9. n. Tr.

1. Könige 3, 5-15

 

(Predigttext 9. n. Tr. Reihe V, 6.8.23)

für Olaf

 

A. Exegese:

 

1. Zum literarischen Rahmen

Die beiden Königsbücher bilden zusammen mit den Samuelbüchern, Josua und Richter sowie 5. B Mose (Deuteronomium) das sog. deuteronomistische Geschichtswerk. Die aus dem 6. Jht. stammenden Verfasser (Exilszeit) sind nämlich theologisch bes. vom 5. B. Mose geprägt. Die Entdeckung eines neuen Gesetzbuches (wie es im Dtn. beschrieben ist) durch König Josias im späten 7. Jht. verhalf ihnen zu einer neuen Sicht auf das, was Gott von Israel erwartet. So sollte das ganze Zusammenleben im Volk von Grund auf reformiert werden, denn die bisherige Geschichte des Königtums wird (bis auf wenige Ausnahmen) als eine Geschichte mit katastrophalem Ausgang (Deportation und Exil) erlebt und beschrieben. Dies sollte auf der Basis dieser Aktualisierung des Gesetzes anders werden.

 

2. Der ursprüngliche Text 1. Kön 3, 5-15

Ihn zu rekonstruieren, also aus dem vorhandenen Text einen Ur-Text herauszuschälen, ist ein Wagnis. Eine Möglichkeit besteht darin, das nackte, logisch verbundene Aussage-Gerüst als ursprünglich anzunehmen und alles andere als sekundäres Füllmaterial einzuklammern.

Das Gerüst besteht dann (aller Wahrscheinlichkeit nach) aus den Versen: 5b. 6a. 9a.11a. 12b1.Teil. 13a.15a 1. Teil.15b.

Entscheidend ist, daß dieses Gerüst eine in sich sinnvolle Aussage ergibt, die durch die Zusätze lediglich erweitert worden ist.

Wir erhalten dann folgenden Text:

Da sprach Gott (Elohim): Bitte, was ich dir geben soll. Salomo antwortete: (…) So mögest du deinem Knecht ein verständiges Herz geben, damit er dein Volk regiere und zwischen gut und schlecht unterscheide. (…) Da sprach Gott zu ihm: ( … ) Siehe, ich gebe dir ein weises und verständiges Herz (…) Aber auch was du nicht erbeten hast, gebe ich dir: Sowohl Reichtum als auch Ehre (…) Da erwachte Salomo und siehe, es war ein Traum.1 (…) Und er brachte Trankopfer dar und veranstaltete Gemeinschaftsopfer und gab ein Gastmahl für alle seine Knechte. (Grundtext nach Würthwein s. Sek.lit.)

 

3. Versexegese im einzelnen

V. 5: Wo befinden wir uns? Gibeon, eine Kultstätte (vgl. V. 4 in Verbindung mit Altar und Gemeinschaftsopfer)

V. 6: Das positive Vorbild Davids (Wandel in Wahrheit und Gerechtigkeit, Redlichkeit des Herzens, demgegenüber die Unreife Salomos für das hohe Amt, das er jetzt einnimmt bzw. auf ihn zukommt)

V. 7: ein Jüngling ist Salomo noch, der nicht ein noch aus (zet wabo‘) weiß … Er bittet um Rat und Weisheit, zumal er als König für das Volk, das Gott ihm anvertraut, verantwortlich sein wird, eine ihn sonst sicher überfordernde Aufgabe ...

V. 8: Und das Volk, das er regieren soll, wie soll er ihm bei dessen unübersehbarer Größe beikommen? Aber es ist das Volk, das Gott erwählt hat.

V. 9: Salomo bittet um ein „verständiges Herz“ (Zunz: leb = „Sinn“).

V. 10: Das findet nun Gott (statt adonai lesen viele Handschriften: Jahwe) sehr sympathisch („gut“).

V. 11: habin lischmoa mischpat (Zunz übersetzt: Einsicht, das Rechtsprechen zu verstehen). Wörtlich bedeutet „zu hören Gericht/Recht“ = gerechtes Hören. Im richterlichen Sinn heißt das: wir hören uns den vorgetragenen Fall genau an und entscheiden dann mit Intelligenz, wie er richtigerweise beurteilt werden muß (vgl. die nachfolgende Geschichte V. 16-28, die das verdeutlichen kann, die übrigens früher in unserer Predigttextordnung als Marginaltext vorgesehen war und zur Verdeutlichung des salomonischen Scharfsinns herangezogen werden sollte und vielleicht sogar als 2. Teil des Predigttextes mitgelesen werden kann.)

V. 12: Und Gott schenkt Salomo einen so „weisen“ Sinn (so Zunz), daß ihn niemand mehr an Weisheit übertreffen wird.

V. 13: Und als Zugabe wird ihm auch noch alles das gegeben, wofür Salomo ebenfalls berühmt war: Reichtum und Ehre. Aber wohlgemerkt: die Grundlage für all das, ist das gerechte Urteilsvermögen, das ihm Gott schenkt. Und Gerechtigkeit gibt es nur mit und durch Gott. Menschen sind von Natur aus eher egoistisch, und auch Paragraphenreiterei ist noch keine Gerechtigkeit.

V. 14: Und langes (oder gar ewiges) Leben, um was der „normale“ Mensch (im Märchen) gerne bittet, besonders wenn er krank ist, das wird an eine Bedingung geknüpft, die wir nicht übersehen dürfen: Wandle in meinen Satzungen und Geboten! So wie David???

V. 15: Der Schauplatz ist plötzlich ein anderer: Jerusalem vor der Bundeslade, dazu die Opferung von Trankopfer und Gemeinschaftsopfer, aber auch ein Gastmahl für die „Knechte“.

[4,1: Hinweis auf Salomos Königtum – Der Vers ist hierher vorgezogen, wo er nach Würthwein als Abschluß dieser "Legitimationsgeschichte" besser passen dürfte als am Schluß der nachfolgenden Geschichte.]

 

4. Die theologische Zielsetzung der in 3. erwähnten Erweiterungen

Der Grundriß läßt erkennen, daß Salomo sein Königtum ernsthaft, dh. im Bewußtsein der Größe dieser Aufgabe, und im Vertrauen auf Gottes Hilfe zu führen gedenkt. Die zwischengeschobenen Ergänzungen lassen zusätzlich erkennen, daß Salomo auf das Vorbild Davids, seines Vaters, hingewiesen werden soll. In seine Fußstapfen soll er treten. Ihm folgen, auch wenn er sich mit ihm an Tatkraft nicht vergleichen kann. Daß Salomo also König wird, verdankt er ihm als dessen legitimer Nachfolger, nicht seinem eigenen Können. Er sollte das Erbe nicht verschleudern. Denn das Volk wird es ihm nicht leicht machen, zu regieren. Dennoch fehlt es nicht an devoten Huldigungen für Salomo. Vor allem seine vernünftige Zurückhaltung wird ihm von Gott hoch angerechnet. Allerdings wird ihm eingeschärft, daß es dringend erforderlich ist, sich nach den Geboten Gottes zu richten, wenn er als Regent ein langes Leben haben will. Interessanterweise ist am Schluß nicht mehr von Gibeon die Rede, um dort die Opfer zu verrichten, sondern Jerusalem ist jetzt der angesagte Ort, und zwar er allein (Kultzentralisation).

 

B. Hauptaussage:

 

1. Dem Salomo erscheint Gott im Traum. Salomo darf sich etwas von Gott wünschen, und er wünscht sich die Fähigkeit zur Unterscheidung zwischen guter und schlechter Regierungsarbeit (wozu ein verständiges Herz nötig ist). Das ist ungewöhnlich. Normalerweise wünscht man sich doch in Träumen (wie im Märchen) das Unmögliche: einen Wagen voller Gold, die schönste Frau des ganzen Landes oder umgekehrt den entsprechenden Mann, die besten Kinder, eine tolle Villa usw. Das muß Gott doch anerkennen: So eine nüchterne Bescheidenheit kommt nicht alle Tage vor. Und diese Bitte will Gott ihm auch gewähren, aber darüber hinaus – wegen seiner Bescheidenheit – auch noch Reichtum und Ehre und Macht schenken.

Salomos Hauptsorge als junger Herrscher ist, wie sich gutes und schlechtes Regieren unterscheiden lassen, und das ist ein gutes Zeichen. Denn darüber machen sich viele Herrscher (nicht nur in der damaligen Zeit!) keine ausreichenden Gedanken. Gute Herrschaft wird von Gott belohnt werden, lautet die Botschaft.

 

2. Für uns Heutige würde das einschließen: keine Ausbeutung der Schwachen, Gerechtigkeit gegen jedermann üben, den Staat (wie er von David, dem Vater, übernommen wurde) in seinen jetzigen Grenzen sichern und vielleicht sogar noch vergrößern. Wenn durch gute Verträge mit den Nachbarstaaten die zwischenstaatlichen Gewaltpotentiale abgebaut werden können, ist das besser als mit globaler Aufrüstung die Welt in neue Kriege zu treiben. Aber das bedeutet nicht, sich blind zu stellen gegenüber den versteckten Absichten möglicher Gegner.

 

3. Die Realität war in der Tat eine andere: An den Grenzen gab es während Salomos Herrschaftszeit Gebietsverluste und in manchen Gegenden wachsende Unsicherheit. Militärische Wachsamkeit war Salomos Sache nicht. Er war eher ein Lebemann als ein volksnaher Heerführer. Immerhin behielt er die Kernlande Judäa, Israel und Jerusalem, aber viele Gebiete aus dem Erbe Davids gingen im Laufe der Zeit verloren.

 

4. Fehlende Legitimation

Was bedeutet es, daß die ganze Erzählung von der liebevollen Zuwendung Gottes zu Salomo nur ein Traum ist? Daß die harte Realität der Tatsachen oft eine andere Sprache spricht als wir uns in unseren Träumen ausdenken?

Ist Salomo nun ein von Gott gesegneter Herrscher oder nicht? Saul und David waren von Gott auserwählte Heerführer und Herrscher, wenn auch ihr Schicksal damit nicht automatisch ein gutes Ende nehmen sollte. Höhenflüge können leider auch mit harten Bruchlandungen, ja mit tödlichen Katastrophen verbunden sein, wenn der Pilot seine Fähigkeiten falsch einschätzt. Und Salomo? Wird Gott ihm auch als König über ganz Israel beistehen? Allerdings erwacht Salomo aus diesem Traum genau an der Stelle, da Gott ihm verheißen will: Wenn du in meinen Satzungen wandelst, wirst du ein langes Leben haben. Wird sich Salomo daran halten? Oder sind die Satzungen Gottes für ihn auf Dauer doch unerfüllbar? Salomo wird uns bekanntlich als ein Mann der (kunstvollen) Weisheit geschildert. Aber war er auch ein weiser Staatsmann?

 

5. Ideal und Wirklichkeit

Die Realität verlangt von Herrschern oft ganz andere Tugenden, als sie von Hause aus mitbringen. Oder wenn sie einem privaten Beruf nachgehen würden. Mancher wächst mit seinen Aufgaben, mancher scheitert an ihnen. Wer glaubt, daß das Regieren in Friedenszeiten leichter ist als in Kriegszeiten, kann an Salomo lernen, daß dem nicht so ist. Er hatte nicht Kämpfe und Kriege zu bestehen, wie seine Vorgänger. Mit ihm brach eine Zeit des Friedens an. Es ging allen relativ gut. Aber wieso wird gerade da mancher Herrscher sehr nachlässig, wenn er aus dem Vollen schöpfen kann? Ganz besonders dann, wenn er in Luxus schwelgt und die Staatsgeschäfte nur noch im Eintreiben der Steuern für die teure Unterhaltung des Hofstaates bestehen ... Welche Talente wären da erforderlich, um das Staatsschiff gut durch die Wellen der Zeit zu lenken und vor Schiffbruch bei stürmischer See zu bewahren? Weiß er denn nicht, daß kein Frieden ewig hält, wenn man nichts dafür tut?

 

 

C. Traum/Träume im AT:

 

In der Bibel spielen Träume immer wieder eine große Rolle, aber keineswegs immer eine positive (1. B. Mose 20, 3; 25, 24; 28,11; 31,11; 32, 22ff.; 40;45, 2; Ri 7, 13; 1 Sam 3; 1 Sam 28, 6; Jer 23, 25ff.). Am bekanntesten sind die Traumszenen in der Geschichte von Joseph und seinen Brüdern. Unsere Erzählung schildert den letzten Traum in der Bibel, und bis zur Apokalyptik sind Träume kein Thema mehr, oder sie werden abfällig abgetan. Mit dem Buch Daniel, also in der apokalyptischen Spätzeit, leben Traumgesichte wieder auf (Dan 2; 7).

Träume können Schäume sein, sie können aber auch eine göttliche Botschaft an die Träumenden vermitteln. Was genau der Fall ist, das muß der Betreffende selber erkennen oder es muß ihm durch Traumdeuter offenbart werden, indem sie den Traum in Normalsprache übersetzen.

 

D. Was können wir daraus lernen und wie könnte unser Predigtentwurf aussehen?

 

Mancher mag auf bewährte Mittel zurückgreifen, wie z. B. eine Beispielerzählung, die vielleicht das kindliche Gemüt befriedigt (vgl. GP z. St.), aber eine erwachsene Hörerschaft (Gemeinde!) eher unberührt läßt, zumal wenn sie theologisch einigermaßen gebildet ist. Andererseits haben wir uns inzwischen daran gewöhnt, daß die Menschen, die zu uns in die Gottesdienste kommen, gern etwas Erbauliches hören wollen. Sie mit Problemen aus biblischen Zeiten zu beschäftigen, ist dagegen weniger erfreulich.

Hier müssen wir uns entscheiden: Was wollen wir mit der Predigt erreichen? In den Sonntagsschlaf singen oder aufrütteln? Daß die Kirche heute im Niedergang begriffen ist, sollte ihren Vertretern zu denken geben. Die meisten Predigten, die ich höre oder lese, lassen allerdings nichts davon spüren, daß der Kirche die Zeit und die Menschen davonlaufen. Doch muß eine aufrüttelnde Predigt nicht im falschen Sinne „gesetzlich-fordernd“ sein, zumal wenn sie bei den Gottesdienstbesuchern an der falschen Adresse ist. Wie kann sie beides miteinander verbinden: Die Strenge der biblischen Botschaft und die Weisheit des offenen, „verständigen“ Herzens?

Schon die Exegeten (wissensch. Bibelausleger) pflegen oft die Bibel so zu interpretieren, daß sie gegenwartsnah nachvollziehbar erscheint, obwohl sie natürlich zunächst nur erklären wollen, wie sie ursprünglich verstanden sein wollte, also wie sie von ihren Verfassern gemeint gewesen ist. Diese Doppelaufgabe ist in der Tat oft nur auf Kosten der einen oder anderen Intention zu erfüllen. Dh. man transponiert sie meist willkürlich in die Gegenwart, ohne sich ausreichend Rechenschaft darüber abzugeben, daß die Gegenwart vor ganz anderen Aufgaben steht und mit Hilfe biblischer „Rezepte“ nur selten erfolgreich angegangen und aufgebrochen werden kann.

Was also tun? Wie kommen wir mit unserem Bibeltext zurecht?

Ein verständiges Herz brauchen auch wir, um die Zeichen der Zeit richtig zu beurteilen, aber auch nicht überzubewerten. Wir müssen immer auch bereit sein, im Miteinander Auswege aus unseren Lebenskrisen zu finden, sei es im privaten Leben, sei es im politisch-gesellschaftlichen Raum. Wie können wir den eigenen Lebenswünschen den notwendigen Spielraum sichern, um uns sinnvoll in unseren Gemeinschaften einbringen oder verwirklichen zu können?

Ein Predigtentwurf könnte das Thema: Ideal und Wirklichkeit (s.o. B. 5.) behandeln.

Vielleicht können die folgenden Stichworte dazu einen Ansatz entwickeln helfen:

1. Predigt an die Obrigkeit (falscher, pervertierter Gehorsam! Obrigkeitshörigkeit als Zerstörung des demokratischen Miteinanders. Was bedeutet heute good governance? Gibt es aktuelle Beispiele für eine Politik der Vermeidung von Konflikten,  wenn Salomos Sicherheitspolitik etwas Derartiges im Sinn gehabt haben sollte ... )

2. Richterliche Unabhängigkeit genügt nicht, wenn nicht noch etwas dazu kommt – aber was?

3. Wider die geistige Schwerhörigkeit, das unverständliche Grummeln der Leute hören und beachten (AfD-Stimmenhoch). Die Jugendlichen haben kein Vertrauen mehr in die Politik (fridays for future, last generation, extinction, rebellion etc.) - und wo stehen wir Christen?

4. Wo haben wir ein „schlechtes“ Gehör, wo hören wir nur, was wir gern hören wollen? Gibt es Grund zur Selbstkritik, zum besseren Hinhören auf das, was andere wirklich meinen?

5. Veränderungen in der Beziehung Kirche und Bevölkerung. Findet die Kirche noch Gehör? Hat sie bereits ausgespielt? Der Verwerfungsprozeß, in dem sich das Christentum heute befindet ...

6. Welche Träume haben wir? Frieden, Sicherheit ja, aber hören wir auch die Stimmen derer, die keinen Platz in unserem Herzen haben? Neue Perspektiven?

7. Wenn ich einen Wunsch bei einer Fragerunde frei hätte, was würde ich mir wünschen? Außer Gesundheit und langes Leben?

8. Wasserknappheit, Kluft zwischen arm und reich, Verteilungskämpfe. Ist der Krieg in der Ukraine nur das Vorspiel zu ganz anderen Kriegen?

[9. Wegen des historischen Datums  6. 8. 1945, an dem erstmalig eine Atombombe auf eine Stadt (Hiroshima) abgeworfen wurde, könnte in diesem Jahr am 6.8. thematisch auch die Frage nach der Berechtigung des Einsatzes atomarer Vernichtungswaffen behandelt werden, selbst wenn es sich dabei um einen Krieg auf Leben und Tod handelt. Die Diskussion um das moralische Recht des damaligen Abwurfs von Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki wenige Tage später drehte sich besonders um die Frage, ob es legitim ist, große Städte mit 100.000en unschuldigen Einwohnern auszulöschen, um den Gegner zum Aufgeben seiner kriegerischen Handlungen zu zwingen, wenn dieser von sich aus keine Kapitulation aus Vernunftgründen akzeptieren will. Vorausgesetzt ist dabei, daß die Fortsetzung des Krieges bis zur vollständigen Vernichtung (Kampfunfähigkeit) des Gegners mit konventionellen Waffen auf beiden Seiten weit mehr Opfer fordern würde, als der atomare Erstschlag damals auf der japanischen Seite faktisch gefordert hat. Dabei wird man allerdings zwischen Angriffskriegen in erpresserischer Absicht und Kriegen zur Verteidigung der Lebensinteressen eines Staates unterscheiden müssen. Heute hat sich im Hinblick auf die Möglichkeit von Kriegen eine noch dramatischere Situation herausgebildet, weil alle potentiellen Gegner inzwischen atomar hochgerüstet sind. Kann man in einem großen Krieg der Zukunft zwischen den Führungsmächten verschiedener Kontinente noch darauf hoffen, daß eine Verständigung - durch den bloßen Appell an das "verständige Herz" - erzielt werden kann, um eine globale Katastrophe zu vermeiden? Oder müssen heute neue Abwehrmechanismen und Institutionen geschaffen werden, um Kriege dieser Größenordnung verhindern zu können? Jedenfalls sollte die Weltgemeinschaft niemals zulassen, daß sich ein Krieg vollständig der menschlichen  Kontrolle entziehen kann. Aber genau das erscheint heute durchaus denkbar, wenn man die Entscheidung über den Beginn eines Krieges (meistens unter Bruch vertraglicher Verpflichtungen), aber auch die Entscheidung, wie in einem bestimmten Stadium der Kriegsführung militärisch erfolgreich operiert oder eine drohende Niederlage abgewendet werden kann, letztlich also über Abbruch oder Fortsetzung eines Krieges, nicht mehr von politisch-moralischen Überlegungen, sondern einzig von den automatischen "Rechenkünsten" künstlicher Intelligenz abhängig macht. (Nachtrag 24.7.23)] 

 

Wolfgang Massalsky, 15. 6. 23 für den Arbeitskreis

 

Benutzte Literatur:

Biblia Hebraica (ed. Rudolf Kittel), 1966 (1937)

Die 24 Bücher der Heiligen Schrift nach dem masoretischen Texte (unter der Redaktion von L. Zunz übersetzt von Arnheim, Fürst, Sachs) 14. Auflage 1898 (zit. Zunz). Die beiden Königbücher sind speziell von H. Arnheim, Glogau, übersetzt worden.

S. Herrmann, Geschichte Israels in alttestamentlicher Zeit, 3. Auflage 1985 (1973)

ATD 11,1 (Das erste Buch der Kön 1-16) hrsg. E. Würthwein, 1977 (zit. Würthwein)

A critical and exegetical Commentary of The Books of Kings, ed. Montgomery/Gehmann, 1960 (1951)

Gottesdienst Praxis V/3 Perikopenreihe, 2023, bes. S. 121ff. ( zit. GP z. St.), wobei der Vergleich von Jesus mit Salomo verfehlt sein dürfte (S. 123), auch wenn Jesus Salomo zweimal als Beispiel anführt, aber wie tut er das? Siehe Mt 6 u. Mt 12.

Ergänzende Literatur:

Ernst Ludwig Ehrlich, Der Traum im Alten Testament, 1953, bes. S. 19ff. ("die vollständigste Inkubation im AT: Ein Heiligtum wird zur Erlangung eines Orakels aufgesucht, Opfer werden dargebracht, man legt sich zum Schlafen nieder, und im Traume erfolgt das Orakel.")

Martin Noth, Geschichte Israels, 1959 4 , bes. S. 248f. (In Josias  18. Regierungsjahr, das war 621/20 v. Chr.,  "wurde bei Gelegenheit von Bauarbeiten im Jerusalemer Staatsheiligtum ein >>Gesetzbuch<< gefunden und ... dem König vorgelegt ... Dieses >>Gesetzbuch<< erwies sich als eine anscheinend alte Formulierung des Gottesrechtes, das Gültigkeit beanspruchte und dessen Bestimmungen doch damals in der Praxis weithin nicht beachtet wurden. Der König beschloß, diesem >>Gesetzbuch<< Geltung zu verschaffen."); S. 249: ("Alle Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß dieses >>Gesetzbuch<< mit der Urgestalt des im AT erhaltenen deuteronomischen Gesetzes zu identifizieren ist. Dieses Gesetz ist vermutlich im Laufe des 7. Jhts. v. Chr. unter Verwendung zahlreicher und verschiedenartiger älterer Zusammenstellungen von Rechtssätzen zusammengestellt und mit predigtartigen paränetischen Ausführungen durchsetzt worden mit der Absicht, das alte Gottesrecht für die Gegenwart neu zu formulieren und zur Geltung zu bringen." Wobei sich Noth hier auf G. v. Rads Deuteronomium-Studien bezieht.)

 

Anmerkung:

1 M. E. könnte das Aufwachen aus dem Traum diesen Grundtext abgeschlossen haben. Der folgende Satz (V. 15b) nimmt offenbar V. 4 auf und präzisiert die Opfergaben. Warum V. 5a wegfallen soll, erschließt sich mir nicht, weil ja da explizit vom Traum die Rede ist, dessen Ende in V. 15a berichtet wird. Dagegen kann man 4, 1 tatsächlich hierherziehen, zumal dann, wenn VV. 16-28 als Beispiel für das richterliche Geschick des Königs ebenfalls eine sekundäre Zutat sind. Wahrscheinlicher ist aber gerade erst durch das Urteil in 16-28 gezeigt, was für ein intelligenter Mann der König ist bzw. sein soll.