für das richtige, bundesgemäße Verhalten im Alten Israel etwa im 6./5. Jahrhundert v. Chr. 4 legen. Sie sichern so ein Minimum an Übereinstimmung in den zentralen Fragen des Zusammenlebens der Bundesangehörigen (die „Nächsten“). 5

Aber wie steht es mit diesen Regeln und Vorschriften, wenn sich die gesellschaftlichen Verhältnisse ändern?

Sie müssen daher in der Gemeinschaft des Gottesvolkes immer wieder fortgeschrieben werden, weil neue Situationen mit ihren Herausforderungen zu neuen Antworten zwingen. Diese werden als Ergänzungen zu den Zehn Geboten nachträglich festgelegt und kodifiziert.

Das bedeutet jedoch nicht, daß die Zehn Gebote den allerersten Ausgangspunkt der israelitischen Rechtsentwicklung bilden müssen. Wahrscheinlicher ist das Umgekehrte, nämlich daß die Zehn Gebote lediglich eine Auswahl aus einer umfangreicheren Gesetzessammlung bzw. Einzelgesetzen darstellen 6, sozusagen eine Art „Grundgesetz“ des Bundesvolkes, das sich allerdings im Unterschied zu der im sog. „Bundesbuch“ (Ex 20-23) niedergelegten Profangesetzgebung durch seinen primär sakralen Charakter 7 auszeichnet, weshalb es in der Gemeinschaft des Volkes Israel einen höheren Grad an Verbindlichkeit als jene beanspruchen kann.

Trotzdem ist es fraglich, ob die auf die Veränderungen und zunehmenden Komplikationen der gesellschaftlichen und individuellen Lebenspraxis antwortenden, auf die Vorlage konkreter Fälle bezogenen (kasuistischen) Gesetze und ihre damit einhergehende Vermehrung jederzeit ein höheres Maß an Entscheidungssicherheit über richtig und falsch, gut und böse gewährleisten können. Nur wenn der im Grundgesetz der Zehn Gebote 8 verankerte „Geist“ dieser Gesetze bei der jeweiligen Rechtsprechung 9 bestimmend bleibt, kann mit einer gewissen Sicherheit erwartet werden, daß eine angemessene Urteilsbildung 10 zustandekommt.

 

3. Das „Böse“ entsteht in der Bibel ganz allgemein in den Spannungsverhältnissen zwischen Mensch, Mitmensch und Natur einerseits und im Streben der Menschen und Völker nach Verfügungsgewalt über ihr Schicksal (auf Kosten anderer) andererseits.

 

Die Folgen unbewältigter Spannungen und Konflikte 11 sind Gewalthandlungen aller Art.

Im privaten Sektor reicht die Skala der Gewalt von Rufschädigung und Unterdrückung bis zur Beseitigung von Rivalen; im öffentlichen Leben kommt es nicht selten vor, daß interne Gegner durch Feindbilder („Gottlose“) zu Unmenschen degradiert werden; und wer langfristig in der Wirtschaft Erfolg haben will, braucht nicht nur starken Unternehmergeist und loyale Mitarbeiter, sondern eine große Portion Gerissenheit, wobei gnadenlose Ausbeutung von Abhängigen und Rechtsmißbrauch gegenüber Geschäftspartnern keine Seltenheit sind.

Überall werden die Grenzen des menschlich Zumutbaren überschritten, und es ist schwer bis unmöglich, sich gegen Übergriffe dieser Art ausreichend zu sichern.

Noch weniger gelingt dies gegen den Ansturm fremder Völker, die mit überlegener Macht nach Erweiterung ihres Siedlungs- und Einflußraumes streben und das Existenzrecht des Gegners mit Füßen treten. Schon die Landnahme der israelitischen Stämme ist nicht immer friedlich verlaufen, und als Staat kann sich in dieser Region nur behaupten, wer auch militärisch gerüstet ist. So werden Verteidigungs- und Angriffskriege notwendig, wozu aus damaliger Sicht (im Rahmen des von Gott geführten Heiligen Krieges) auch die Ausrottung Andersgläubiger (als „Götzendiener“) gehören konnte.

Am drückendsten aber wird – besonders während der Königszeit – erlebt, daß der Gegensatz von Reichtum und Armut im eigenen Land in alle Poren des privaten und gesellschaftlichen Lebens eindringt.

Die Gesetze der Realität, die nur den Mächtigen nützen, und die Normen der Religion scheinen ganz unterschiedlichen Sphären anzugehören.

 

Der Kampf um das nackte Überleben, der schon mit der Bitte um das tägliche Brot anhebt, sowie um dauerhaft bessere Daseinsbedingungen für das eigene Leben lassen dabei auf allen Seiten die Grenzen von gut und böse verschwimmen und zum Gegenstand von Vorteil und Berechnung werden.

 

Die Maßstäbe des richtigen Verhaltens (Sitten und Gebräuche, Gebote und Verbote) wollen dagegen das Handeln des Menschen verstärkt darauf ausrichten, daß das Gute, das Gott den Menschen zu treuen Händen übergeben hat, soweit wie möglich erhalten bleibt und das Böse nicht das Gute in uns und in unseren Gemeinschaften zerstören kann, was auch im Blick auf die Abhängigkeit des Menschen von der Natur von großer Bedeutung ist, gewinnt er doch von ihr durch gemeinschaftliche Arbeit die notwendigen Nahrungsmittel für seinen Lebensunterhalt und die Ressourcen für den Aufbau einer menschlichen Kultur, in der die Grundregeln der Zehn Gebote und darüber hinaus gehender Gesetze Anwendung finden können und sollen.

 

4. Das Böse kann daher nicht ausschließlich auf den Menschen als solchen, d.h. auf die Beschaffenheit seiner individuellen Natur zurückgeführt werden, wie es die sog. „Erbsündenlehre“ behauptet 12.

Vielmehr resultiert es gewöhnlich aus den oft ungerechtfertigten Machtansprüchen einzelner in der alltäglichen und gesamtgesellschaftlichen Interaktion einerseits und andererseits in der häufig rechtlosen oder zumindest unausgewogenen 13 Beziehung der Völker untereinander.

Somit sind auch die vorhandenen gesellschaftlichen Verhältnisse, genauer gesagt ihre konkret-materiellen Ordnungen, als Quellen des Bösen 14 anzusehen, die den einzelnen durch Gruppenzugehörigkeit, Sozialisation und religiöse Orientierung zumindest solange prägen, wie die Abhängigkeit von diesen gemeinsamen, „ererbten“ Existenzbedingungen fortdauert.

 

Darum ist der darin begründete, auf verschiedenen Ebenen stattfindende Kampf gegen mangelnde Rechtssicherheit und die damit verbundenen Beeinträchtigungen der eigenen Lebensmöglichkeiten und -erwartungen und für den Schutz von Freiheit, Entfaltungsrechten und persönlichem Eigentum nicht selber das Böse, sofern er sich primär auf die Beseitigung des lebensfeindlichen und asozialen Unterdrückungsapparates der Mächtigen richtet 15 und dem Ziel der Herstellung eines Mindestmaßes an Gleichberechtigung unter freien Menschen dient.

Im Gegenteil: In der Sicht der biblischen Prophetie ist es gerade dieser Kampf, der es uns ermöglicht, das Gute, das dem Menschen als Gottes Gabe von Anbeginn der Schöpfung anvertraut ist, – sobald er in sie selbstbewußt eintritt – zu erhalten, gegebenenfalls wiederherzustellen und wenn möglich sogar zu vermehren 16.

 

5. Die Bußpredigt Johannes des Täufers und das Evangelium vom Reich Gottes (als der Neuen Welt), dessen Kommen Jesus angekündigt hat, zeigen die beiden Wege, wie der Krise der damaligen Zeit in Judäa (Römische Fremdherrschaft, Verfall der Institutionen, nationalistisch-zelotische und pharisäisch-fundamentalistische Strömungen, Verengung der biblischen Botschaft auf die bloße Erfüllung der Gesetzespflichten) auf der Basis des biblischen Glaubens begegnet werden kann.

Der eine ist der auf dem Boden des altprophetischen Glaubens einzig mögliche: die Rückkehr zur ursprünglichen, Tora-gemäßen Gerechtigkeit gegen alle Formen der Korruption des gemeinsamen Glaubens, um dem künftigen Zorngericht Gottes zu entgehen. Der zweite, der Weg Jesu führt dagegen, dem biblischen Verheißungsglauben (bei Jeremia) folgend, von der Gegenwart in eine ganz neue Zukunft 17. Wie seine Reich-Gottes-Botschaft erkennen läßt, geht es ihm um einen völlig „neuen“ Bund mit Gott, der alle Dimensionen des Daseins auf neue Grundlagen 18 stellen wird, nicht nur um die Reinigung oder Ausbesserung des „alten“ 19.

Darum ist weder das Böse und seine Vermeidung bzw. seine Wiedergutmachung noch das (im philosophischen Sinne) Gute das eigentliche Thema Jesu, sondern das Kommen Gottes und seiner Herrschaft, die (für uns als Christen) schon mit Jesus selbst und dem Glauben an den von ihm verkündigten Gott anbricht.

 

Dennoch ist auch das Böse mit Jesus immer präsent 20, sowohl in seiner Botschaft und in seinem Auftreten als auch durch das, was seine Botschaft und sein Auftreten an feindseligen (Abwehr-) Reaktionen bei einem Teil seiner jüdischen Hörer und Zuschauer auslöst.

In vielen Episoden erzählen die Evangelien, auf welche Weise das „Böse“ mit Jesus zugleich auf dem Plan ist. Hier seien lediglich einige dieser Erscheinungsformen des Bösen bei Jesus benannt.

 

  1. Versuchung Jesu durch den Teufel (als die Personifikation des Bösen) : Mt 4

 

Weil Jesus stärker ist als jeder imaginierte Teufel, darum ist der Mensch in der Nachfolge Jesu auf der sicheren Seite. Jesus kann mir zwar nicht die von mir zu treffenden Entscheidungen abnehmen, aber der Geist Gottes, mit dem er uns erfüllt, ist ein Geist der Entscheidung, nämlich mit den eigenen, teilweise bloß übernommenen Lebenslügen Schluß und mit der Wahrheit eines neuen Lebens Ernst zu machen – im Hören auf das, was Jesus über den Gott der Bibel, seinen himmlischen „Vater“, zu sagen hat.

Weil Jesus den Angriff des Teufels auf ihn und sein Werk erfolgreich abgewehrt hat, ist das Evangelium von Jesus Christus für die Evangelisten eine Freudenbotschaft, und deshalb wird jeder, der sein Leben auf Jesus ausrichtet, die Auseinandersetzung mit dem „eigenen“ Teufel und die Anfechtung durch ihn erfolgreich bestehen können. 21

Darum wird die Begegnung mit Jesus neutestamentlich in dieser Beziehung fast immer als Aufruf zur Wende (Umkehr) des eigenen Lebens inszeniert.

 

  1. Teufelsaustreibungen (Exorzismus) Mk 1, 37ff. Mk 5, 1-20 parr. Lk 8, 28–34

 

Teilweise muten uns die Teufels- oder Dämonenaustreibungen in ihrer Drastik wie Bauernschwänke an, so wenn die von Jesus ausgetriebenen bösen Geister in eine Herde Schweine fahren und diese in den Teich stürzt, was jenen Heiden -  Juden ist an sich die Haltung von Schweinen verboten - zur Warnung gesagt ist, die Schweine halten oder sogar züchten und sich daher vor Jesus in acht nehmen sollen, damit er ihnen nicht zu nahe kommt und ihnen das Gleiche widerfährt.

Ebenso ironisch ist die schlagfertige Entgegnung Jesu über Aufstand und Spaltung im Reiche des Teufels gemeint, als man ihm den Vorwurf machte, wenn er Dämonen austreibe, dann müsse er wohl mit ihnen im Bunde stehen, vermutlich sogar als ihr oberster Anführer (Mk 3, 22).

Grundsätzlich lassen diese Erzählungen erkennen, daß das Böse den Menschen auf vielerlei Weisen seiner Menschlichkeit beraubt. Freilich würde man heute in dem einen oder anderen der dargestellten Fälle eher von Depressionskrankheit oder ähnlichem sprechen und nicht von einem bösen Geist, der einen Menschen befallen hat. Damals war jedoch die Dämonenaustreibung in diesen Fällen wenn nicht das einzige, so doch das letzte Mittel zur Wiederherstellung ihrer Gesundheit, auf das sich die verzweifelte Hoffnung der Patienten und ihrer Angehörigen richtete, und das konnte nach damaliger Vorstellung eben nur so geschehen, daß bei psychischen Leiden der entsprechende böse Geist den betreffenden Körper wieder verläßt. 22

Weil einer dieser bösen Geister seinen Namen mit „Legion“ angegeben hat, muß man davon ausgehen, daß es in der bäuerlichen Welt des damaligen  Heidentums und wohl auch Judentums viele solcher Erkrankungen gegeben hat, die nach dem damaligen Stand von Analyse und Diagnose allesamt durch Dämonen verursacht waren.

Wer als Arzt in jener Zeit sich einen Namen machen wollte, mußte nur überzeugend nachweisen, daß es ihm ein Klacks sei, diese elenden Menschen zu heilen. So haben diese Berichte den Evangelisten wahrscheinlich vor allem als Werbetrommel für ihren Heiland und Arzt Jesus Christus gedient.

 

  1. Das Trachten seiner Feinde nach dem Leben Jesu: Joh 11, 47-50

 

Es kann kein Zweifel sein, daß Jesus von Anfang an, spätestens seitdem er als Prediger des Reiches Gottes in bestimmten Volkskreisen immer mehr Aufsehen erregte und darum vermehrt in Streitgespräche und Auseinandersetzungen mit seinen theologischen Gegnern verwickelt wurde, mit Argwohn, ja unverhohlener Ablehnung und sogar Feindschaft betrachtet wurde.

Einerseits will ja niemand gern auf einen Scharlatan hereinfallen. Andererseits brachte sein Reden und Handeln eine Unruhe ins Land, die von den führenden religiösen Kreisen auch als Infragestellung ihrer eigenen Macht und Rechtmäßigkeit aufgefaßt werden mußte. Die nüchtern denkenden, „real“-politischen Köpfe im damaligen Synhedrium jedenfalls wußten, daß sie etwas gegen die verhängnisvollen Wirkungen dieses Wanderpredigers unternehmen müssen, um die Bevölkerung nicht noch mehr verwirren zu lassen, als sie es ohnehin schon war. Insbesondere seine apokalyptischen Endzeitreden stellten eine große Gefahr für den Fortbestand des Judentums dar. Deshalb durfte es zu keiner weiteren Schwächung ihrer Macht-Position kommen.

Angesichts der äußerst komplizierten Machtverhältnisse im Lande galt es in ihren Augen noch Schlimmeres zu verhüten, wie z. B. ein direktes Eingreifen Roms und seiner Truppen, um die Lage im Lande zu stabilisieren und besser kontrollieren zu können, als es den jüdischen Autoritäten gelang.

Mit Recht befürchtete man unter Umständen sogar die Zerstörung des jüdischen Tempels in Jerusalem und damit verbunden das Ende des jüdischen Tempelkultes, zumal von Jesus ähnliche Worte im Umlauf waren.

Wenn man also tatenlos zusah, wie Jesus und seine Jünger das Volk verführten, machte man sich doch gewiß mitschuldig am Untergang des jüdischen Staates oder dessen, was davon übrig geblieben war.

Darum also war rasches Eingreifen notwendig, und das konnte nichts anderes bedeuten, als diesen Mann möglichst legal als unerwünschten Aufwiegler zu beseitigen, um das von ihnen vertretene, in ihren Augen einzig legitime Judentum zu retten, – wenn es denn noch zu retten war.

 

  1. Der Verrat Jesu durch Judas: Mt 26, 47-50, vgl. Joh 6, 70; 13, 2. 27.

 

Einerseits ist das Geschehen der Passion Jesu in theologischer Deutung Gottes Wille, andererseits mußte jemand die undankbare Rolle übernehmen, Jesus an die Eingreiftruppe seiner Widersacher zu verraten. Das Verhalten des Judas wird zwar durch den mehrfachen Hinweis auf den Teufel, der ihn dazu angestiftet habe, dämonisiert. Doch sollte beachtet werden, daß Judas seine Tat später bereute und seine Mitschuld an der Ergreifung Jesu nicht leugnete, sondern durch seinen Tod zu sühnen versuchte. Nicht daß der Teufel übermächtig ist und der Mensch gegen ihn nichts ausrichten kann, soll hier behauptet werden, sondern daß Judas nicht einfach „umgefallen“ ist, sondern vielmehr mißbraucht wurde. Die entsetzte Frage der übrigen Jünger: „bin ich‘s, bin ich‘s …?“ macht deutlich, daß die Schwäche eines Menschen immer wieder vom „Teufel“ für sein Treiben ausgenutzt werden kann. Auch die motiviertesten seiner Jünger (vgl. Petrus), ja gerade sie können ihm zum Opfer fallen, wenn sie die Situation, in der sie sich befinden, nicht durchschauen und in dem abgekarteten Ränkespiel der Scharfmacher sich zum Mitspielen animieren lassen, ohne genau zu wissen, welch tragische Rolle ihnen zugedacht ist. Daß es Judas nur um Geld ging, ist jedenfalls nicht sehr wahrscheinlich. (Was Judas gehofft hatte, mit seinem Tun zu erreichen, bleibt letztlich unbekannt. Aber eins ist sicher: Auch durch Küsse können Menschen, kann sogar die Liebe selbst verraten werden.)

 

  1. Der Prozeß gegen Jesus

 

Er basiert zwar überwiegend auf Verleumdung (Mt 26, 59f. Mk 14, 56) und Unterstellungen (Mt 26, 61). Aber es werden auch ernsthaftere Vorwürfe gegen ihn erhoben, wie die Anmaßung, er sei der König der Juden oder Gottes Sohn (Mk 14, 61f.).

Seine Hinrichtung als gemeiner Verbrecher (vgl. Mt 26, 55) neben zwei anderen Delinquenten (vgl. Mt 27, 38) ist für die Vertreter der jüdischen Ordnungsmacht einerseits nichts anderes als die notwendige Quittung für seine gefährlichen Umtriebe, andererseiits und zugleich damit die rechtmäßige Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung.

Unter rechtsstaatlichen Gesichtspunkten geurteilt ist der Prozeß eine Farce. Aber letztlich geht es nicht darum, ob die Anklagepunkte gegen Jesus in diesem Streitfall für seine Verurteilung ausreichen, sondern wer die Deutungskompetenz hat für das, was Judentum ist und wie religiös und politisch korrekt von Gott und seinem Gesetz zu sprechen ist. Faktisch wird Jesus als eine Art Gottesleugner oder Häretiker hingerichtet. Was dem Prozeß dabei seine Brisanz verleiht ist, daß hier Gottes Gesetz in Anspruch genommen wird, um den (in den Augen der Christen) einzig wahren Gottessohn Jesus von Nazareth im Schnellverfahren abzuurteilen und aus der Geschichte Israels mit seinem Gott auszulöschen.

 

 

1. Exkurs: Welche Funktion hat der Teufel im Geschehen von Bösem?

 

Der „Teufel“ kann und will nicht der Entschuldigung menschlicher Schuld bei einem (möglicherweise gar nicht beabsichtigten) Fehlverhalten eines Menschen dienen, wie  ihm jener auch sonst keine einzige Lebensentscheidung abnimmt. Er ist überhaupt nicht in diesem Sinne fähig, aktiv in das Geschehen einzugreifen, in dem sich der Mensch befindet, auch wenn er ihm durch Verdrehung der Begriffe eine bestimmte Handlungsoption zu suggerieren scheint.

„Er“ nutzt vielmehr die Notlage von Menschen für seine Verwirrspiele aus und täuscht auf eine kurzschlüssige Weise positive Lösungen vor.

So ist der Teufel nur eine fiktionale Gestalt, die sich am Elend des in unentrinnbaren Nöten und Widersprüchen steckenden Menschen ergötzt und darauf wartet, daß dieser sich falsch verhält (vgl. Schadenfreude). Dabei kann und soll nach biblischem Verständnis den Versuchungen und Einflüsterungen teuflischer Claqueure widerstanden werden.

Der „Teufel“ markiert also die Schwere und Zwangshaftigkeit menschlicher Entscheidungslagen. Dabei ist es oft so, als ob der Teufel (wie ein gegnerischer Schachspieler) dem geistig unterlegenen oder zumindest unvorbereiteten und unerfahrenen Mitspieler praktisch unlösbare Aufgaben und Rätsel stellt, die dieser mit seinen Mitteln eben nicht zu lösen imstande ist, wenn er ehrlich gegenüber sich selbst ist und Scheinlösungen ablehnt.

Der Mensch, in der Falle seiner eigenen falschen Dispositionen und Wunschbilder, der sich gegen die Einsicht wehrt und windet, am „Ende mit seinem Latein“ zu sein, das ist der Mensch, den der Teufel in uns aufdeckt und als unfähig zu ethisch verantwortlichem Handeln präsentiert.

Alles in allem ist der Teufel die Verkörperung alles prinzipiell Negativen und Antigöttlichen, aber gerade so eher ein advocatus Dei als dessen Gegenspieler, weil er uns auf negative Weise demonstriert, daß sich unsere verfahrene Lebenslage nur verändern und bessern läßt, wenn wir uns nicht länger von seinen Gaukeleien beeindrucken lassen, sondern uns entschlossen dem rettenden Gott  als der definitiv einzigen echten Alternative zu allem Teufelswerk zuwenden.

Das ist seine eigentliche biblische Funktion.

Gott sei Dank ist der Mensch nur selten in einer solch ausweglosen Lage, daß er in seiner Not nach einem Strohhalm des Teufels greifen möchte, obwohl ihm gerade der nichts anderes anbieten kann als die Vorspiegelung falscher Tatsachen.

 

Wichtig ist daher als Grundregel für das eigene Leben, daß wir, wenn wir einen bestimmten Lösungsansatz für die Regelung unserer wichtigsten Lebensprobleme verfolgen, alle anderen nicht von vornherein ausschließen, denn sonst verrennen wir uns allzuleicht in Sackgassen, in denen wir den Verführungskünsten von Populisten und Propagandisten aller Art ausgeliefert sind, wobei uns allerdings beim Umgang mit Menschen ganz natürliche Grenzen gesetzt sind.

Menschen in unserem engeren Lebensumkreis müssen in unsere Entscheidungsprozesse immer miteinbezogen werden. Generell dürfen wir Menschen nicht wie Schachfiguren behandeln, die wir auf dem Schachbrett unseres Lebens je nach Interessenslage beliebig hin- und herschieben könnten, je nachdem wo er oder sie für uns die besten Chancen auf den Gewinn unserer “Partie“ bietet. Das mag der „Teufel“ anders sehen, wir Menschen aber können uns – wenn wir Christen sein wollen – seiner Verhaltens- und Denkweise eben nicht anschließen.

 

2. Exkurs: Die Ur-Sünde oder woher kommt das Böse?

 

1. Das eigentlich Böse ist für die Bibel die Abwendung von Gott, der Ungehorsam gegenüber Gott, was sie als „Sünde“ bezeichnet.

 

Wenn das eigentliche Übel die Sünde ist und diese hauptsächlich im Verhältnis zu Gott besteht, dann muß das Böse in der christlichen Theologie im Prinzip als Folge der Sünde erklärt werden.

Doch wie kann sich die Sünde Adams (und Evas) auf die Menschheit auswirken?

Bedarf es nicht weiterer Annahmen, um das faktische Stattfinden des Bösen erklären zu können, zumal es ja viele Menschen gibt, die die Vorstellung einer Sünde gegen Gott ablehnen? Denn bei dem Wort Sünde assoziieren heute viele nur noch einen mehr oder minder schlimmen Regelverstoß, wie z. B. gegen die Straßenverkehrsordnung („Verkehrssünder“). Für sie muß es ja auch eine plausible Erklärung für das Auftauchen des Bösen geben – oder kann es überhaupt nicht erklärt werden (sowenig wie die Sünde selbst)?

 

2. Biblische Erklärungsversuche:

 

  • Die Sündenfallgeschichte Gen 3

3, 1-5: Unter allen Tieren, die Gott geschaffen hat, gilt die Giftschlange 23 seit alter Zeit als ein besonders raffiniertes und gefährliches Tier, weil es oft erst dann bemerkt wird, wenn es bereits zu spät ist und es sein lebensbedrohliches Gift verspritzt hat. Sie scheint sich daher bestens für die Rolle eines tückischen Bösewichts zu eignen, der dem ersten Menschenpaar das Leben im Paradies vergällen soll. Allerdings handelt es sich bei der Schlange offensichtlich nicht um ein normales Tier, sondern eher um ein dämonisches Wesen (vergleichbar dem Teufel) 24, das die beiden Menschen zu der Sünde verleitet, die das Verhältnis des Menschen zu Gott 25 solange belasten wird, wie diese Sünde nicht wieder aus der Welt geschafft ist.

Die Geschichte in Gen 3 erzählt uns die Umstände, wie es zu dem „Sündenfall“ gekommen ist, der das Muster für alle weitere Sünde gegen Gott abgibt. 26

Und zwar gelingt es der „Schlange“ durch Überlistung der Frau, die beiden Menschen dazu zu bringen, daß sie trotz des eindeutigen Verbotes dennoch von der Frucht des Erkenntnisbaumes essen. Wie geht die Schlange dabei vor?

1. indem sie das Gebot abschwächt und bestreitet, daß die Menschen sofort sterben müßten, wenn sie von der verbotenen Frucht essen. 2. indem sie unterstellt, daß dieses Gebot bzw. Verbot ein unnötiges Tabu aufrichtet: Gott wolle nur nicht, daß auch sie sehend werden und genauso viel wissen über das Wesen von gut und böse wie Gott und damit Gott gleich werden. Gott habe also Angst davor, daß die von ihm geschaffenen Menschen hinter seine Geheimnisse kommen könnten!

3, 6-13: Das Angebot, durch die verbotene Frucht in den Besitz göttlicher Klugheit zu gelangen, ist für die Frau erstaunlicherweise sehr verlockend. Und sie beißt in die verbotene Frucht wie in einen Köder. Auch ihrem Mann gibt sie davon zu essen. Und tatsächlich werden ihre Augen sehend. Aber was sie sehen, ist nur, daß sie nackt sind. Denn plötzlich entdecken sie sich selbst so wie sie sind, und das ist ihre Nacktheit. Daraufhin verstecken sie aus Scham ihre Blöße voreinander. Schlimmer noch, sie verstecken sich nun auch vor Gott, als fürchteten sie, wie Diebe ertappt zu werden. Aber sie können ihre Sünde vor Gott nicht verbergen. Umsonst schiebt Adam (V. 8) die Schuld an ihrer gemeinschaftlich begangenen Sünde auf seine Frau und diese auf die Schlange. Jeder schiebt eben gern die Schuld von sich weg auf den Nächsten in der Kette der Schuldigen. Keiner will das ihm Vorgeworfene getan haben und die (alleinige) Verantwortung dafür übernehmen.

3, 14f.: Zur Strafe verflucht Gott die Schlange und macht sie zu einem Tier, das nun auf der Erde kriechen und Staub fressen soll, was beweist, daß man sich die Schlange vorher als eine Art Geist-Wesen vorzustellen hat, so daß die harmlose Bezeichnung „Schlange“ irreführend ist. Und zwischen ihrem Nachkommen und denen der Frau soll für immer Feindschaft sein.

3, 16: Die Frau soll ebenfalls gestraft sein, dadurch daß sie nur unter Schmerzen Kinder bekommen soll. Die Beziehung von Mann und Frau soll für sie keine einfache und gleichberechtigte sein, sondern zum einen durch ihre Leidenschaft für den Mann und zum andern durch seine Herrschaft über sie geprägt sein.

3, 17-19: Aber auch der Mann soll für sein Tun bestraft werden. Sein Leben wird beschwerlich sein, der Acker verflucht. Es wird harte Arbeit sein, die ihm bevorsteht. Und es wird kein leichtes Brot sein, das er essen wird. Besonders tragisch aber ist: Von seiner Geburt an ist der Mensch nun ein sterbliches Wesen, zum Tode verurteilt, nur daß er nicht weiß, wann dieser eintritt 27.

3, 20-24: Der Name „Eva“ bedeutet, daß sie die Mutter aller Lebenden (Menschen) wird, und dazu gehört auch Adam als ihr gemeinsamer Stammvater.

Gott aber straft nicht nur, er gibt auch. Und zwar Kleidung 28, die Adam und Eva schon bald brauchen werden, weil ihr Aufenthalt im Paradiesgarten nun beendet ist. Außerdem wissen sie jetzt, was gut und böse 29 ist. Dieses Wissen haben sie freilich nur dadurch erlangt, daß sie das Gebot übertreten haben und so die Frucht dieses Baumes essen konnten. Denn Gottes Gebot zu übertreten, das ist das eigentlich Böse, und gut ist, sein Gebot nicht zu übertreten, sondern ernst zu nehmen und zu befolgen. Zur Begründung ihres Rauswurfs aus dem Paradies mit der von ihnen begangenen Sünde kommt noch eine zweite (V. 22): Damit sie nicht auch noch vom Baum des Lebens essen und ewig leben, deshalb dürfen sie nicht länger im Paradies bleiben 30. Der Mensch soll fortan die Erde draußen bebauen, „von der er genommen war“. Und das Tor zum Garten Eden wird ab sofort durch die Cherubim 31 verschlossen und bewacht, so daß niemand mehr von außen dort eindringen und sich am Lebensbaum vergreifen kann.

 

Bietet die Sündenfallgeschichte wirklich eine Erklärung, wie die Sünde in die Welt gekommen ist?

1. Jedenfalls wird deutlich, daß diese Geschichte auf einen speziellen Hintergrund verweist, in dem das Gesetz 32 bereits im Zentrum steht, wenn auch nicht als geschriebenes Gesetz, sondern als mündliche Anordnung Jahwes. Andererseits kommen Engelsgestalten wie die Cherubim 33 und eine Schlange vor, die eher ein Geistwesen als ein normales Tier ist, Wesen, von denen vorher noch gar nicht die Rede war. Offensichtlich wird hier auf ein (mythisches) Denken Bezug genommen, das sich nicht auf derselben Wellenlänge bewegt wie der erste der beiden Schöpfungsberichte, der aus der sog. Priesterschrift stammt und eher naturwissenschaftlich ausgerichtet ist. Denn von einem Paradies kann man dort nichts erahnen. 34 Aber auch die zweite (jahwistische) Schöpfungserzählung, die diese Paradiesesgeschichte enthält, scheint sie nicht in ihrer ursprünglichen Fassung zu bieten. Vermutlich hat der Jahwist sie selber aus einer altorientalischen Quelle übernommen und an seinen Text angepaßt, wobei sie später noch von anderer Hand überarbeitet worden sein mag.

2. Gab es denn in der Zeit vor dem Gesetz keine Sünde? Die Sintflut kam doch, weil die Menschen sich schlecht und böse benommen haben und das, ohne das Gesetz als Verhaltensrichtlinie zu besitzen 35. Also muß doch die Sünde schon vor der Gabe des Gesetzes da gewesen sein, zumindest die Möglichkeit zur Sünde. Die Funktion des Gesetzes ist dann die, Regeln zu entwickeln, die das „Ausbrechen“ der Sünde (und des Bösen) ganz und gar verhindern oder wenigstens auf ein erträgliches Maß zurückdrängen sollen. Insofern dient dann das Gesetz 36 der Bewahrung des Guten und ist selber Teil des Guten, wie die Sakralisierung der Zehn Gebote zeigt.

3. Grundsätzlich besteht die Sünde des Menschen für die Paradieseserzählung der Bibel darin, Gottes Angebot seiner Nähe und Gegenwart (wie sie im Paradies auf natürliche Weise gegeben war) nicht festzuhalten, sondern sich durch eigenwillige (satanische) Auslegung und Abschwächung 37 des göttlichen Gebotes von Gott trennen zu lassen. Diese Vorstellung ersetzt zwar Gott nicht durch das Gesetz, wie das in späteren, primär am Gesetz orientierten Interpretationen der Fall zu sein scheint. Aber tendenziell wird bereits hier verdeckt, daß der Mensch nach biblischer Erkenntnis durch sein Allein-auf-sich-fixiert-Sein in einer viel umfassenderen, alle Lebenslagen 38 betreffenden Trennung von Gott existiert, weshalb  er in seinem Tun fast regelmäßig das Ziel der ewigen Gemeinschaft mit Gott aus den Augen verliert und  mit allen Mitteln der Raffinesse, der (Selbst-) Täuschung und der Bosheit seine höchst willkürlichen Ziele - auch gegen Gottes erklärten Willen - zu verwirklichen versucht.

Die Sündenfallgeschichte reicht daher zur Erklärung des Entstehens von Bösem nicht aus!

Denn eine gewisse Tendenz zur Akzeptanz des Bösen muß schon im Menschen vorhanden sein, wenn es in Form von Einflüsterungen einer schlauen Schlange an ihn herantritt, sobald der Mensch bewußt über sich und seine Situation (auch gegenüber Gott) nachzudenken beginnt.

Der Zielpunkt dieser Geschichte ist also nicht, die Sünde oder das Böse ganz allgemein zu erklären, denn es geht ihr 1. (nur) um die „klassische“ Sünde der Gebotsübertretung und 2. um die Folgen, die der „Sündenfall“ für die Menschheit und die ganze Welt gehabt hat.

Sondern Ziel dieser Darstellung ist die Erklärung des gegenwärtigen Mißstands des menschlichen Daseins, wobei die Nachteile des jetzigen Lebens ganz auf das Verhältnis von Mann und Frau und ihr gemeinsames Leben beschränkt werden.

Wegen der dramatischen Veränderung der fundamentalen Daseinsbedingungen von Mann und Frau in dieser Welt gegenüber der Vor-Zeit des paradiesischen Urzustandes kann der Verfasser dieser Erzählung nur mit einer gewissen Trauer an ihn zurückdenken. Wie gut und simpel war doch dort alles eingerichtet und wie schwer und schuldbeladen ist das Leben der Menschen heute, also nach dem „Fall“!

Es handelt sich insofern um eine klar rückwärtsgewandte Betrachtungsweise, die viel Ähnlichkeit mit der Tora-Frömmigkeit der Spätzeit Israels hat, die alles Heil des Menschen auf die Karte unbedingter Erfüllung der einst von Gott erlassenen Gebote setzt. Kann es sein, daß auf diese Weise der jahwistische Grundstock der Erzählung Gen 2/3 neu justiert worden ist? Auffällig ist ja auch, daß „Jahwe“ hier immer mit „Elohim“ (zwei unterschiedliche Gottesnamen!) kombiniert ist.

Das Entstehen der Sünde und des Bösen steht also nicht im Fokus dieser Erzählung, sondern vielmehr der (sich im Laufe der Geschichte in unzähligen Entscheidungssituationen wiederholende) faktische Bruch 39 mit Gott durch das Tun des Bösen (Falschen), sei es durch bloße Gedankenlosigkeit oder Fehleinschätzung in der Beurteilung einer Entscheidungssituation, sei es durch das willentliche Übertreten seines Gebotes 40, ein Bruch, der nachträglich um so härter empfunden wird, als das Paradies zuvor als eine Idylle gezeichnet ist, in der es dem Menschen an nichts fehlte, – wäre da nicht dieses seltsame Verbot gewesen, das, durch die suggestiven Überlegungen der Schlange angestachelt, die Neugier und den Widerspruchsgeist 41 des Menschen erregte.

Daß es ausgerechnet im Paradies zu diesem folgenreichen Bruch mit Gott kam, hängt somit aller Wahrscheinlichkeit nach mit der Reflexionsfähigkeit des Menschen zusammen, mit seinem Verlangen, die Vor- und Nachteile eines Lebens in der Bindung an Gottes Gesetz selber erkennen zu wollen und ein blindes Befolgen des göttlichen Gebotes abzulehnen. (Weil diese sprachlich vermittelte Reflexionsfähigkeit eigentlich erst den Menschen nach dem "Fall" auszeichnet, wird sie hier der Schlange in den Mund gelegt. Damit wird die Situation des "gefallenen" Menschen in die Paradieseserzählung zurückprojiziert bzw. in ihr vorweggenommen.)

 

Die entscheidende Frage ist darum, wie kann diesem berechtigten Verlangen des Menschen entsprochen werden, ohne deswegen die Nähe zu Gott und die Gemeinschaft mit ihm aufs Spiel zu setzen.

Die christliche Antwort ist, daß das Heil des Menschen nicht von einem bloß äußerlichen Befolgen der Gesetze abhängt, sondern vom Glauben 42 an den Gott, der diese Welt geschaffen hat und dem wir über unser Tun (im Guten wie im Bösen) Rechenschaft abzulegen haben, der uns aber zugleich durch Leben und Sterben Jesu Christi, seinen „Sohn“, in seine Gemeinschaft zurückholen will, freilich nicht in die vergangene des Paradieses 43, aus dem wir vertrieben wurden, sondern in die zukünftige des kommenden Reiches Gottes, dem zu dienen in der Nachfolge Jesu ein erster Schritt auf diesem Wege ist.

 

  •  Paulus (vgl. Röm 7)

Grundlegend ist für Paulus der Widerspruch zwischen dem Körper mit seinen Trieben („Fleisch“) und dem Geist, der die Willensschwäche des Menschen nicht zu überwinden vermag („der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach“, „das Gute, das ich tun will, tue ich nicht; stattdessen tue ich das Böse, das ich nicht tun will“).

Woher kommt also bei Paulus das Böse? Aus einem inneren Zwiespalt, der unüberwindbar zu sein scheint! Wegen der Schwäche des Menschen, das von ihm für richtig gehaltene Gute auch selber wirklich zu ergreifen und zu verwirklichen, bleibt es weiterhin bei dem Bösen, das dauernd durch ihn und um ihn herum geschieht – wenn auch nicht immer mit seiner ausdrücklichen Zustimmung. Er läßt also das Böse zu, weil er seine Bequemlichkeit nicht aufzugeben bereit ist oder weil er sich mit seinem Geist einer Macht ausgeliefert hat, die ihn daran hindert, das Gute zu tun. Das ist für Paulus das „Fleisch“, der auf sich selbst zurückgeworfene Mensch, der Mensch ohne Gott, genauer gesagt: ohne den in Jesus Christus offenbaren Gott.

 

3. Theologische Erklärungen

 

  • Augustinus (354-430): Erbsünde, verwurzelt in der Sexualität des Menschen

Augustinus hat den paulinischen Ansatz (Röm 7) anthropologisch verallgemeinert. Er sieht nämlich in der „Begierde“ des Menschen, Dinge und auch Menschen zu besitzen, um ihnen den eigenen Willen aufzuzwingen und sie als Mittel für inhumane, gegen die göttliche Ordnung gerichtete Zwecke zu mißbrauchen, vor allem aber in der übersteigerten Selbstliebe (amor sui) die Grundform der Sünde, aus der sich alle konkreten Formen von Sünde und sündhaftem Verhalten ableiten lassen.

Daneben kann sich allerdings seine Annahme, daß diese Sünde von Generation zu Generation durch Sexualität vererbt wird, nicht auf die Bibel berufen. Sie entspricht mehr dem Denken und Fühlen einer vom Mönchtum inspirierten Epoche, die sich freilich für manchen altkirchlichen Interpreten schon bei Paulus abzeichnete und die dem zügellosen Sexualverhalten der römischen Gesellschaft entweder durch eine zölibatäre Lebensweise oder durch ein geordnetes, sakramentales und monogames Eheleben Einhalt zu gebieten suchte.

Außerdem kann man bei ihm ein Verständnis des Bösen feststellen, das (wie im Neuplatonismus) das Böse lediglich als etwas Nichtseiendes betrachtet, wie wenn vom Guten etwas weggenommen (privatio boni) wird. Das Böse hat für sich genommen keinen eigenen Seinswert. Es stellt eben nichts Gutes dar. – Entspricht das unserm heutigen Verständnis des Bösen? Wohl kaum ! Auschwitz – nur ein Verlust an Gutem? 44

 

  • Martin Luther (1483-1546): Sünde, Tod und Teufel:

Für Luther befindet sich der Mensch von klein auf in einem quasi metaphysischen Kampf zwischen Gott und dem Teufel 45. Er hat sich zu entscheiden, auf welcher Seite er in diesen Kampf eingreifen will.

Leider bietet in seinen Augen selbst die Kirche dem Menschen in ihrer äußeren Gegenwartsgestalt keinen sicheren Schutz vor dem Bösen, wenn sie ihm das Evangelium von Jesus Christus vorenthält, indem sie die Erhaltung und Stärkung ihrer eigenen gesellschaftlichen und politischen Machtstellung zugleich zum Glaubens- und Lebensprinzip aller ihrer Mitglieder und damit zur obersten Norm für deren persönliche Selbstverwirklichung erhebt.

Luther hat jedoch in seinem eigenen Leben schmerzlich erkennen müssen, daß der Mensch seine persönliche Gewissensentscheidung nicht an der Kirchentüre abgeben kann, ja daß ihm sogar die strengste, gesinnungsmäßige Disziplin und körperliche Züchtigung nicht zum eigenen Seelenfrieden verhelfen kann.

Der „Teufel“ kann auch die verborgensten Hintergedanken frommer Selbstreinigung lesen und damit alles zunichte machen, was der Mensch sich an Selbstwertschätzung und Sicherheit aufgebaut hat.

Noch weniger kann das von ihm ersehnte Seelenheil durch den Erwerb kirchlicher Zertifikate (Ablaßwesen) erlangt werden. Denn die Gerechtigkeit vor Gott kann nur dem einzelnen - nach Gott fragenden, mit ihm ringenden - Menschen zugesprochen 46 werden,  nicht dem bloßen Mitläufer in der fügsamen Schafherde oder dem Abnehmer verschreibbarer kirchlicher Heilsangebote. Selbst die unter Mönchen 47 weitverbreitete Demutshaltung vor Gott, die Gleichförmigkeit mit Christus anstrebt, kann nach dem eigenen Erleben Luthers nur geheuchelt sein.

Welcher Weg kann dann aus dieser Gewissensnot herausführen, für die die Kirche damals nach Luthers Überzeugung keine überzeugende Lösung anbieten konnte?

 

Luther hat für dieses Lebensproblem eine ganz neue Lösung gefunden, eine Lösung, die nicht mehr auf die Kirche als Heilsinstitut setzt, sondern allein auf die Macht des Evangeliums von Jesus Christus vertraut.

 

Zwar ist die Welt voller Teufel, die uns Angst machen, ja uns verschlingen wollen:

 

„Der alt böse Feind,

mit Ernst er‘s jetzt meint,

groß Macht und viel List

sein grausam Rüstung ist,

auf Erd ist nicht seins gleichen.“

(EG 362, 1)

 

Und dessen Macht hat Luther, wie er glaubte, am eigenen Leib erlebt:

 

„Dem Teufel ich gefangen lag,

im Tod war ich verloren,

mein Sünd mich quälte Nacht und Tag,

darin ich war geboren,

Ich fiel auch immer tiefer drein,

es war kein Guts am Leben mein,

die Sünd hatt‘ mich besessen.“

(EG 341, 2)

 

Aber:

„Der Fürst dieser Welt (= der Teufel)

wie saur er sich stellt (= schneidet uns böse Fratzen),

tut er uns doch nicht;

das macht er ist gericht‘

ein Wörtlein (= Christus?) kann ihn fällen.“

(EG 362, 3)

 

Wie kommt es angesichts der Sieghaftigkeit dieses Glaubens dennoch immer wieder zu Anfällen der Verzweiflung und der Trostlosigkeit bei Luther, wie er sie selber bezeugt hat (besonders in der Zeit vor dem Durchbruch seiner "reformatorischen" Erkenntnis, als er mit dem "strafenden" um den "gnädigen" Gott rang) ?

 

Was versteht er unter Anfechtung?

Für Luther gibt es dreierlei Anfechtungen und Versuchungen: einmal in der Jugend, konfrontiert mit den sexuellen  Reizen des (anderen) Geschlechts und den Normen der Gesellschaft, die in der Familie vermittelt werden, im Erwachsenenleben ist es der Beruf und die Welt mit ihren vielfältigen Herausforderungen und für das Christsein sei dies der Teufel. Denn wo Christus ist oder die Kirche, da müsse man lernen mit dem Teufel zu kämpfen 48, der unser Christsein ständig auf die Probe stellt. In allen drei Bereichen geht es um gut und böse, wahr und falsch, echt und unecht. (vgl. Luthers Erklärung zum Großen Katechismus von 1529)

Der tiefere Sinn der Versuchungen durch den "Teufel" ist, uns auf unsere falsche Selbstsicherheit im Glauben aufmerksam zu machen und uns dazu zu bringen, unseren Glauben durch fleißiges Beten fester in Christus zu verankern. So ist er auf seine Weise der beste "Trainer" für den Christen auf dem Weg zu einem verläßlichen, das Heil ausschließlich von Gott erwartenden Glauben ohne jede falsche Selbstgerechtigkeit und Selbstsicherheit. An einer Stelle meinte Luther einmal: Nur "wenn der Teufel uns zusetzt, dann steht es recht um uns", d.h. wenn wir mit uns (und Gott) um den richtigen Weg ringen und es uns nicht zu leicht machen (WAT 5 Nr.5284, S. 44 von 1540).

Theologisch hat Luther seine persönlich schwerwiegendsten Anfechtungen in zwei Gruppen unterteilt: in Anfechtungen, die durch die eigene „Unwürdigkeit“ vor dem Gesetz bzw. vor Gott entstehen, und jene, die durch den ein für allemal feststehenden „Ratschluß“ Gottes (Prädestination) verursacht werden, der allein weiß, wer von Ewigkeit her als gerecht erwählt ist und wer nicht.

Während man im ersten Fall versuchen kann, durch allerlei Bußübungen die eigene Unwürdigkeit zu vermindern oder sogar durch Angleichung an das Schicksal Jesu in Würdigkeit zu verwandeln, ist man im zweiten Fall machtlos dem Ratschluß Gottes ausgeliefert. Besonders dieser Fall läßt dem Menschen keine Ruhe, denn er hat ja keine Chance, durch eigenes Tun etwas daran zu ändern, was Gott beschlossen hat. Diese Anfechtung ist deswegen so schrecklich, weil sie unvermeidlich mit dem Glauben an den ewig gerechten und alles vorauswissenden Gott selbst verbunden ist.  Wenn nicht Gott selbst dieses „Gesetz“, daß in ihm alle Dinge bis ans Ende der Welt bereits feststehen, aufhebt, gibt es bis ans Lebensende kein Entkommen aus dieser Unsicherheit. So bereitet das Christsein dem einzelnen, besonders dem gewissenhaften Christen, keine reine Freude, weil es von Zeit zu Zeit, je nachdem von welcher Stimmung er ergriffen ist, von quälendem Entsetzen erschüttert werden kann. Weil Gott ja nicht alle Menschen zum Heil vorherbestimmt hat, sondern nur einige, – und selbst wenn es viele sind, ob ich dabei bin, das weiß ich ja nicht, – darum ist das Christsein zur Zeit Luthers von vielen seiner Zeitgenossen als die irdische Vorstufe zur Hölle empfunden worden, der man eigentlich nicht wirklich entkommen kann, und das umso weniger, je intensiver mich die eigene Sünde belastet und umtreibt. Gewiß kann Gott aus Erbarmen anders handeln, als wir es erwarten oder befürchten, aber wird er es (auch in meinem Falle) tun?

Gegen diese Verzweiflung ankämpfend, half Luther nur die eine Erkenntnis, die er durch die Besinnung auf den eigentlichen Sinn der Rettungstat Gottes in Jesus am Kreuz von Golgatha gewonnen hat: Das ist die gnadenweise dem Menschen zuteil gewordene Rettung – im Glauben an Jesus Christus. 49 Diese gilt es nun mit aller Entschiedenheit, im Vertrauen auf Gottes heilbringende Zukunft dem Menschen durch Verkündigung nahegebracht, zu ergreifen. In ihr wird der ursprüngliche Ratschluß Gottes zwar nicht aufgehoben, aber die Rettungstat Gottes in Jesus Christus enthüllt, daß Gott die sündigen Menschen nicht durch das abstrakte Gesetz seines Ratschlusses chancenlos zum Tod verurteilen, sondern vielmehr durch den Glauben zum ewigen Leben befreien will.

Gottes verborgener Ratschluß muß also gar nicht korrigiert oder durch einen anderen Ratschluß ersetzt, gleichsam „abrogiert“ werden, weil Christus (wie seine Geschichte zeigt) die Person gewordene Offenbarung des ewigen, uns Menschen in Wirklichkeit gar nicht verdammenden, sondern rettenden Ratschlusses ist. 50 Einzig Christus gegenüber, durch unser Ja oder Nein zu ihm, fällt die ewig vor und in Gott gültige Entscheidung über unser Heil oder Un-Heil. Sie fällt in dieser Zeit und in unserem Leben hier und jetzt. Somit fällt diese Entscheidung auch nicht ohne uns. Gott fragt uns durch die Verkündigung seines Evangeliums, wohin wir gehören und welchen Zielen wir mit unserem Leben dienen wollen. Er übergeht uns nicht. Aber gerade darum ist das rechte Hören des Wortes Gottes, wie es Jesus persönlich verkündigt hat und wie es uns seine Jünger und Apostel und zuletzt auch die heutigen Prediger zur Entscheidung vorlegen, grundlegend für unser Heil, wobei auch diese (unsere) Verkündigung nicht zum Gesetz gemacht werden darf, sondern für jede kritische Rückfrage offen bleiben muß.

 

Der Teufel als „Gottes Affe“ 51

Für diese Vorstellung gibt es eine Reihe von Belegen 52 bei Luther. Was will diese Formulierung sagen? Der „Affe“ ahmt wie ein Faxenmacher seinen Herrn nach. Alles was dieser tut, macht er auch, bloß mit falschen Gesten und Gebärden. Einerseits überzieht er damit die offiziellen Staatsvorgänge bzw. die liturgischen Abläufe in der Kirche mit seinem Spott, andererseits kopiert er sie, um seiner höllischen Affenwelt des totalen Durcheinanders den Anschein gleicher Würde und Wirkkraft zu verleihen. So werden beispielsweise Flüche zu Weiheformeln umformuliert („Herr Gott Sakrament“, „Kruzifixnochamal“, und der Teufel wird zum „Gottseibeiuns“ u.ä.). Luther rechnet das alles zum „Affenspiel“ (644f.) des Teufels. Aber damit kann dieser erfolgreich die armen Seelen zur Abkehr von Gott und zum Eintritt in „sein Reich“ (= Aberglauben) verführen.

So schreibt Luther in „Von den Konziliis und Kirchen“ (1539, WA 50, 488-653, hier 644): „Da nu der Teuffel sahe, das Gott eine solche heilige Kirche bauet, feixet er nicht und bauet seine Capellen dabey, grösser, denn Gottes Kirche ist, Und thet jm also. Er sahe, das Gott eusserlich ding nam, als Tauffe, Wort, Sacrament, Schlüssel ec., dadurch er seine Kirche heiligte, Wie er denn allezeit Gottes Affe ist und wil alle ding Gott nach thun und ein bessers machen, nam er auch eusserliche ding fur sich, die solten auch heiligen, gleich wie er thut bey den Wettermechern, zeubern, Teuffel bannern ec. da lest er auch wol das Vater unser beten und Evangelion uberlesen, auff das es gros heilthum sey.“

In dieser Parallelwelt des Teufels soll also mit Hilfe seines Affenspiels eine Pseudowunderkraft vorgetäuscht werden, die es bei ihm gar nicht gibt. Genau so aber habe der Teufel in der Kirche Einzug gehalten, nämlich durch das, was die Bischöfe und Priester mit ihrem liturgischen Zeremoniell an Hokuspokus betreiben 53.

 

Der Tod Jesu am Kreuz

Luther interpretiert den Tod Jesu am Kreuz als Übernahme der Sühneschuld des Menschen, die dieser infolge seines Sünderseins selber zu tragen hätte. Dabei konnte Luther auch Jes 53 (Gottesknechtslied), in dessen Schema schon im NT Jesu Tod interpretiert wurde, als Deutungsmuster heranziehen.

Von daher kann Luthers Theologie als Theologie des Kreuzes bezeichnet werden.

Allerdings trennt er das Kreuz Jesu nicht von seiner Auferstehung!

Oder anders gesagt, weil Jesus von Anfang an Gottes Sohn ist, wie es nach Luther schon die Geburt Jesu durch die Jungfrau Maria erwiesen habe, darum kommt seinem Sterben und seinem Tod diese unendlich erlösende Bedeutung zu. Die Lebenshingabe Jesu am Kreuz ist darum Ausdruck seiner (und zugleich Gottes) Liebe zum Menschen, um ihm das Schicksal einer definitiven Gottesferne im Tode zu ersparen, der ihm durch die Schuld seiner Gottlosigkeit jederzeit droht. Zwar bedeutet an sich auch der „natürliche“ 54, jedem Menschen noch bevorstehende Tod eine Trennung von Gott, aber dieser ist bereits in der Taufe „vorweggenommen“ und in den Tod Jesu „mitversenkt“ worden (Röm 6).

 

Die Kehrseite des Glaubens an Christus als die einzige Rettung aus der Gottlosigkeit und eines falschen Gesetzesglaubens ist der Antijudaismus Luthers. Dieser sein Antijudaismus hat allerdings mit dem rassischen Antisemitismus des Nationalsozialismus nichts zu tun, mit dem er oft in Verbindung gebracht wird, und ist auch nicht als dessen Vorstufe zu beurteilen, obwohl sein an Schärfe kaum zu überbietender Verbalradikalismus gegen Juden mehr als nur eine typisch Luther'sche Entgleisung rhetorischer Art ist, nämlich Ausdruck einer tiefsitzenden Judenfeindschaft auf der Seite Luthers und seiner Kirche, einer Feindschaft, die in der pluralistischen, offenen Gesellschaft von heute unerträglich wäre, obwohl sie nicht mit Antisemitismus gleichgesetzt werden darf, wie es heute sehr oft geschieht.

Wer heute Luthers aus seiner Spätzeit stammende Invektiven gegen die Juden  liest, hat demnach zweierlei zu beachten: 1. Er spricht hier immer als Theologe und nicht als Politiker, der ein politisches Programm zur Vertreibung der Juden vorstellt. Zwar haben sich bes. die Nazis und ihre Helfershelfer gern für ihre Verbrechen gegen die Juden auf ihn und seine judenfeindlichen Schriften berufen, aber sein Motiv ist doch ein ganz anderes: Denn als Theologe fürchtete Luther nichts mehr, als daß auch Christen von der Christusfeindschaft der Juden in ihrer Umgebung angesteckt werden könnten und  ihr Glaube dadurch Schaden nähme.  2. Die harsche Kritik an den Juden ist also in erster Linie Ausdruck seines lebenslangen Kampfes gegen die Verleugnung Christi, die er weder in der Form der römischen Werkgerechtigkeit noch in der Form der jüdischen Gesetzesfrömmigkeit  hinzunehmen gewillt war, zumal es für ihn  keine größere Sünde gab, als die in Christus geschehene Rettung aller Menschen einschließlich der Juden nachträglich zu nivellieren oder gar zu negieren.

Die den Juden pauschal vorgeworfene Christusfeindschaft richtet sich also primär gegen ihren (aus seiner Sicht falschen) Glauben und nicht gegen sie als Menschen. Im Gegenteil:  Für Luther trennt der Kreuzestod Jesu nicht die Menschen in verschiedene autonome Religionsbezirke, sondern er vereint Juden und Heiden und damit die ganze Menschheit im Zeichen des durch die Hingabe Jesu an den Willen des Vaters aufgerichteten Ersten Gebotes (der Alleinherrschaft Gottes).

Auch wenn man im  Interesse eines  entspannteren Verhältnisses zwischen Juden und Christen heute am liebsten jeder Religion ihren eigenen Heilsweg zugestehen  und so auch die Christen in ein religiöses Lager einsperren möchte,  bleibt doch festzuhalten, daß es Jesus in seiner Botschaft primär um sein Volk ging, zu dem er sich gesandt wußte. Seinetwegen hat er gelitten und das Böse, das ihm angetan wurde, ertragen. Aber gerade so ist er zum Grund einer erneuertenglobalisierten  Menschheit geworden, die  sich durch die missionarische Heilung der Trennung von Gott, durch die Verkündigung der Versöhnung von Gott und Mensch allein in Christus und durch ein Leben aus der Kraft des Heiligen Geistes immer mehr als eine große Einheit erfahren konnte.

Selbst der Kreuzestod Christi stellt also keinen definitiven Bruch mit dem Judentum dar. Auch wenn die Geschichte der Kirchen im Verhältnis zum Judentum davon oft wenig spüren ließ, ist die Christenheit von ihren Anfängen an nicht nur mit der Geschichte des alten Gottesvolkes verbunden, sondern ein Teil von ihm selbst, von dem sie sich nicht lossagen kann, ohne Christus zu verraten, und ohne diese wurzelhafte Verbindung mit dem Judentum hätte sie auch nicht die ihr aufgetragene Mission bis heute erfüllen können.

 

  • Heutige Theologie:

Selbstverfehlung des Menschen gerade durch sein Fixiertsein auf sich selbst und d.h. durch das ständige Kreisen des Menschen um sich selbst, sein Leben, seine Bedürfnisse, seine Fitness. Damit Verfehlung der Bestimmung des Menschen Gott gegenüber, weil der Mensch als solcher zu einer konkreten Gemeinschaft mit Gott bestimmt ist.

Begleitet wird solche Selbstverfehlung durch Unzufriedenheits- und Entfremdungsgefühle sowie Angst vor dem Ungewissen, Grauen vor der Zukunft, vor allem vor dem Sterben (auch wenn diese Angst durch eine Art Nihilismus oder Naturalismus verdrängt wird). Letztlich handelt es sich um eine Identitätskrise des Menschen.

Kompensatorische Süchte sind ein Ausdruck dieser Identitätskrise, wobei die Hohlheit unseres gesellschaftlichen Lebens als ein weiterer wichtiger Faktor dazu kommt.

 

Dieser Ansatz zeugt von dem Bemühen, Sünde nicht nur als eine Abkehr von Gott unter Voraussetzung  des Glaubens (!) an Gott, also als  reine Glaubenstatsache zu verstehen, sondern grundlegend als ein anthropologisches Strukturproblem des menschlichen Daseins aufzufassen, das solange keine Ruhe in sich selbst findet, als es nicht bei Gott angekommen ist, wobei der Mensch eben erst im vertrauenden Gegenüber zu Gott zu seiner Erfüllung (und damit zu sich selbst) gelangt.

Die Sünde müsse von daher auch in einem „Grundbestand naturaler Verfaßtheit verkehrten Lebens beim Individuum“ 55 lokalisiert werden können, die letztlich in der Zentralität der  menschlichen Lebensorganisation gründet.

Anthropologische Voraussetzung für diesen Ansatz ist die diesem Ich-Zentrum des Menschen entgegengesetzte  (Tatsache der) Exzentrizität 56 des Menschen (das nach außen auf die Welt hin und  darüber hinaus auf Gott ausgerichtete Wesen des Menschen, wie es sein ek-statisches Dasein in den Höhepunkten seines Lebens offenbart) als der zweite alle seine Aktivitäten, aber zuvor auch schon sein Denken durchziehende und strukturierende Grundzug seines Wesens.

 

4. Moderne psychologische und politische Theorien zum Bösen (Aggression) im Menschen

 

  • Man mag heute zu den Planeten in unserem oder in andere Sternensysteme fliegen und forschen, ob es auch anderswo im Universum Leben in unserem oder in einem vergleichbaren Sinne gibt, aber die wichtigste Frage ist doch die, ob wir unsere hausgemachten Probleme auf dieser Erde soweit lösen oder wenigstens eindämmen können, daß die Menschheit auf ihr auch weiterhin eine erträgliche oder vielleicht sogar bessere Zukunft haben wird als wir heute. Dabei spielt sicher eine große Rolle, als was wir den Menschen sehen: ob er seinem Wesen nach gut oder böse ist und ob er fähig ist, den Konsequenzen seines bisherigen Verhaltens (z. B. Konsumverhaltens) ins Auge zu blicken und entsprechende Korrekturen an seinem Verhalten vorzunehmen oder ob wir ihm das nicht zutrauen.

Je nachdem wie wir darauf antworten, wird sich auch das Schicksal unsres freiheitlichen demokratischen Rechtsstaates entscheiden.

Wer dem Menschen hinsichtlich seiner Bereitschaft, aus Fehlern zu lernen und seinen verbrauchsintensiven Lebensstil zu ändern zugunsten eines verantwortlichen Umgangs mit der Umwelt und dem Lebensrecht der Menschen in den unterentwickelten Ländern keine gute Prognose stellen kann, wird seine Hoffnungen eher auf einen autokratischen Staat setzen als auf einen Staatenbund mit einer Gemeinschaftsregierung. So aber wird das Interesse an einer menschenfreundlichen Lösung dieser Probleme erneut egoistischen nationalen Interessen untergeordnet und wird das Interesse an der Stärkung der eigenen (militärischen) Durchsetzungsmacht alle anderen Erwägungen, die außerhalb des eigenen Einfluß- und Handlungskreises liegen, zurückdrängen.

Wer dagegen erwartet, daß der Mensch im Prinzip die Warnungen vor einer solchen Entwicklung zu beherzigen imstande ist und nach Kräften nach einem Ausweg aus diesen krisenhaften Erscheinungen unserer Zeit Ausschau hält, wird alles tun müssen, um ihn auf diesem Wege einer überstaatlichen Einigung und gemeinsamen Handlungskonzepten zu unterstützen.

 

Allerdings gibt es aufgrund geschichtlicher Erfahrungen gegenüber diesen Hoffnungen und Erwartungen zu Recht auch viel Skepsis.

 

  • Die Bibel kann den Menschen zwar im Prinzip, nämlich als Gottes Geschöpf, nicht für (total) schlecht 57 erklären, aber sie erkennt auch, daß der Mensch leider aus den eigenartigsten Gründen sehr egoistisch, ja gegen Gott eingestellt sein und aus dieser kurzsichtigen Haltung heraus auch sehr viel Böses anrichten kann.

Erst wenn der Mensch bemerkt, daß er sich damit ins eigene Fleisch schneidet und auch seinen Angehörigen sehr viel Schaden zufügen kann, pflegt dieser Mensch seine Lebensweise zu überprüfen und eventuell „umzukehren“.

Diesen Sachverhalt kann die Bibel auch so umschreiben, daß der Mensch Sünder ist: Er ist kein Held, sondern eher ein Otto Normalverbraucher. Aber er ist auch kein Taugenichts oder gar Unhold. Denn Sündersein bedeutet nicht, daß er Tag und Nacht auf Böses sinnt. Gleichwohl ist er dazu jederzeit imstande, wenn er schuldhaft in „böse“ Gesellschaft gerät und den Überblick über seine Angelegenheiten, seine Aufgaben und Pflichten, verliert, erst recht, wenn er sein Gewissen ausschaltet. Insofern ist die Anlage zum Sündigen bei jedem Menschen vorhanden. Ob die positiven oder die negativen Kräfte in ihm überwiegen, entscheidet sich sehr oft daran, ob er es schafft, die seelischen oder gesellschaftlichen Spannungen und Konflikte, denen er ausgesetzt ist, zu bändigen und in einer emotional nachvollziehbaren (vernünftigen) Weise auszuagieren.

 

  • Die entscheidende Frage ist heute, ob man von einer kulturellen Bedingtheit der Aggression sprechen muß, oder ob im Menschen selbst die Ursache zur Aggression vorhanden ist, so wenn behauptet wird, daß es gewissermaßen die „tierischen“ Gene im Menschen sind, die er auch als Mitglied einer hochzivilisierten Gesellschaft nicht automatisch los wird. 58

 

Jedenfalls muß man von einer auffälligen, anscheinend unaufhebbaren Verhaltensambivalenz des Menschen sprechen.

Diese Verhaltensambivalenz des Menschen läßt sich an folgenden beispielhaften Beobachtungen 59 festmachen:

 

1. Jahrelang freundliche Nachbarn, aber ein falsches Wort kann die ganze Freundschaft mit einem Schlag zerstören und in Dauerstreit und Haß verwandeln.

2. KZ-Bewacher, die Hunderte oder gar Tausende Menschen liquidieren halfen, haben sich nach dem Krieg zeitweise als warmherzige Krankenpfleger hervorgetan.

3. Rudolf Höß, der Auschwitz-Kommandant, in dessen Lager täglich ungezählte Kinder vergast wurden, war zugleich ein fürsorglicher Vater.

4. Der Bomberpilot, der mit einer Bombe vielen Menschen den Tod bringt, ist, zuhause angekommen, der beste Familien- und Kulturmensch, den man sich denken kann, spielt Geige, ist in seiner Kirchengemeinde karitativ tätig, oder aber, das gibt es natürlich auch, zerbricht an der Frage nach seiner Schuld.

5. Die Autostraßen und -bahnen, auf denen täglich Todesrennen stattfinden, bilden das größte Schlachtfeld unserer Gesellschaft, wobei das Gaspedal zum Tötungsinstrument geworden ist. In manchen Kriegen sterben weniger Menschen als jährlich bei uns auf den Straßen.

6. Hexenverbrennungen zwischen 1500 und 1800, unsägliches Leid für viele Frauen, nur weil sie im Verdacht standen, die Lehre und das Recht der (katholischen) Kirche zu mißachten und Naturkulten, vielleicht sogar satanischen Riten, verfallen zu sein.

7. Schein- und Schauprozesse in der Sowjetunion unter Stalin, in denen nicht nur große Teile der Intelligenz des Landes zu langjährigen Haftstrafen und Arbeitslager, sondern viele „gläubige“ Kommunisten, die sich als Emigranten in diesem Sehnsuchtsland ihrer Träume (von einer besseren Gesellschaft) aufhielten, sogar grundlos zum Tode verurteilt und auf erbärmliche Weise liquidiert wurden, oder sie verschwanden spurlos in den Katakomben des sowjetischen Geheimdienstes KGB. Der Terror des Freislerschen Volksgerichtshofs in Nazideutschland gegen „Volksschädlinge“ tobte nicht schlimmer als die Terrorjustiz der SU.

8. Bei Boxkämpfen werden mitunter sogar zahme Frauen zu schreienden Hyänen, die ihren Liebling im Ring lauthals auffordern, seinen Gegner butalstmöglich „fertig zu machen“. Und geht es bei den Fans in den Fußballstadien viel anders zu?

9. Jährlich werden viele Kinder von ihren Eltern auch bei uns zu Tode geprügelt oder Strafen unterzogen, die an Grausamkeit nicht zu überbieten sind. Viele von ihnen werden nicht gefaßt, weil zu viele dieser Untaten als Unglücksfälle hingestellt und anerkannt werden. Das ungeliebte Kind als Störfaktor, das mitleidslos zum Schweigen gebracht wird?!

 

  • Freud spricht daher vielen Konservativen aus der Seele, wenn er vom Aggressionstrieb des Menschen – in Verbindung mit dem von ihm sog.Todestrieb (Eros und Thanatos) spricht. Aber gibt es den wirklich? Und blendet er nicht sehr viel Gutwilligkeit, Uneigennützigkeit u. a. aus? Denn neben Mord und Totschlag zeichnen den Menschen ja auch ganz andere Eigenschaften und Verhaltensweisen aus, wie z. B.: Liebe, Empathie, Wohlwollen, Vernunft sowie Freiheitskampf und Einsatz für die Rechte des Schwächeren. 60

 

  • Trotz all dieser unleugbar positiven Eigenschaften, die dem einzelnen Menschen immer wieder attestiert werden können, ist sein Verhalten aufs ganze gesehen nicht frei von Anwandlungen des Bösen, besonders wenn es um ihn selbst, seine Bedürfnisse und Privilegien geht. Generell kommt es zu Ausbrüchen des Hasses und der Gewalt  sehr oft in der Masse, wozu sich nicht selten auch an sich friedfertige Menschen  hinreißen lassen. Deshalb darf man es  nicht nur als Ausdruck eines repressiven Staatsverständnisses im Sinne von law and order werten,  wenn in unruhigen und unsicheren Zeiten vermehrt der Ruf nach einem starken Staat zu hören ist, der den Bürger vor den Ausbrüchen solcher aggressiven Friedlosigkeit schützen soll.

 

Eine bedeutende und bis heute nachwirkende Theorie über das Verhältnis der Menschen in der bürgerlichen Gesellschaft angesichts ihrer parteilichen, teilweise auch religiös begründeten Gegensätze, entwickelte Thomas Hobbes in seinem „Leviathan“ (1651). Von ihm stammt der Satz, der Mensch sei dem Mitmenschen ein Wolf (homo homini lupus est). Deshalb brauche er einen starken Zentralstaat, der alle Gewalt in seinen Händen hält. Er ist Ausdruck der Kapitulation des Menschen vor seiner Unfähigkeit, den Bürgerkrieg zu beenden und die gemeinsamen Streitigkeiten auf friedliche Weise zu lösen. Dieser Staat fordert darum von allen seinen Bürgern ihre Selbstentwaffnung und die Unterwerfung unter sein Dekret. 61

 

 

Wolfgang Massalsky, 30. 4.2017

Erweiterte Schriftfassung des 17. Arbeitsblattes für den Arbeitskreis Bibel, Theologie, Kirche

Quellen: Luther WA/ WAT

Sekundärliteratur:

Cl. Westermann, Schöpfung, 19762 (1971)

D. Michel, Israels Glauibe im Wandel, 1971 (Michel)

F. Crüsemann, Bewahrung der Freiheit. Das Thema des Dekalogs in sozialgeschichtlicher Perspektive, 1983

H.-J. Gamm, Aggression und Friedensfähigkeit in Deutschland, 1968

J. Rattner, Aggression und menschliche Natur, TB 1972 (1970)

H. A. Oberman, Luther. Mensch zwischen Gott und Teufel, 2. Aufl. 1983 (1982)

Lexikonartikel: A. Regenbogen, Art.Gut/Böse in: Europäische Enzyklopädie für Philosophie und Wissenschaften (Hg. H. J. Sandkühler), Bd 2, 1990, S. 484-495

ThWNT Bd III, Art. kakós (Grundmann) 470-482

W. Pannenberg, Systematische Theologie Bd 2, 1991 (ST II)

Drs., Anthropologie in theologischer Perspektive, 1983 (Anthr)

 


Anmerkungen

1 Im Sinne Jesu könnte dies nur die bedingungslose (Feindes-) Liebe sein,  wie sie programmatisch in der Bergpredigt (Mt 5-7) ausgesprochen wird, bzw. Gott selbst, in abgeschwächter Form die Goldene Regel von Mt 7, 12. Aber ein praktikabler Maßstab zur Unterscheidung von gut und böse ist beides nicht. So gab es seit dem 2. Jht. in den verschiedenen christlichen Gruppierungen einen sehr heftigen Meinungsstreit darüber, ob man z. B. Ehe, Zölibat (Askese), Reichtum, Wehrdienst als gut oder als böse zu bewerten habe. Ähnliche Auseinandersetzungen durchziehen die ganze Kirchengeschichte. Heute stellen Genmanipulation, Abtreibung und Homosexualität die evang. Kirche, die über kein Lehramt verfügt, vor ähnlich schwierige Probleme. Außerdem geht es an dieser Stelle um den Zugang zum Wissen ganz allgemein, um das Wissen von allem, was ist, das sich Gott vorbehalten hat, nicht um eine moralische Bewertung menschlichen Handelns und Verhaltens, die wir heute in erster LInie mit gut und böse verbinden.

2 Ex 20, 1-17; man vergleiche hierzu die andere Ausrichtung der Zehn Gebote in Dtn 5.

3 Das ist schon deshalb schwierig weil die hebräischen Ausdrücke für „gut“ und „böse“ sehr unterschiedliche Eigenschaften umfassen können: z. B. erfreulich/schlimm, angenehm/übel, zweckmäßig/schädlich, glücklich/unglücklich, lieblich/häßlich, vortrefflich/geringwertig.

4 Das ist in etwa auch die Zeit, in der die Priesterschrift verfaßt wurde und in der diese Gebote außer im Dtn überliefert wurden.

5 Gleichzeitig enthalten sie mit dem vierten Gebot eine Art Generationenvertrag zwischen den Kindern und ihren Eltern auf dem Boden Israels.

6 Die Zehn Gebote stammen aus  später vorexilischer Zeit ("Spätling“ schreibt F. Crüsemann), allerdings dürfte an den Formulierungen im einzelnen noch lange Zeit weiter gefeilt worden sein.

7 wofür auch der apodiktische Charakter der Gebotsformulierungen spricht

8 An erster Stelle steht, was wir Gott schulden, an zweiter Stelle, was wir dem Nächsten schulden, wobei die Eltern und der Boden, auf dem wir uns befinden und bewegen, den Anfang dieser zweiten Reihe bilden.

9 Auf der Basis von Gesetzen, die natürlich keinen demokratischen Entscheidungsprozessen unterworfen sind.

10 die immer auch eine Abwägung zwischen mehr oder weniger gut und weniger oder mehr böse vornehmen muß

11 Die Bibel ist voll davon. Im Unterschied zu diesem biblischen Pessimismus bemüht sich die heutige Friedens- und Konfliktforschung um eine Aufklärung und Entschärfung ökonomischer und gesellschaftlicher Fehlentwicklungen sowie politisch-militärischen Sachzwänge – allerdings mit nur geringem Erfolg.

12 Obwohl nicht bestritten werden darf, daß die Selbstzentriertheit des Menschen, sein Kreisen-um-sich-selbst, eine wesentliche Ursache des Bösen im Miteinander der Menschen ist, besonders dann, wenn sie zur Verschlossenheit gegenüber Gott und dem Nächsten führt (das „In-sich-Verkrümmtsein“ Luthers). Trotzdem wird man auch solchen Menschen nicht pauschal einen „schlechten Charakter“ o.ä. unterstellen dürfen, der sie so zu sein und zu handeln zwänge. Sonst gäbe es ja keine Möglichkeit der Konversion, die zwar von Gottes Gnade ausgeht, aber doch in ihren Folgen eine Erneuerung des ganzen Daseins eines Menschen beinhaltet (einschließlich seines Handelns), und es gäbe auch keine Hoffnung für den Straftäter auf Resozialisierung.

13 durch Dominanzansprüche verzerrten

14 Auswirkungen davon sind falsche Ehrbegriffe, Mißgunst, Zank (überflüssiger Streit), Neid und Rachsucht

15 Obwohl die Erhaltung des gesellschaftlichen Friedens grundsätzlich ein hohes Gut darstellt.

16 Vgl. das Gleichnis von den Talenten (Mt 25, 14-30; Lk 19. 11-27)

17 Diese Zukunft läßt Neuschöpfung durch Gott mit dessen Gericht und so den Weg Johannes des Täufers mit dem Jesu zusammenfallen.

18 wobei auch der Tora-Glaube durch neue Gerechtigkeitsformen erweitert und vertieft, ja überboten wird

19 vgl. auch das Gleichnis vom alten und neuen Weinschlauch.

20 wobei er selbst als Mensch in allem uns gleich gewesen sei außer in der Sünde!

21 „Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat“ (1 Joh 5) mag hier als Losung dienen.

22 So wie andere böse bzw. giftige Keime den Körper physisch zerstören können, so sind es hier gewissermaßen „böse“ geistige (pneumatische) Wesen, die in die Seele des Menschen eindringen und sie mit Beschlag belegen.

23 Das „Gift“ der Schlange besteht jedoch hier in der Intelligenz, mit der sie Eva umschmeichelt. Von daher stellt sich die Frage, ob die naive Unschuld des paradiesischen Naturzustandes erst durch die Fähigkeit zum Hinterfragen und Nachdenken über den Sinn des göttlichen Gebotes zerstört worden ist.

24 Man sollte daher den hebräischen Begriff der Schlange hier besser mit „Schlangerich“ übersetzen (Michel, 115).

25 Wobei das prinzipielle Ja Gottes zum Menschen durch diese Sünde nicht aufgehoben wird, auch wenn er dadurch sein ursprüngliches Lebens- und Wohnrecht in der paradiesischen Nähe zu Gott verloren hat.

26 Wieweit die Erzählung (Mythos) vom Sündenfall ursprünglich den wenig erfreulichen, aber notwendigen Abschied (Bruch) des erwachsenen und vernünftig gewordenen Menschen vom (mit dem) Urstand paradiesisch-kindlicher Unschuld zu beschreiben versucht, das muß hier offen bleiben.

27 Dagegen meint Cl. Westermann, Schöpfung, 156: Die sofortige Exekution der „Todesstrafe tritt nicht ein“. Das ist zwar richtig. Aber wenn auch die jetzt verhängte Sterblichkeit erst nach einem langen Leben auf Erden eintreten sollte, so ist der irdische Tod doch als „der Sünde Sold“ gemeint, wie Paulus sagt (Röm 5), wobei die Sünde darin besteht, nicht mit Gott gerechnet und sich von ihm abgewandt zu haben. Die verschiedentlich geäußerte Auffassung, daß der Mensch im Paradies von vornherein sterblich war, weil er nur durch die Frucht des Lebensbaumes Unsterblichkeit erlangt hätte, scheint mir unrichtig zu sein. Als Erdgeschöpf (2, 7) ist er sicher sterblich, wie er es auch nach seinem Paradiesesaufenthalt tatsächlich ist, aber im Paradies (2,8 ff.) ist der Mensch nicht derselbe wie vorher oder nachher. Es geht ihm dort super, seine Lebensdauer ist (wahrscheinlich) unbegrenzt. Nur leider steht er dort unter der direkten Aufsicht Gottes, und sein Leben ist einzig und allein von Gottes Willen abhängig, verkörpert durch das Gesetz, das Gott für ihn aufgestellt hat. Wer dieses mißachtet und übertritt, ist des Todes. – Auch ist zu fragen, was für einen Sinn denn die Androhung des sofortigen Todes im Paradies hätte. Damit hätte ja Gott die Erschaffung des Menschen rückgängig gemacht! Die Schlange bestreitet daher mit Recht den sofortigen Tod, weil er widersinnig ist. Nur der aus dem Paradies verbannte Mensch ist sterblich. Darum erscheint ihm die Unsterblichkeit, wie auch jede noch so kleine Verlängerung der eigenen Lebensspanne, als ein so kostbares Gut, daß er sie sich deshalb am liebsten ebenso wie das Wissen um Gut und Böse aus dem Paradies mitgenommen hätte.

28 Wenn die Kleidung nicht aus Wolle, sondern aus Fellen besteht, muß naturgemäß ein entsprechendes Tier zuvor (als Opfertier?) getötet worden sein. So wäre der Tod bereits Teil der Paradieseswirklichkeit?

29 Man wird die Gabe der Unterscheidung von gut und böse (richtig und falsch) als eine primär die Zeit nach dem Sündenfall charakterisierende, allgemeinmenschliche Fähigkeit zu verstehen haben. Insofern ist der Gewinn dieses Wissens durch die Sünde der Gebotsübertretung notwendig für ein menschliches Leben und Überleben in der Welt.

30 Was ist mit den übrigen Tieren, lebten sie nicht auch im Paradiesgarten? Bleiben sie im Paradies? Ändert sich nicht auch ihr Leben, wenn die Menschen als „Sünder“ das Paradies verlassen müssen?

31 Offenbar entstammt die Sündenfallgeschichte in der Priesterschrift einem eher spätbiblischen Weltbild, in dem Engelwesen (wie der Schlangerich) das Leben Gottes und der Menschen umgeben.

32 Auch das mündlich gesprochene Wort Gottes ist für den Menschen Gesetz.

33 Engelslehren mit einem großen Stab von Engeln entstammen zumeist einer späteren (apokalyptischen) Zeit und hat Israel wahrscheinlich erst im babylonischen Exil kennengelernt.

34 Anders der zweite Schöpfungsbericht, der dem Jahwisten angehört; hier ist der Garten Eden der Ort, der dem Menschen von Anfang an als Lebensraum dient. Daß er zugleich zu einem Ort paradigmatischer Versuchung werden soll, – paßt das wirklich zur Vorstellung des Garten Eden mit seinen kraftvollen, nährenden Bäumen, wie er in Gen 2, 8ff. ausgemalt ist, ein Ort, von dem Kraftströmen gleich die großen Flüsse der Erde ausgehen? Erst mit der Neueinsetzung des Menschen in V. 15f. wird das Versuchungsmotiv von Kap. 3 vorbereitet. Dabei handelt es sich offensichtlich um einen sekundären Eintrag im Sinne der Sündenfallgeschichte von Gen 3.

35 Am Ende der Sintflutgeschichte bekennt sich Gott erneut zum Menschen und seiner Welt, obwohl oder vielmehr weil das Trachten des Menschen „von Jugend auf böse“ ist (Gen 8, 21) und es keinen besseren Menschen gibt, solange sein Leben nicht auf eine neue Grundlage gestellt wird.

36 und damit auch der „Staat“ als die höchste Organisationsform einer das Gute gegen alles in seinen bzw. unseren Augen Böse bewahrenden Erhaltungsordnung

37 die hier gar nicht aus dem Menschen selbst hervorgegangen, sondern ihm von einer fremden Macht eingegeben worden sein soll

38 und nicht nur das Verhältnis des Menschen zum Gesetz betrifft

39 Vielleicht sollte man sogar von einer durchgängigen Gebrochenheit des menschlichen Verhältnisses zu Gott sprechen, die durch die Paradiesesgeschichte vorgeführt wird.

40 Im weiteren Sinne gehört dazu auch jede andere Erscheinungsweise des Bösen, namentlich das willentlich Böse, wie es vor allem seit (dem Papst) Gregor dem Großen durch das Begehen einer der sieben Todsünden (Hochmut, Geiz, Wollust, Zorn, Völlerei, Neid und Trägheit) definiert wurde.

41 und den die Schlange für ihre Zwecke ausnutzen konnte

42 Diesen Glauben zu erneuern und zu festigen, ist auch das Ziel der Sündenvergebung, die Jesus den Kranken zugesprochen hat.

43 Wenn Jesus dem Schächer zu seiner Rechten das Gegenteil verspricht, nämlich daß der mit ihm „noch heute im Paradiese“ sein wird, so ist damit nicht die Rückkehr ins Paradies Gen 3 gemeint, sondern die ihm (in Anbetracht des ihnen bevorstehenden Todes) geschenkte definitive Heilsgegenwart Gottes aufgrund seines mit Jesus solidarischen und die Umkehr zu Gott bezeugenden Verhaltens.

44 Ebenso wenig wird man bei Scbwerstverbrechen wie den Judenmorden in Auschwitz von der „Banalität“ des Bösen (Hannah Arendt) sprechen können, selbst wenn ein Täter später behauptet, keinerlei persönliche Feindseligkeit gegen seine Opfer zu kennen und sein Tat-Verhalten als „normal“ im Rahmen des damals gesetzlich Gebotenen darstellen möchte (wie im Fall Eichmann) oder sich auf Befehlsnotstand herausreden kann. Vielleicht kann und will er das Ungeheuerliche seines Tuns nur nicht nachvollziehen, aber das gilt gewiß nicht für die Opfer, die ihn anklagen!

45 Vgl. Obermann, Luther – zwischen Gott und dem Teufel, 1983

46 Darum ist auch für Luther die Beichte wichtig.

47 Vgl. die erste Psalmenvorlesung von 1513-1515 (Dictata super Psalterium).

48 Dieser Kampf nimmt natürlich in jeder Zeit andere Formen an. Für Luther konnte es das Schwärmertum, der „Antichrist“ in Rom oder die Glaubensschwäche der Christen gegenüber den Christusleugnern (Juden u.a.) sein. In den letzten 100 Jahren kamen neue Fronten dazu: Mal ist von der Kirche ein entschiedeneres Auftreten und ein wagemutigeres Bekenntnis gegenüber dem Staat gefordert, mal ist der Versuchung zu wehren, der Kirche für ihr Handeln ein radikal-politisches Programm zu verschreiben oder sich als Gesellschaftskirche zu sehr für die Anliegen eines liberalen säkularen Rechtsstaates einspannen zu lassen und umgekehrt zu wenig zu tun für die Stärkung innerkirchlicher Gemeinschaft und die Herausbildung einer eigenständigen kirchlichen Potenz gegenüber dem Staat. Heutzutage vermissen viele Christen beider großen Konfessionskirchen in Deutschland ein radikaleres Auf-einander-zu-Gehen, um bes. im religiösen Bereich mehr Gemeinsamkeiten zu erreichen.

49 Der Vorteil dieses Ansatzes ist klar: Wir können bei Gott mit unserem Tun keine Pluspunkte erwerben, wir sind ganz und gar auf Gott angewiesen, auf seine Güte und Gnade, um in Ewigkeit vor ihm zu bestehen. Das tiefere Problem dieses Ansatzes besteht jedoch darin (und war jedenfalls von Luther selbst noch nicht in der Schärfe gesehen worden), ob die Annahme dieses Gnadengeschenkes nicht sogar voraussetzt, daß mein sonstiges Leben  ohne diese Verbindung mit dem Glauben für die ewige Seligkeit grundsätzlich nichts wert ist (anders als etwa bei Calvin!). Im Zuge der  Säkularisierung des geselleschaftlichen Lebens konnte diese ursprünglich positiv gemeinte Denkweise  nun so verstanden werden, daß der Glaube inbezug auf unser alltägliches, berufliches Leben aus rein sachlichen Gründen herauszuhalten sei und damit für den öffentlichen Bereich unseres Zusammenlebens völlig überflüssig werden konnte, wie das heute weithin der Fall ist.

50 abgesehen von denjenigen, die dieses Heilsangebot ablehnen und deshalb der ewigen Verdammnis der Selbstausschließung aus der Gemeinschaft mit Gott anheimfallen.

51 Dies ist ein altes Sprichwort, das in der Kirche zumindest seit dem MA (13. Jht.) bekannt war, wie aus der Sprichwörtersammlung von J. Agricola (1528ff.) hervorgeht: „Der Teuffel ist unsers Herr Gotts affe“. Vor 600 gibt es dafür keine Belege, obwohl ein ähnliches Wort schon bei Augustinus vorgekommen sein soll, ohne daß die Belegstelle dafür verifiziert werden konnte. Luther hat dieses Sprichwort vermutlich unabhängig von Agricola gekannt, vgl. die Nachschrift einer Predigt von ihm zum 1. Buch Mose aus dem Jahre 1523/1524 (WA 14, 434, 18).

52 Vgl. Alfred Adam, Der Teufel als Gottes Affe. Vorgeschichte eines Lutherwortes, in: LJb 1961, 104-109

53 „Die gesegnet Kreuter treiben die gifftigen würm weg. Etlich segen heilen die Küe, weren den milch dieben, lesschen feur. Etliche Brieve machen sicher im Kriege und auch sonst wider eisen, feur, wasser, thier ec.“ (645). Zu diesem Volksaberglauben aber fügt Luther nun auch noch an: „Müncherey, Messe und des gleichen sollen mehr, denn gemeine seligkeit geben“. (ebd.) 1518 hat Luther die kirchlichen Veranstaltungen und Gebräuche noch nicht so stark abgewertet!

54 Ob auch dieser nur durch die Paradiesessünde verursacht ist oder zur „Natur-Ausstattung“ (Endlichkeit) des Menschen gehört, ist in der Theologie umstritten (s. Anm. 27).

55 Pannenberg ST II, 295, vgl.  Anthr 104f., 102 ("Spannung zwischen Zentralität und Exzentrizität")

56 Vgl. Pannenberg, Anthropologie, spricht von der „ekstatische(n) Wesensverfassung der Person“ (512), er assimiliert damit Plessners anthropologische Konzeption an das christliche Menschenbild.

57 "Es braucht schon sehr viel Besonnenheit, um den Katalog menschlicher Greueltaten zur Kenntnis zu nehmen, ohne den Menschen zu verteufeln." Das sagt Rattner aaO 202, der gegenüber dem Menschen für eine weniger einseitige Betrachtungsweise eintritt und die eher negative Haltung Mitscherlichs in dieser Frage scharf kritisiert. Das heute sog. „Gutmenschentum“ mag zwar als naiv und weltfremd dargestellt werden, kann aber als Gegenbewegung zu einem dekadenten, ja zynischen Menschenbild auch als Herausforderung gegen Gleichgültigkeit und Abgestumpftheit im Umgang der Menschen miteinander verstanden werden.

58 vgl. dazu Konrad Lorenz, Das sog. Böse, 1963

59 nach H. J. Gamm, Aggression und Friedensfähigkeit in Deutschland, 1968, S. 56f., von mir teilweise modifiziert und ergänzt. [Dieser Verhaltensambivalenz trägt das lutherische simul justus et peccator auf seine Weise Rechnung. Gewiß ist der Mensch in der Gemeinschaft mit Christus (durch die Taufe) formal der Sünde der ewigen Trennung von Gott enthoben, dennoch kann ihm jede neue Lebenssituation zur Anfechtung werden, der Sünde falschen, (bösen) Handelns bzw. Verhaltens nachzugeben.]

60 So sind die Nachfolger und Schüler von Freud oder Lorenz auch zu ganz anderen Beurteilungen des Menschen gekommen, oder sie haben nach anderen Ansätzen einer gerechteren Beurteilung des Menschen gesucht. Vgl. dazu  J. Rattner, Aggression und menschliche Natur, TB 1972 (mit Nachwort)

61 Auch der „Multikulti“-Staat von heute kann eines Tages, wenn die Desintegrationskräfte in ihm zu groß und damit unbeherrschbar werden und die Integrationskräfte immer mehr erlahmen, in eine ähnliche Situation geraten.