5. n. Tr.
Für den AK am 11.6.2026 zu Luk 5, 1-11 (Predigttext am 5.7.2026)
A. Exegetische Notizen
1. An welchen Stellen können und müssen wir einhaken?
a) Was ist das für eine Darstellung?
Grob gesagt: eine Fischfang-Geschichte kombiniert mit Erkenntnis und Bekenntnis der eigenen Sündhaftigkeit durch Petrus.
Nachgetragen werden die Fischer-Kameraden des Petrus: Jakobus und Johannes (des Zebedäus Söhne).
Aber waren die zuletzt genannten Jünger wirklich dabei? Oder sah sich die „Regie“ irgendwie gezwungen, sie als führende Gestalten der Jüngerschaft hier mitzuerwähnen, obwohl sich diese Erzählung als eine Art Bekenntnisgeschichte des Apostels Petrus vermutlich allein auf ihn bezog?
Offensichtlich ist die Geschichte vom Fischfang überarbeitet worden, zumindest indem die Namen der Fischer im anderen Boot "nachgeliefert" werden, aber wahrscheinlich auch was die Gesamtkonstruktion dieses Textes betrifft. Die Verkündigung Jesu vom Boot aus, während die Fischer ihre Netze flicken, leitet alles Weitere ein. Jesus lädt Simon zu einem weiteren Fischzug ein, und dann geschieht, was eigentlich unmöglich ist. Es ist das Vorspiel zu seinem Sündenbekenntnis und der Einladung Jesu, mit ihm Menschen zu "fischen" ... Hier ist eine sicher gewollte Steigerung erkennbar: Am Anfang die "normale" Massenverkündigung Jesu, dann die Auswahl eines einzelnen, das Fischwunder, Simon Petrus` Bekehrung vom Zweifler zum Bekenner, vollzogen durch das Sündenbekenntnis, schließlich die Übertragung einer neuen Aufgabe, die den gewaltigen Fischfang zum bloßen Symbol oder Vorspiel des Kommenden degradiert.
Mal ist von "Simon" und mal von "Simon Petrus" die Rede. Ursprünglicher dürfte Simon sein. "Petrus" (= petros/Fels) ist ein Beiname, der die besondere Glaubens- und Charakterfestigkeit (?) Simons anzeigen soll. Dagegen verweist "Simon" allein auf die Anfangszeit der Jüngersuche Jesu, also auf die vorösterliche Periode, in der wir uns ja hier befinden. Somit dürfte der Doppelname auf eine spätere (nachösterliche?) Überarbeitung dieser Episode hinweisen.
b) Besonderheiten:
die Anrede Jesu mit „epistata“ (V.5) durch Petrus. Ist hier "Herr" richtig? Das klingt jedenfalls schon sehr "christologisch"! "Epistata" kann allerdings auch eine profane Bedeutung bekommen. Was die kyrios-Titulatur angeht, so wird bei Luk nicht zwischen dem Irdischen und dem Erhöhten unterschieden. (Vgl. den Hinweis bei M. Rese, 205f. Anm. 3 siehe Litv.) F. Hahn (s. Litv.) ordnet Lk 5,8 mit der Anrede "kyrie" dem lukanischen Sondergut zu (S. 84 A. 6) und S. 85 nennt er Lk 5, 1-11 eine "Epiphaniegeschichte": Die Tatsache, daß Jesus hier mit einer "göttlichen Würde" versehen sei, habe Lukas mit dem Text übernommen, sie stamme nicht von ihm selbst. Doch wenn er sie bestritten hätte, hätte er sicher entsprechende Eingriffe in den überlieferten Text vorgenommen. Allerdings sei diese Sicht "für seine Gesamtkonzeption nicht eigentlich bezeichnend".
c) Worte und Begriffe:
„dierässeto“ = „zerriß“ (V.6c) in NT graece et germanice, 2. Aufl. Eberhard Nestle, 1901, die gleiche Übersetzung auch in der Ausgabe von 1915 z. St.)
„bythizesthai“: „sanken“ (ders.)
gleiche Übersetzung: Johann Albrecht Bengel, Gnomon Novi Testamenti, ursprüngllich in Latein 1742, in der Übersetzung von Ernst Bengel 1784, Deutsch C.F. Werner, 1952, (DDR), unveränderter Nachdruck der 3. Aufl. von 1876.
„begannen ihre Netze zu zerreißen“ (B. Weiß, NT mit Erläuterungen, 1905, z. St.) (wie erklärt sich: beginnen zu zerreißen im Sinne einer unvollendeten Handlung? Eigentlich doch nur "zerreißen"!)
„begannen zu sinken“ (ebd.) Wieso wieder "beginnen"? Sie sinken doch ...
„fast rissen“ (Fridolin Stier, Das Neue Testament, 1989)
„tief einsanken“ (ebd.)
„tief im Wasser lagen“ (NT von Klaus Berger u.a. übersetzt, 1999)
2. Auffälligkeiten:
Wer wird angesprochen von Jesus? Nur Petrus oder auch die übrigen Fischer? "Fahre" (Sing.) hinauf und "werfet" (Plur.) "eure" Netze aus ... Wer ist ursprünglich angeredet? (vgl. V.4)
Die Übersetzungen differieren in einem wichtigen Punkt, nämlich ob nun die Schiffe wegen der großen Last sanken oder nur tiefer im Wasser lagen als sonst üblich und zu sinken "begannen" oder zu sinken "drohten".
Offenbar verschärft der Text die Ausweglosigkeit der Situation: die gewaltige Last können Netze und Schiffe nicht bewältigen, sie reißen bzw. sinken. Damit ist allerdings das Wunder dieses außerordentlichen Fischfangs nur von kurzer Dauer. Man muß nun retten, was zu retten ist, denn sonst verschwindet alles wieder im tiefen Wasser. Davon ist aber nicht die Rede. Alles scheint seinen normalen Gang zu gehen. Es gibt keine Aufregung. Eine durchkomponierte Erzählung hätte wohl mehr Informationen liefern müssen, als es hier der Fall ist. So bleiben nur Vermutungen. Deswegen glaube ich, daß hier aus einer fertigen Fischfanggeschichte eine Wundergeschichte gemacht wurde (bzw. diese jener "aufoktroyiert" wurde), die Petrus zu seinem demütigen Kniefall vor Jesus veranlaßt habe. Denn die Kombination des Christusbekenntnisses mit der Wundergeschichte läßt Jesus doch als eine Art Zauberer oder "Tausendsassa" erscheinen, der Unmögliches möglich macht.
3. Wie ist diese Perikope zu gliedern?
(1) Jesus in Aktion, Verkündigung vom Boot aus (worüber? Daß die Zeit erfüllt ist?)
(2) Die Fischer, die ihre Netze waschen. Jesus sieht ihnen offenbar die Enttäuschung über die vergebliche Nachtarbeit an ...
(3) Jesu Aufforderung, noch einmal rauszufahren (mit welchen Netzen?) Muß es in deren Augen nicht eigentlich anmaßend klingen, als er sie aufforderte, noch einmal mit ihm zusammen auf den See hinauszufahren? Haben sie etwas falsch gemacht?
(4) Die Skepsis, daß dies ein sinnvolles Unternehmen sei. Trotzdem, ein Versuch mag es wert sein ...
(5) Und dann die Überraschung: ein Riesenfang! Eigentlich unmöglich! Kann es sein, daß die Fische sich von der Ufernähe in die Mitte des Sees flüchten, um den Netzen am Uferrand zu entgehen?
(6) Und dann lenkt die „Regie“ den Blick auf Petrus (sozusagen im Großformat). Ein großer Schrecken befiel die Fischer und bes. Petrus. Er bittet Jesus um die Vergebung seiner Sünden. Worin besteht seine Sünde? In seinem Kleinmut, da er es für sinnlos hielt, nochmals rauszufahren und die Netze zu dieser späten Zeit auszuwerfen? Will Jesus damit sagen, es gibt nicht nur die Fischerlogik, die diesen zweiten Versuch für vergeblich hält, sondern auch eine Gotteslogik, nach der "alles möglich ist, dem, der glaubt"?
(7) Jesus benutzt diese Erfolgsstory, um auf das hinzuweisen, was er plant, nämlich Jünger zu gewinnen, die ihm nachfolgen, die mit ihm gemeinsame Sache machen. Mit seiner Aktion wollte er also nicht das Geschäft der Fischer, die Härte und oft auch Vergeblichkeit ihrer Arbeit in Zweifel ziehen oder sich über sie lustig machen, als beherrschten sie ihr Handwerk nicht. Er, der Zimmermann von Beruf ist, kann auch den Fischern zeigen, wo es lang geht? „Nicht verzagen, Jesus fragen!“ - soll das unser Motto als Christen sein? So wie ich es sehe, ist das nicht Jesu Absicht. Hat uns aber der Evangelist Lukas einen derartigen Wunderglauben als den wahren Gottesglauben empfehlen wollen? Das ist immerhin denkbar ...
(8) Das Entscheidende kommt am Schluß: Die Aufforderung, mit ihm als Menschenfischer, Menschen wie Fische zu fangen (= für das Reich Gottes zu gewinnen) und ihm „nachzufolgen“ (äkolouthäsan autoo) (V. 11). Der Käscher wäre dann wohl die Botschaft Jesu. Aber dann gehen sicher viele „Fische“ durch die Maschen des Netzes. Jesus will also mit dieser Geschichte uns Mut machen, ihm nachzufolgen, auch wenn die „Erfolgsquote“ oft nur sehr klein ist, wie wir es selber immer wieder erlebt haben: 100 haben wir eingeladen zu kommen, zehn sind gekommen, - und geblieben? Mission als gruppendynamischer Prozeß ... Schrecken wir die Menschen ab, zu uns zu kommen und zu bleiben? Machen unsere Gemeinden etwas falsch? Ist die (Landes-) Kirche falsch "organisiert"? Kommt die Botschaft Jesu heute nicht mehr bei uns an?
B. Unterschiedliche Zielsetzungen (skopoi) aus verschiedenen Predigten
1. Beispiel: R. Bultmann, Marburger Predigten, 1958 (2. Aufl.) Erstauflage 1956, S. 137-147 (am 13. 7. 1941 gehaltene Predigt)
a) Bultmann lenkt den Blick von einem falschen Wunderbegriff, der nur auf den Durchbruch durch die natürliche Normalität blickt und diesen für das Entscheidende hält, zu einem Verständnis von Wunder, das die ganze Schöpfung in den Blick nimmt. Die gesamte Schöpfung ist ein Wunder, nicht nur eine besondere Anomalie im Verhalten der Natur. So käme es weniger auf die brechend gefüllten Netze an, die die Fischer nur mit Mühe in ihre Boote hieven konnten – das ist im herkömmlichen Sinne das eigentliche Wunder – , sondern auf den Kniefall des Petrus vor Jesus und seinem Entsetzens-Bekenntnis: „Geh du weg von mir, ich bin ein sündiger Mensch!“ Die Existential-Theologie kann mit dem eigentlich für jeden Betrachter ins Auge springenden Fischfang-Wunder wenig oder gar nichts anfangen. Für sie zählt nur das Sündenbekenntnis des Petrus. Es geht ihr offenbar mehr um „geistige“ als um materielle Werte. Aber Menschen, die täglich um ihre materielle Existenz kämpfen, werden darüber sicher anders denken. Das Erstaunen darüber, daß die Fischergruppe, die während der ganzen Nacht nichts gefangen hatte, aber nun, mit Jesus an Bord, am helllichten Tage (!) sogar bergeweis Fische fingen, als sprängen die Fische wie auf Kommando freiwillig in die Netze, ist nur zu verständlich, - denn das alles war doch bestimmt extrem ungewöhnlich! Was hindert uns, dies für ein veritables „Wunder“ zu halten? Ähnlich erstaunt waren wir Kinder einst in meiner Heimatstadt, wenn am sog. Fischertag einmal im Jahr das sog. Bachausfischen begann. Denn manchmal gewannen nicht die alterfahrenen Fischerrecken den Siegespreis für den größten oder schwersten Fisch. Die hatten zwar oft schon vorher tagelang die besten Stellen abgesucht, wo die großen „Lackel“ schwammen. Aber manchmal waren die Jungen die Glücklicheren. Die besaßen zwar nicht soviel Erfahrung wie die Alten, dafür aber Spürsinn und Wagemut. Indem sie die verängstigten Fische aus den verborgensten Verstecken hervorstöberten und in ihre Netze (im Memmingerischen Schwäbisch: "Bära") scheuchten, manchmal mehrere Leute im Teamwork zusammen, haben sie dann und wann zur Überraschung aller durch ihr Geschick sogar den ersten Preis, die Fischerkönigskrone, gewonnen.
b) Um diese Krone geht es letzten Endes auch in unserer Wundergeschichte, nämlich daß die Jünger die Krone des Lebens erlangen als Mitarbeiter im Missions- und Rettungswerk Jesu. Mitarbeiterschaftssorgen gibt es nämlich nicht nur im profanen Alltagsgeschäft der Fischfänger, sondern auch Gott sucht immerzu nach neuen Wegen und vor allem Mitarbeitern, um – nun der raffiniert angezielte Umschlag der Geschichte vom wunderbaren Fischfang Jesu – das Reich Gottes mit Jesus zusammen aufzubauen, und dazu braucht es Menschenfischer, die wissen worauf es in diesem missionarischen „Handwerk“ ankommt. Dazu braucht es Mitarbeiter, auf die Verlaß ist und die sich nicht zu schade dafür sind, auch ein scheinbar abgeerntetes Feld erneut zu beackern, wie es diese Männer auf Geheiß Jesu taten, trotz der schier aussichtslos scheinenden Lage, noch dazu um diese späte Stunde.
c) Dies ist also eine Lehrstunde Jesu, wie man aus verzweifelten Fischern, die während der Nacht umsonst nach konsumierbarem Fisch für die Familie oder den Verkaufsstand in den See hinausgefahren sind, Leute macht, nämlich „Jünger“, die wissen worauf es ankommt, um aus desinteressierten, mit sich selbst und ihren Alltagssorgen beschäftigten Menschen, zumeist Tagelöhnern, - aber vielleicht sind auch einige Reiche darunter, die nicht wissen, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen, - Menschenfischer macht, die treu zur Sache Jesu und seiner Mission stehen. Das nannte man früher Reich-Gottes-Arbeit. Dazu lädt uns die Bibel mit dieser Geschichte ein. (Heute ist das Reich Gottes eher eine virtuelle Größe; wir können auch sagen: eine eschatologische; durch bloße Arbeit kann man sie nicht verwirklichen, es ist und bleibt Gottes Werk ...)
d) Bultmann macht aus dieser durchaus realistischen Geschichte etwas ganz anderes: 1. geht es ihm um die ganze Schöpfung, aber nicht um die Erhaltung von Fischgründen oder um die Warnung vor Überfischung. Wozu ihm der Fischfang dient, ist nicht wirklich klar. Er hat keine Funktion, außer daß die Fischer, stellvertretend für sie explizit Petrus, zu einer neuen Selbsterkenntnis gelangten: „Ich sündiger Mensch …“. Was natürlich auch wichtig ist, ja lebensentscheidend sein kann, wenn es die Umkehr im Glauben an Jesus beinhaltet. Aber es füllt keine hungrigen Mägen. Allerdings einen predigenden Landsmann wie einen Gott anzusprechen, ist maßlos übertrieben, um nicht zu sagen: gottlos, – selbst wenn es aus Dankbarkeit geschieht. Trotzdem muß man zugeben, daß dieser Jesus für Petrus in der damaligen Situation offenbar über zauberische Kräfte verfügen mußte, jedenfalls was den Fischfang-Erfolg angeht.
e) Im übrigen ist ein Sündenbekenntnis vielleicht eher angebracht, wenn man nichts und vielleicht sogar tagelang nichts gefangen hat, als wenn man einen so überwältigenden Fang gemacht hat. Außerdem ist interessant, daß die Fische, die sie gefangen haben, wegen der riesigen Menge (fast) die Netze zerreißen, so gespannt waren diese. Für diesen außerordentlichen Fang wäre ein kräftiges Gotteslob fällig gewesen, keine "Nörgelei" von wegen der eigenen Sündhaftigkeit. Obwohl vieles, was wir an Subsistenzmitteln mit unserer Hände Arbeit erwirtschaften, immer ein Gottesgeschenk bleibt, zumal in einer solchen Welt wie der hier geschilderten, war jedenfalls hier ein Dankgebet, vielleicht auch ein Bittgebet um Sündenvergebung (wegen der eigenen Mutlosigkeit) nicht verkehrt, vor allem wenn man, wie gesagt, längere Zeit nichts gefangen hatte.
f) Was aus dem eigentlchen Fischfang wurde, ist nicht bekannt. Es kümmert sich niemand mehr darum. Ist die Fangmenge jetzt gar nicht mehr wichtig, weil die Fischer in neue Gefilde an der Seite Jesu aufbrechen sollen? War diese Geschichte doch nur ein Aufhänger für die Botschaft (der Nachfolge) Jesu gewesen? Wie sind sie nachhause gegangen? Zufrieden, eine neue und wichtigere Aufgabe als Menschenfischer erhalten zu haben? Jedenfalls bleibt der Fischbestand im großen und ganzen erhalten, und die Fischer haben für sich und die Bewohner des Fischerdorfes vermutlich genug neue Nahrungsmittel, jedenfalls die Gewißheit, daß der See noch nicht leer ist.
g) 2. Bultmann zieht aus dieser Geschichte die Schlußfolgerung, daß es eigentlich vor allem um die Gnade Gottes für den sündigen Menschen geht. Obwohl Jesus gar nicht von der Gnade Gottes spricht, sondern von der Anstellung der Jünger-Troika für die Reich-Gottes-Arbeit (denn das ist der Sinn des Menschenfischens), als eine gewissermaßen neue berufliche Perspektive, auch wenn sie weiterhin ihr tägliches Brot mit Fischfang zu sichern hatten. 3. Die kerygmatische Ausrichtung von Bultmanns Verständnis der synoptischen Evangelien zeigt sich sehr deutlich daran, daß es ihm nicht um den tatsächlichen Bericht geht (denn der ist für ihn bloß eine „Legende“, 140, so auch in seiner "Geschichte der synoptischen Tradition" S. 232), sondern um den tieferen Sinn: „… die Hauptsache ist … nicht, daß Petrus einen wunderbaren Fischzug getan hat, sondern dieses, daß Petrus zum Apostel, zum Verkündiger des Wortes berufen wird. (…) … das Wunder des Fischzugs (ist) das Bild für etwas viel Größeres ... Das eigentliche Wunder ist die Apostelwirksamkeit des Petrus, ist die Wirksamkeit des von Menschenmund gesprochenen göttlichen Wortes. Eben dieses Wunder soll durch den wunderbaren Fischzug wie durch ein Bild veranschaulicht werden.“ (141)
h) 4. Wer nur auf die kerygmatische Quintessenz aus ist, wie Bultmann, der greift bei solchen Geschichten allerdings zu kurz. Denn die ganze Atmosphäre dieser ungewöhnlichen Erzählung ist mehr als eine bloße Erfindung des Evangelisten als Rahmen für das Wort Jesu, wie Bultmann sie versteht (vgl. Apophthegmata). Die Prediger mögen sich damit begnügen, diesen Aspekt besonders hervozuheben, zumal sie mit Luthers Verständnis der Bedeutung der Schöpfung einherzugehen scheint (vgl. seine Erklärung zum 1. Art. des Glaubensbekenntnisses). Aber diese Erzählung ist damit nicht ausgeschöpft. Überhaupt ist es ein Problem der Bultmann‘schen Schrifterklärung, daß er gern nach dem intellektuell verwendbaren Kern einer Erzählung sucht, aber das soziale Milieu, in dem diese Geschichten einst ihr Leben hatten, meistens beiseite läßt. Es ist so, als könnte man die Blumen vom Felde pflücken und glauben, daß sie auch ohne Wasser gedeihen. Wer nur die kerygmatische Substanz des biblischen Textes sucht, dem vertrocknen die Worte Jesu zu bloßen Sinnsprüchen. Dabei wollen sie Lebensworte sein, Worte fürs Leben. 5. Neben die Kerygmatisierung der Schrift tritt noch die Subjektivierung der Kernaussagen der Rede Jesu durch existentiale Exegeten, d.h. das was ich mir an Wichtigem aus dem Text heraushole, das soll mir genügen. Zu etwas anderem brauche ich die Bibel nicht. Sie will aber nicht nur dazu benutzt werden wie eine Gebrauchsware (wie wir die Losungen benutzen), sie will zu uns in Distanz bleiben. Und sie muß es auch, denn sie entstammt nicht unserer Welt, sowenig wie die alten Gemälde des Mittelalters, und wenn sie auch noch so schön anzusehen sind. Die Fremdheit Jesu muß uns erst wieder aufgehen, damit wir seine Botschaft aufmerksam zu studieren beginnen. 6. Dazu gehört eben auch, daß wir den Rahmen solcher Gespräche Jesu mit den Menschen oder Jüngern in die Betrachtung einbeziehen und nicht als angeblich sekundär ausklammern, wie das in der Folge (nach dem Vorbild Bultmanns) immer wieder geschehen ist. Dagegen schrieb schon U. Wilckens: „Dieses Urteil ist methodisch prinzipiell zu bestreiten.“ (FS Josef Schmid „Orientierung an Jesus“, 1973, S. 402 A 27) Man dürfe, schreibt er weiter, „überhaupt“ nicht zulassen, „mit formgeschichtlichen Urteilen Urteile historischer Kritik zu vermengen“ (ib.). Die Meinung, die Geschehnisse seien alle zu den überlieferten Worten Jesu einfach hinzuerfunden, ist schlicht falsch. So U. Wilckens. Die Geschichte, die uns die Bibel überliefert, muß in ganzer Breite analysiert und darf jedenfalls nicht auf Schlüsselsätze reduziert werden.
2. Beispiel: Claus Westermann, Predigten, 1975, darin zu unserem Predigttext seine Predigt vom 2.7.1961
a) Zunächst geht es Westermann um Erfolg oder Mißerfolg, nicht nur beim Fischfang, sondern auch sonst im Leben, besonders wenn man an Studenten im Prüfungsstreß denkt, die in diesem Universitätsgottesdienst seine Adressaten sind. Sodann ist der Gottesdienst selbst im Mittelpunkt. Was ist sein Sinn? Gott will uns doch keinen Schrecken einjagen (wie man bei dieser Geschichte des Kniefalls des Petrus meinen könnte), sondern vielmehr trösten. "Er tröstet, wie nur aus der Dimension des Heiligen getröstet werden kann." (40)
b) Zum Skopus dieser Geschichte sagt Westermann: "Diese Geschichte vom Fischzug des Petrus ist uns überliefert um uns zu sagen, wie damals in der einen, besonderen Begegnung zwischen Jesus und Simon in starken Zügen zutagetrat, was da geschieht, wo ein Mensch unmittelbar der majestätischen Wirklichkeit Gottes begegnet." (40) Sie wird also als ein Beispiel für ähnliche auch von uns erlebte Gottesbegegnungen verstanden und damit ein Stück weit nivelliert.
c) Westermann kommt es darauf an zu zeigen, daß diese Geschichte nicht nur ein unwiederholbares Wunder beschreibt, sondern daß es sich sogar in jedem Gottesdienst wiederholt. Die beiden "polaren Worte" von "Gottes Majestät" und "seinem Sich-Herabneigen" sind die Kernelemente des Gottesdienstes und deswegen gebe es ja auch Kirche! Die Kirche vertritt also diesen Gott, den "heiligen" und zugleich "gnädigen" Gott. Denn in jedem Gottesdienst "geschieht doch auf irgendeine Weise beides: der Hinweis auf den heiligen, lebendigen Gott, der bewirken kann, daß wir uns vor ihm neigen; der Hinweis auf den gnädigen Gott, der uns annehmen will, so wie wir sind, der uns seine Güte geschenkt hat in seinem Sohn." (40) Ob damit der Sinn dieser Berufungs-Erzählung richtig wieder gegeben ist? Daß wir zu diesem Geschehen heute "keinen Zugang" (40) mehr haben, soll das heißen: Das Wunder spricht uns heute nicht mehr an!? Das Wunder war einmal und kommt nicht wieder? Es ist doch hier der unentbehrliche Ausgangspunkt für die gläubige Selbsterkenntnis des Sünderseins eines Menschen, hier des Petrus, und damit für Westermanns Feststellung, daß das eigentliche Ziel dieser Perikope der Glaube an den gnädigen Gott sei, jener Glaube, den uns Gottes Wort und dessen Verkündigung offenbaren und vermitteln wollen. Aber eben aufgrund dieses Fischwunders! Das leugnet auch Westermann nicht. (Allerdings ist sehr fraglich, ob es angemessen ist, diesen gnädigen Gott Luthers in diese Geschichte hineinzutragen!)
d) Immerhin schafft Westermann so eine Brücke zwischen der ganz auf Petrus zugeschnittenen Erzählung von damals und unserer heutigen Situation, denn wir haben einen besonderen Gott (von Luther her), meint Westermann: den strengen furchteinflößenden und den milden und gnädigen Gott, der sich unser erbarmt, wenn wir ihn darum bitten. Mit dieser Deutung des damaligen Ereignisses zeigt sich, daß es nach Westermanns Interpretation gar nicht so sehr auf Erfolg oder Mißerfolg (des Fischfangs) ankomme. Das ist doch nur vordergründig der Fall. Im Gegenteil: diese Schiene ist "völlig zerbrochen". Viel wichtiger sei der Gedanke des heiligen und gnädigen Gottes (in dieser Beziehung denkt Westermann ähnlich wie Bultmann). Sein Auftreten zerstört nicht, wenn es dem Menschen auch sein Sündersein bewußt macht. Es schenkt ihm zugleich die Kraft, ein neues Leben aufgrund der Gnade Gottes zu beginnen.
e) Die Ausfahrt mitten auf den See ist damit zugleich der Beginn eines neues Lebens auf das Wort Jesu hin. Das ist der Kern des Christseins, von Mißerfolgen sich nicht entmutigen zu lassen, sondern immer wieder neu zu starten ...
3. Beispiel: H. Gollwitzer, Die Freude Gottes, 6. Aufl. o.J. ca.1952/1953 (1940), Zur "Jüngerberufung", S. 58-60
a) Gollwitzer erkennt (im Unterschied zu Bultmann) den Wert der Rahmenhandlung: "Lukas (füllt) diesen Rahmen mit einer Geschichte, die randvoll ist von tröstlicher Verheißung für die kommende Kirche" (58). Aber dies ist nicht die Kirche der Paläste, sondern die Kirche in den ärmlichsten sozialen Verhältnissen, die Jesus aufbaut. "Kleinbürgerlich" sollte man allerdings nicht sagen, denn das setzt eine "bürgerliche" Gesellschaft voraus, die es hier natürlich noch nicht gibt! Und ob die Hörer oder Leser dieser Geschichte (als Teil des Lukasevangeliums) derselben sozialen Schicht angehören, dürfte auch unwahrscheinlich sein; auf jeden Fall sind es sehr wahrscheinlich keine Fischer mehr!
b) Was ist Glaube? Glaube ist nach Gollwitzer zu verstehen als Ergebnis von Ruf und Wort Gottes einerseits sowie als Gehorsam auf seiten des Menschen andererseits. Zum Glauben kommt es immer dann, wenn ein einzelner (Simon) aus einer großen Zahl von Hörern sich speziell angesprochen weiß und dem Wort Jesu (Nach-) Folge leistet. Das ist die Situation, als Jesus am Anfang vom Boot aus zu allen spricht, wobei Simon beim Netzeflicken ist und nur nebenbei zuhört, wie Gollwitzer meint, aber offenbar schon da ernsthaft über den Glauben nachdenkt.
c) Für Gollwitzer beginnt mit dieser Geschichte die Kirche (58). "Es ist die Grundgeschichte der Kirche. Sie zeigt die Grundsituation, den Grundbefehl und die Grundverheißung des Apostolats." (60) Trotz aller eigenen Unzulänglichkeit der Christen; aus dieser Geschichte fließt ihnen ein besonderer "Trost" zu: angenommen und aufgefordert zu sein zur Nachfolge Jesu, um im Glauben an ihn als Menschenfischer ans Werk zu gehen. Trotz der "Ungunst" der eigenen Lebensumstände auf das einladende und auffordernde "Wort" Jesu vertrauen (zu können), das heißt für Gollwitzer Glauben. Der überschwengliche Fang beweist damit nur noch, daß sich der "Befehl" Jesu als "Verheißung" bewährt hat. Der Fänger hat keinen Grund auf sein Werk "stolz" zu sein, denn es ist allein Gottes Werk, wenn seinem/unserem Tun Erfolg beschieden ist. (Diese Meinung Gollwitzers dürfte allerdings in der Realität anders beurteilt werden, denn es ist doch unsere Leistung, wenn wir beim Elfmeter nicht daneben schießen, sondern ein Tor erzielen; auch wenn uns Gott die Kraft dazu gegeben haben mag ... aber wer kann das sehen? Niemand! Vielleicht ist es auch nur eine gläubige Einbildung?!)
d) "Daß der beschenkte Mensch Jesus zum Weggehen auffordert, und daß der Heilige den Sünder in seinen Dienst als Menschenfischer nimmt, das ist das eigentliche W u n d e r dieser Geschichte." (60)
4. Günter Kleins Analyse und Predigtgedanken (nach drs. Bibelkritik als Predigthilfe, 1971, S. 9-15)
Worin sieht er die Probleme dieses Textes?
Er geht 1. vom österlichen Ursprung der hier beschriebenen Begegnung zwischen Jesus und Petrus (11) und 2. von der "Priorität" des Logions vom Menschenfischer gegenüber der Erzählung vom Fischzug aus (12). 3. Die Rede Jesu an das Volk dürfe zwar nicht überbewertet werden, aber sie sei doch als die notwendige Voraussetzung für die nachfolgende Berufung eines einzelnen zu verstehen. (12) 4. Die nachträgliche Einschiebung der Zebaiden in die Nachfolge zeigt, daß die Berufung des Simon als der (zeitlich) Erste nicht prinzipiell über die Berufung der anderen Jünger herausgehoben ist. Damit ist die "römische Glorifikation" des Petrus entkräftet. Dieser ist damit nur als der Typus des Glaubenden zu betrachten, mit allen Vor- und Nachteilen ...
Zitierte oder sonstwie verwendete Literatur:
zu A.1.a
M. Rese, Alttestamentliche Motive in der Christologie des Lukas, 1969,
zu B. 1. Beispiel (Bultmann)
R. Bultmann, Die Geschichte der synoptischen Tradition, 8.Aufl.1970 (1921)
noch nicht fertig!
W. M.