Zur Apokalyptik

 

I. Die Apokalyptik als begriffliches Mittel zur Einordnung des Tagesgeschehens

 

Am Beispiel eines NZZ-Artikels vom 8. 6. 2019 (von Roman Bucheli): „Heute schon den Weltuntergang geprobt?“

 

„Einst gehörte die Apokalypse ins Repertoire der Theologie. Längst aber hat sie sich zum politischen Kampfbegriff entwickelt, der nun hüben und drüben zum Einsatz gelangt. Das ist weder erstaunlich noch beunruhigend, bemerkenswert ist vielmehr die Kontinuität apokalyptischen Denkens seit den Anfängen bis heute. Der Gedanke an das Weltende hat nicht nur eine enorme Verführungskraft, er zählt – paradoxerweise, müßte man sagen – auch zu den produktivsten Denkfiguren, da er Zukunft geradezu hervorbringt, indem er sie infrage stellt.

Ebenso auffällig ist allerdings, daß sich der Apokalypse-Begriff beim Übergang von der theologischen in die politische Sphäre strukturell kaum verändert hat. Die Visionen des Johannes decken sich zwar nicht mit den Prognosen der Klimaforscher (auch wenn in der Offenbarung viel vom Feuer die Rede ist). Im Wesentlichen aber sind drei grundlegende konzeptionelle Aspekte über die Zeiten konstant geblieben.“

Die drei Aspekte sind:

1. der starke moralische (vielleicht auch moralisierende) Aspekt. Damals auf innere Umkehr gerichtet, heute verstärkt auf Verhaltensänderung.

2. Das faktische Ausbleiben des in früheren Zeiten erwarteten Weltuntergangs (und der von Gott her dringend erwarteten Erlösung), macht die Apokalyptik offenbar keineswegs überflüssig. „Die Apokalyptik stiftet ihren Sinn gerade, indem sie nicht eintritt.“ Denn dadurch stelle sie „den Appell nach Verhaltensänderung auf Dauer“, vielleicht wurde ja der befürchtete „Schaden gerade darum vermieden, weil in Erwartung des Unheils rechtzeitig Vorkehrungen getroffen worden waren“.

3. Heute seien es Prognostiker und Zukunftsforscher mit ihrer Theorie vom Klimawandel, damals waren es die Apokalyptiker, die aufgrund von Zeichen der Zeit, insbesondere aus der Natur (Vulkanausbrüche und Vogelflug) das kommende Unheil vorhersagten.

 

Kritik: Leider übersieht der Verfasser, daß die eigentliche Blickweise der Apokalyptik nicht der Blick in die Natur und das war, was in ihrem „Buch“ zu lesen ist, sondern der Blick in das Buch der Geschichte, die für ihn schon fertig vorlag, während die Welt-Menschen sie noch vor sich hatten.

 

Worauf es dem Autor dieses Artikels ankommt:

Was also am Apokalyptiker interessant ist, ist daß er eine „Art Ethik des Jüngsten Tags“ praktiziere. Wie immer das Ende prognostiziert werde, ob in Form von Klima- und Natur-Katastrophen oder geschichtlichen Katastrophen – lange Zeit dachte man ja eher an das drohende Inferno eines Atomkrieges als an Ozonloch und Klimaveränderung – entscheidend sei, daß man vom Gedanken der Vergänglichkeit aus alles Tun des Menschen zu „evaluieren“ beginne. Man hofft also nicht auf die apokalyptische „Erlösung“, sondern möchte sie im Gegenteil möglichst abwenden.

 

(.....)

 

III. Apokalyptik-Auslegungen nach 1945

 

1. Nachdem der Nazi-Staat unter dem Bombenhagel der Alliierten in Schutt und Asche untergegangen war, konnten die Überlebenden befreit aufatmen. Aber wie sollte es weitergehen? Gab es unter den Ruinen noch etwas Wert-Beständiges? Die Bürger, die dem Inferno entronnen waren, waren traumatisiert. Waren sie alle Verbrecher? Die meisten wollten doch nur Opfer gewesen sein, nicht Täter, Unwissende, die gezwungenermaßen nur machten, was man ihnen befahl. Gehorsam gegenüber dem Staat, das war alles, was sie gelernt hatten. Änderte die ideologische Umerziehung, die danach einsetzte, viel an dieser Selbstsicht? Und wie stand es um die Kirche? Auch sie versuchte wieder gut zu machen, was sie vorher versäumt hatte.

 

Den entschiedenen Kampf der Kirche gegen den verbrecherischen Nazi-Staat, den die Kirche in der Nazizeit bis auf eine kleine aktive Minderheit fast vollständig vermissen ließ, – wenn man von „innerer Emigration“ absieht – konnte sie in der frühen Bundesrepublik, weil nun nicht mehr gefährdet, endlich nachholen 1. Denn jetzt war ja der am Boden liegende Staat für alle sichtbar als das Böse entlarvt, jedenfalls der zum Götzen gewordene Staat. Als solchen verstand man nun jeden totalitären Staat. Auch Rom sei ein solcher Staat gewesen. Gerade er war ja schon in der Apokalypse des ausgehenden ersten Jahrhunderts nach Christus als eine „satanische“ Verführungsmacht (Künneth) gekennzeichnet 2 worden, der es zu allen Zeiten und mit allen Mitteln 3 zu widerstehen gelte. Aber kann man den Staat Roms wirklich mit dem SS-Staat (E. Kogon) auf eine Stufe zu stellen? Gewiß, die von ihm geschändeten Menschen werden ihn als eine Ausgeburt der Hölle angesehen haben, und so ist dieser Staat ja auch nach Apk 13 beurteilt worden. Aber daß jeder Staat seinem Wesen nach in der Gefahr ist, seine ihm von Gott zuerkannte Ordnungsfunktion zu mißbrauchen, ist sicher falsch. Denn sonst hätte Röm 13 bestimmt kein so positives Bild von einem funktionierenden Staatswesen zeigen können, dem auch der Christ seinen Tribut zu zollen habe.

 

2. E. Stauffer schrieb 1948 ein Buch über „Christus und die Cäsaren“ 4, aber eigentlich geht es darin um die Frage: „Wer ist Herr? Christus – oder Cäsar?!“ Der Kaiserkult 5 zwang die Kirche gegen Ende des 1. Jhts. zu entscheiden, wer ihr Herr ist, wen sie wirklich anbeten kann, Christus oder den Kaiser. In der Zeit der ersten systematischen Verfolgungen war das Bekenntnis zu Christus für viele eine Entscheidung auf Leben und Tod.

 

Nach 1945 im damaligen Westen Deutschlands so zu fragen, zeigte zwar den guten Willen von Kirchenmännern und Theologen jener Zeit, sich von den falschen Wegen der Deutschen Christen abzuwenden und die Weichen im Verhältnis der Kirche zum Staat neu zu stellen, aber strategisch beurteilt war das, was Theologen wie Stauffer betrieben, kein wirklicher Neuanfang.

Es war nichts anderes als der traumatisierte Blick von Lots Weib zurück auf das, was man zu verlieren im Begriff war oder bereits verloren hatte, gewiß auch auf das eigene Versagen, wenn man sich auch dafür viele Entschuldigungen einfallen ließ. Während des Dritten Reichs hätten solche Worte zweifellos eine starke Wirkung erzielen können. Aber durch ihre duckmäuserische Haltung gegenüber dem Staat, vielleicht sollte man sogar von einer perversen Staatsloyalität reden – Ergebnis einer jahrhundertelang-falschen, zumindest einseitigen Auslegung von Röm 13 und entsprechender Unkenntnis von Apk 13 – , hatte die Kirche die verheerenden politischen und geistigen Brände in der Nazizeit nicht nur verharmlost und verdrängt, sondern durch falsches Taktieren die zum Widerstand Bereiten entmutigt oder sogar als schlechte Christen denunziert, statt ihnen und vielen anderen verunsicherten Menschen in ihrer Not beizustehen. Diese von Grund auf verdorbene Staatskirche konnte nach dem Kriege eigentlich nicht erwarten, daß man noch auf sie hört. Paradoxerweise war das Gegenteil der Fall. Die Menschen strömten in die Kirchen zurück, als wollten sie zeigen, daß sie ab sofort ein neues Leben beginnen werden; vielleicht aber auch nur, um sich für das eigene Gefühl von den Pastoren eine gewisse Art von Integrität und Reinheit im Sinne von Mt 8, 4b bescheinigen zu lassen.

Ob es mehr gab als Stärkung für die (eigene) Seele und Balsam für die erlittenen Wunden sowie Brot für die Hungernden, das könnten uns nur die Gottesdienstbesucher von damals selber sagen. Einzelne Mahnungen, nach neuen Wegen zu suchen und sich nicht länger unter das Schutzdach des Staates zu stellen, verhallten meist wirkungslos. Faktisch blieb alles beim alten. Kirchenpolitisch suchte man Anschluß an den sich konstituierenden demokratischen Staat, und eine realistische Alternative zu der von vielen mit Skepsis beobachteten und beklagten Restauration alter (pseudo-) volkskirchlicher Verhältnisse schien es für die Regierenden in Kirche und Staat nicht zu geben.

Statt den religiösen und politischen Widerstand einzelner christlicher Gruppierungen während des Naziterrors, aber auch die eigene ideologische Unterstützung für den nun der Vergangenheit angehörenden Staat öffentlich zu thematisieren, blendete man die eigene Schuld weitgehend aus; selbst Bonhoeffer und andere Widerstandskämpfer wurden noch für lange Zeit in der kirchlichen Öffentlichkeit verfemt. Man glaubte, mit dem offiziellen Schuldbekenntnis von Stuttgart (1945) und dem Wort von Darmstadt (1947) genug in dieser Beziehung getan zu haben: Ein wirklicher Neuanfang sieht anders aus.

 

Zukunftsweisender und hilfreicher wäre die Auseinandersetzung mit dem relativ pragmatisch klingenden Satz Jesu gewesen, man solle dem Kaiser geben, was des Kaisers und Gott was Gottes ist (Mt 22, 21). Diesen Satz in seiner ursprünglichen Bedeutung ernst zu nehmen, wäre ein Schritt in die richtige Richtung gewesen: nämlich das Selbstbewußtsein der Jünger Jesu und seiner Anhänger, die spätere Kirche, dem Staat gegenüber zu stärken, ohne das, worauf der Staat in Gestalt des Kaisers legitimerweise Anspruch erheben kann bzw. konnte, in Abrede zu stellen, nämlich ein hohes Maß an Gesetzestreue und mitmenschlicher Verantwortungsbereitschaft (Solidarität) auch dem uns Christen gegenüber nicht immer wohlgesonnenen Staat aufzubringen, was allerdings nicht für den Terrorstaat gelten kann, wie gerade Apk 13 deutlich machen will.

Anders in der alten DDR, wo sich die evangelische Kirche unter der Parole „Kirche im Sozialismus“ oft sehr liebedienerisch mit der Staatsmacht zu arrangieren suchte. Erst durch die massive Abwendung großer Teile der DDR-Gesellschaft vom SED-Staat kamen in der Wendezeit auch in den Kirchen jene Elemente der dort im Verborgenen und sehr zurückhaltend geäußerten Staatskritik zum Vorschein, die sie dann zu Hochburgen und Ausgangspunkten der sog. „friedlichen Revolution“ werden ließen.

 

3. Der „Macht- und Öffentlichkeitsstaat“ 6, der dem Gewissen keinen Spielraum mehr lassen will, wurde allerdings schon zur Zeit Jesu und ganz besonders zur Zeit der ersten staatlich initiierten Verfolgungen von Christen als das eigentliche Übel empfunden, weshalb die christlichen Gemeinden in Kleinasien ihm gegen Ende des 1.Jhts. n. Chr. eine komplette Absage erteilten (oder erteilen sollten) und im gottesdienstlichen Bekenntnis gegen ihn protestierten, ein Protest, den später das ganze Römische Reich zum Anlaß nahm, mit teilweise sehr harten wirtschaftlichen und politischen Gegenmaßnahmen (bis hin zum Martyrium) jeden Widerstand im Keime zu ersticken.

In dieser Zielsetzung der Demaskierung des totalitären Staates ging freilich die frühjüdische Apokalyptik den Christen voran. Die Johannesapokalypse ist auf christlicher Seite eine erste geschichtliche Ortsbestimmung der Kirche gegenüber einem Staat, der in Sachen Menschenverachtung und Machtmißbrauch keine Grenzen kennt.

 

Deshalb hat die Kirche damals die zentralen Begriffe des Kaiserkults („Herr“, „Heiland“, „Evangelium“) in ihre eigene Sprache aufgenommen, um so zu demonstrieren, daß nicht Cäsar ihr Herr ist, sondern Christus. Und dieser Gegensatz sollte der Kirche nach 1945 offenbar noch einmal in aller Deutlichkeit eingeschärft werden. Gewiß drückte sich darin auch ein großes Maß an Betroffenheit über das eigene Mitläufertum im Nazi-Staat aus, teilweise auch ein Bewußtsein der Mitschuld an seinen Verbrechen, aber zu den notwendigen Säuberungen in den eigenen Leitungsämtern und zu einer Neuausrichtung kirchlicher Arbeit ist es trotzdem nicht gekommen; so blieb die Kirche weiterhin am Staat ausgerichtet und die Ausrichtung ihrer Arbeit an Jesus Christus blieb oft nur ein leeres Versprechen.

 

4. Darum kann die „konstantinische Wende“, durch die die Kirche nach langem Kampf durch Kaiser Konstantin und seine Nachfolger den Status einer Staatskirche erhalten hat (als ob es ihr primär um staatliche Anerkennung oder wenigstens Duldung gegangen wäre), als kirchlicher „Sündenfall“ par excellence bezeichnet werden. Damit wurde nämlich die Kirche einseitig an den Staat als ihre legitime Obrigkeit angebunden, so daß sie allmählich ihre Glaubwürdigkeit als Gegengewicht gegen den Staat und seine absolutistischen Machtansprüche verlieren mußte, – auch wenn dieser sie in der Theorie an Jesus Christus abgetreten hatte. Noch schlimmer war, daß der Christ infolge dieser Entwicklung zum gesellschaftlichen Muster-Untertan degradiert wurde. Gleichwohl hat die Kirche auf diese Weise wichtige ethische Anliegen des Christentums in die neu zu gestaltenden gesellschaftlichen Lebensverhältnisse einbringen können.

 

5. In der heutigen geschichtlichen Situation einer globalisierten Welt wird die Kirche nicht mehr als Gegner eines dämonischen (oder dämonisierten) Staates gebraucht. Sie hat durch ihre Funktion als ideologische Erfüllungsgehilfin im Autoritären Kaiserreich und im Nazistaat, die mit zwei von ihnen mit verursachten Weltkriegen und der Zerstörung Deutschlands endeten, nicht nur endgültig ihre politische Machtstellung 7 eingebüßt, die dazu nötig wäre, sie hat auch als moralische Autorität – nicht zuletzt wegen ihrer Unfähigkeit, ihre eigenen, schwerwiegenden Strukturprobleme zu lösen – an Substanz verloren. Sie ist zumindest im Westen zu einem Teilsystem des demokratisch legitimierten Staates geworden, das höchstens mahnend 8 den Staat dazu auffordern kann, die Grundsätze des Rechts einzuhalten und den Gefahren entgegenzutreten, denen Minderheiten, insbesondere auch die Christen selber, durch den latenten Kulturkampf gegen die Religion(en) seitens der säkularen Mehrheitsgesellschaft zunehmend ausgesetzt sind.

Realistischerweise muß man wohl davon ausgehen, daß die evangelische „Volkskirche“ durch Säkularisierung und Selbstsäkularisierung in nicht zu ferner Zukunft in der bisherigen Form aufhören wird zu bestehen, zumal eine bekennende, kämpferische Kirche 9 gegen den Säkularismus noch lange nicht in Sicht ist. Ernstzunehmende Ansätze dazu haben sich jedenfalls bis heute nicht entwickelt oder werden sogar innerkirchlich unterdrückt. So ist die evangelische Kirche heute überwiegend zu einem politischen Instrument kirchenfremder Minderheiten geworden, die sie als Verbündete im Kampf um ihre Rechte oder bei der Lösung von Integrationsproblemen gebrauchen können, wie dies beispielsweise die kirchlichen Netzwerke der Interessensverbände von Schwulen und Lesben in ihrem gesellschaftlichen Kampf um Anerkennung und Gleichstellung erkennen lassen. Es ist allerdings auch die Frage, ob die Kirche strategisch gut beraten wäre, an das alte apokalyptische Modell des Endkampfs gegen die zerstörerischen Mächte dieser Welt anzuknüpfen.

 

6. Deswegen kommt die Beschäftigung mit der Johannes-Apokalypse zur Erhellung der heutigen Situation einem zweischneidigen Schwert gleich, an dem man sich als Kirche auch ins eigene Fleisch schneiden kann, wenn man nicht aufpaßt: Einerseits möchte die Kirche mit ihrer Hilfe ihre Abwehrkräfte gegen das Überhandnehmen des säkularen, von kulturellem Zerfall bedrohten Staates schärfen. Andererseits kann sich die Kirche in dieser Zwangslage durch die Apokalyptik in eine falsche dualistische Einstellung zum Staat und allem Weltlichen hineinsteigern, was sie zur Sekte machen würde. „Entweltlichung“ nach dem Vorbild der alten Untergrundkirche ist etwas anderes, nämlich ein Abstandnehmen von den Verhaltensmustern des säkularen Staates und ein Entfernen aller aus ihm in die Kirche eingedrungenen Glaubens- und Lebensvorstellungen, die die Kirche ideologisch unterwandert 10 und um ihr wahres Evangelium gebracht haben; vor allem aber gehört dazu die im Zeichen des Kreuzestodes Christi (und seiner Auferstehung) stehende Feier des göttlichen Sieges über die Zerstörungswut weltlicher Macht, das eigentliche Zentrum der Kirche gerade auch in Zeiten ihrer tiefsten Erniedrigung.

 

7. Über die Schwierigkeiten, die mit einer Rezeption der Apokalyptik in der Kirche von heute verbunden sind, wurde seit den 1960er Jahren immer wieder nachgedacht und gestritten. Einerseits wird anerkannt, daß die Apokalyptik zum „Mutterboden“ christlichen Glaubens (und ntl.er Theologie) gehört – so schrieb schon 1960 E. Käsemann 11: „Die Apokalyptik ist … die Mutter aller christlichen Theologie gewesen.“ –, andererseits scheint doch auch deutlich zu sein, daß das NT verschiedenen geistigen Strömungen entstammt, und ob Jesus selbst mit seiner Reich-Gottes-Botschaft primär als Apokalyptiker (Strobel) betrachtet werden muß, ist bis heute für viele eine offene Frage. Die großen Dogmatiken der katholischen und evangelischen Kirche lassen von dieser Diskussion allerdings nur wenig erkennen. Einen Sonderfall stellt die Theologie W. Pannenbergs 12 dar, der zumindest in seiner Anfangszeit nach einer spezifisch jüdischen Verbindung von Altem und Neuem Testament suchte und diese vor allem in der Apokalyptik erblickte. Aber was ist genuin apokalyptisches Denken und Glauben?

 

Wolfgang Massalsky

für das Symposion von v. d. O.-S. am 21. 8. 2019

(Auszüge aus einem Text zur Johannesapokalypse)

Sekundärliteratur

Klaus Koch, Ratlos vor der Apokalyptik?, 1970

Wolfhart Pannenberg, Grundzüge der Christologie, 1969, (= Chr), 1. Aufl. 1964

Martin Buber, Prophetie, Apokalyptik und die geschichtliche Stunde, in MERKUR 8/82, 1954, S. 1101-1114

August Strobel, Kerygma und Apokalyptik, 1967 (Strobel)

Walter Künneth, Der große Abfall, 1947 (= GA)

Ethelbert Stauffer, Christus und die Cäsaren, (= CC)

Ders. Jesus, Gestalt und Geschichte, 1957 (= JGG)

Ders., Die Botschaft Jesu damals und heute, 1959 (= BJ)

Peter Stuhlmacher, Die Bedeutung der Apokryphen und Pseudepigraphen des Alten Testaments für das Verständnis Jesu und der Christologie (= APATJ), in: Siegfried Meurer (Hg.), Die Apokryphenfrage im ökumenischen Horizont. Die Stellung der Spätschriften des Alten Testaments im biblischen Schrifttum und ihre Bedeutung in den kirchlichen Traditionen des Ostens und Westens, 1989, S.13-25, bes. 17-20

Ferdinand Hahn, Christologische Hoheitstitel, 1963

H. Echternach, Der Kommende, 1950

K.L. Schmidt, Aus der Johannesapokalypse, dem letzten Buch der Bibel, 1946

 

 

Anmerkungen

1 Wobei in den 50er Jahren in Westdeutschland der Kommunismus („Bolschewismus“) gern als „der große Satan“ gebrandmarkt wurde.

2 Künneth, Der große Abfall, 1947, vgl. bes. S. 310-314.

3 Mitteln … des Glaubens wohlgemerkt, der sich gegen den modernen Geist ganz allgemein und speziell gegen die „Auflösung der Lebenseinheit seit der Reformation“ Luthers (ebd. 315) wendet.

4 Schon 1960 in 6. Auflage erschienen.

5 In BJ 114 schreibt Stauffer allerdings etwas mißverständlich, daß – obwohl das „Leben und Dienen des Menschensohns … das Urparadigma eines neuen politischen Stils“ sei – die Existenz der Kirche auf ihrem Weg durch Jahrtausende ebenfalls nur als Dienst verstanden und keineswegs durch eine „apokalyptische Eschatologie“ beschrieben werden könne. Offenbar versteht Stauffer den Menschensohn nicht als endzeitlichen Richter, anders als das damalige Judentum. Vgl. dagegen Stuhlmacher APATJ 18, der den „Menschensohn“ im äthiopischen Henoch (siehe dort die Bilderreden Kap. 37-71) als „messianischen Richter“ im apokalyptischen Sinne versteht. Stuhlmacher glaubt allerdings (im Gegensatz etwa zu F. Hahn), daß Jesus sich selbst so verstanden und bezeichnet habe und daß die Identifikation Jesu mit dem MS nicht erst durch die nachösterliche Gemeinde vollzogen wurde.

6 So Echternach, S. 86

7 was O. Dibelius, Das Jahrhundert der Kirche, im Jahre 1927 noch nicht voraussehen konnte oder wollte

8 Siehe dazu die Denkschriften der EKD

9 Die übrigens nicht als Neuaufguß der sog. BK (= Bekennende Kirche) gemeint sein kann.

10 Siehe die Darstellung von J. Wirsching, Kirche und Pseudokirche, 1990, zum Thema Häresie in der Kirche aus heutiger Sicht.

11 Vgl. Die Anfänge christlicher Theologie in: ZThK 57, 162-185, abgedruckt in: Käsemann, Exegetische Versuche und Besinnungen, Bd II, S. 82–104, Zitat S. 100. Siehe auch ebd. 130f.

12 Bei aller Wertschätzung für den theologischen Ansatz von Pannenberg hat Klaus Koch (vgl. S. 96ff.) aber zugleich daran kritisiert, daß die Auferstehung Jesu bei ihm einen zu hohen Stellenwert bekommt, insbesondere deswegen (so würde ich Koch interpretieren), weil er ihr in ihrer Isoliertheit eine der überlieferten Apokalyptik gegenüber fast mirakelhafte Tatsächlichkeit zugeschrieben hat. Dazu wäre zu sagen, daß für Pannenberg jede Tatsache und erst recht die historische Tatsache der Auferstehung Jesu, die nur im Rahmen apokalyptischen Denkens vorstellbar ist, Verheißungscharakter hat und daß die Zukunft zeigen muß, was von ihr zu halten ist. Das tieferliegende Problem scheint mir das zu sein, daß bei Pannenberg die Auferstehung Jesu im Rückblick auf dessen Kreuzestod eine formale Bestätigungsfunktion bekommt (vgl. bes. Chr 55-69), d.h. den Vollmachtsanspruch Jesu bestätigen soll. Dem liegt das für Pannenberg allgemein gültige wissenschaftslogische Schema These-Verifikation bzw. Nicht-Falsifikation zugrunde. Aber ist dieses Schema wirklich durch das apokalyptische Denken gefordert? Hat dieses die Totenauferstehung aller Menschen nicht viel eher als Auftakt des allgemeinen Gerichtshandelns Gottes verstanden? So dürfte auch die Auferstehung Jesu zunächst verstanden worden sein. Der von Gott erwählte „Menschensohn“ bedurfte ihrer nicht zu seiner Bestätigung. Man braucht doch nur an das Schicksal Henochs zu denken. Henoch ist aus seinem Leben heraus "entrückt" worden. Es hängt also von den Umständen ab, auf welche Weise die persönliche Würdigung eines besonderen Lebenswerks durch Gott vollzogen werden kann. Nur die Tatsache seines gewaltsamen Todes machte bei Jesus die Auferstehung "nötig", um ihn zu "erhöhen". Das apokalyptische Denken sieht im übrigen dieses Schicksal für alle Toten vor, die vor den Richterstuhl Gottes zitiert werden. Die Apokalyptik glaubt, daß Gottes Gericht nur bestehen kann, wer sich in seinem Leben als  gerecht Handelnder in einer Welt der Ungerechtigkeit bewährt! Und das ist es, was das Kreuz Jesu zum Gegenstand des Heils für seine Jünger macht: Jesus stirbt am Kreuz den Tod des Gerechten; er nimmt so das Gericht Gottes stellvertretend für alle vorweg, die sich in seiner Nachfolge auf den Weg des neuen Lebens im Geiste Gottes mitnehmen lassen. Obwohl die Erhöhung Jesu zur Rechten Gottes, des Vaters, im Sinne einer verborgenen Inthronisation Jesu (als Oberhaupt seiner Gemeinde), etwas anderes ist als eine „simple“ Entrückung eines Gerechten in die Ehrenstellung eines bewährten Erwählten, entspricht die ntl. Darstellung des Schicksals Jesu überwiegend der des leidenden und getöteten Gottesknechts von Jes 53, der in Ewigkeit bei Gott ist. Die Erhöhung Jesu in seine Machtstellung  aufgrund  seiner Auferstehung bedeutet in apokalyptischer Perspektive in erster Linie, daß er als "Erstling unter denen, die entschlafen sind" (1. Kor 15, 20)  wirkt, er ist also in seiner Machtstellung nicht ohne seine Jünger (Gemeinde) zu denken. Wenn erst die Auferstehung Jesu aus seinem Kreuzestod, der ihn vor aller Welt liquidieren sollte, ein Instrument des Heils gemacht hätte (im Sinne einer Logik der Umkehrung), wäre dann nicht sein bis dahin vollbrachtes Leben seiner in ihm selbst, seinen Worten und Taten liegenden Versöhnungsqualität entleert? Zweifellos hat die Kirche in späterer Zeit diesem Heilsautomatismus  nicht genügend widerstanden. Denn wenn allein der Tod Jesu zum Mittel der Versöhnung zwischen Gott und Mensch wird - dann wird sein Tod zu einem ebenso wenig akzeptablen Heilsmirakel, wie es die abstrakte Behauptung seiner Auferstehung ohne die Rückkoppelung an sein vorangegangenes Leben wäre! Apokalyptisch gesprochen ist die Auferstehung Jesu  also nicht das Mittel, speziell seinen Tod neu sehen zu lernen, auch nicht der Sieg über den Tod selbst, der zu unserer Natur gehört, sondern das endgültige Zeichen für den Sieg und das Gericht über die nicht naturnotwendigen Mächte des Todes, die eigentlichen Feinde des Lebens, das uns Gott verheißen hat. Diesen Sieg verdankt die Welt also primär dem Kreuz Jesu als letzter  Zuspitzung und Vollendung seines mit der Taufe durch Johannes den Täufer begonnenen irdischen Weges eines Lebens aus und in der Kraft des heiligen Geistes, während die Auferstehung Jesu den Anfang seines überirdischen Wirkens in der Kirche Jesu und in der ganzen Welt bis zu seiner Wiederkunft in der Herrlichkeit des Reiches Gottes signalisiert. Allerdings scheint mit dem Nachlassen der unmittelbaren Naherwartung des kommenden Gottesreiches im Glauben der frühen Christen die Auferstehung Jesu bereits zur Zeit der Entstehung des NT als das Wunder eines neuen Lebens aus dem Tode in den Vordergrund gestellt worden zu sein (vgl. Joh 11, 1-45). Dennoch wurde an der Erwartung des von Jesus verkündeten  Gottesreiches festgehalten, und das nicht nur als ein hehres Glaubensgut, übernommen und weitergegeben in Erinnerung an die irdische Zeit mit Jesus, die schon bald nach seinem Tode immer mehr verklärt zu werden drohte, sondern im Bewußtsein ihrer gegenwartsbestimmenden Relevanz für den eigenen Glauben: vorbildhaft und grundlegend präsent in der Feier der Tischgemeinschaft  der Jünger Jesu unter seinem Vorsitz als dem lebendigen Herrn und der damit verbundenen Praxis versöhnten Miteinanders im Alltag der verschiedenen Gemeinden trotz allem Streit zwischen den Christen (mit ihrem unterschiedlichen sozialen und religiösen Hintergrund) über die angemessenen Formen eigener und gemeindlicher Wirksamkeit in den gesellschaftlichen Konflikten der jeweiligen Zeit. Dabei ist es in den daraus sich entwickelnden Kampfsituationen sowohl in den Gemeinden selber als auch in ihrer Beziehung zur umgebenden Gesellschaft bzw. zum Staat und seinen Machthabern immer wieder zu Aktionen geistlichen und politischen Widerstands gekommen, und dazu wird es sicher auch in Zukunft immer wieder kommen, um dem "Menschensohn" Tür und Tor offenzuhalten, damit unser Leben nicht vor dem Tode erstarrt, sondern menschlich bleibt. Auf diesen Zukunftsraum verweist die Apokalyptik als einen sich immer mehr verengenden und entschwindenden. Dessen eingedenk hält die Gemeinde Jesu bis heute an dem von Jesus ausgerufenen Gottesreich als der Zukunft der Menschheit in der kommenden Welt fest,  -  wenn sie denn noch eine Zukunft haben soll.