Heilig Abend 2015

2015 Heiligabend Predigtentwurf (W. M.)

 

A. Wir heute

 

Liebe Gemeinde,

ich möchte vor allem darüber sprechen, was mir am christlichen Glauben im Laufe meines Leben wichtig geworden ist.

(Warum sollte sich das heute nicht anbieten? Es ist ja mein letzter Gottesdienst in dieser Gemeinde. Vielleicht hilft es uns auch einmal von den eigenen Sorgen in bezug auf diese Tage abzusehen, ob alles gut geht und friedlich bleibt.)

Denn was uns miteinander verbindet, wenn wir als Christen Weihnachten feiern, ist neben Freundschaft, Verwandtschaft, Elternhaus, das Wiedersehen: doch wohl immer auch unsere Beziehung zur Kirche, manche sind hier konfirmiert worden und vielleicht sogar getauft. Und zur Kirche gehört an diesem Tag vor allem die Weihnachtsgeschichte, das gemeinsame Hören auf Gottes Wort, das Gebet und das Nachdenken über sich und die Welt, Vergewisserung des eigenen Glaubens und des eigenen Lebenssinns.

Leben wir nur oder hat unser Leben noch etwas mit Gott zu tun (Ikea). Bekommt es von daher noch Impulse und Stärkung?

Anders gefragt: Was ist das für ein Gott, mit dem wir es an Weihnachten zu tun bekommen?

Ich meine: Diese Frage steht auch unausgesprochen hinter dem heute gehörten Weihnachtsevangelium. Das in unseren Krippenspielen oft am vordergründigen Spiel der Figuren haftende Weihnachtsbild ist nur die Außenansicht, an der wir nicht hängen bleiben dürfen.

 

B. I. Die Erzählung von der Geburt Jesu

 

1. Die Schilderung der Geburt Jesu bei Lukas ist nämlich, so historisch sie sich gibt, nicht historisch gemeint, sondern grundsätzlich, auch wenn es keine steilen Lehrsätze vorträgt. Lukas will der aus dem Glauben herauswachsenden Verpflichtung nachkommen, über den Glauben für seine Zeit Rechenschaft abzulegen. Dabei hat das erzählerische Talent des Lukas das Lehrhafte weitgehend unkenntlich gemacht.

In Wirklichkeit enthält die Geburtsszene alles Wichtige, was es über Jesus zu sagen gibt. Er ist Adamskind und Neuer Mensch, Davids- und Gottessohn, Retter Israels und Weltenheiland. Auf seinen Schultern ruhen die Hoffnungen der Welt. (Die Weissagungen einer alten Zeit gehen mit ihm in Erfüllung.)

2. Schon der Geburtsort Bethlehem (du „Kleine“ Stadt, heißt es beim Propheten Micha) macht dies deutlich. Er ist ja nicht der Lebens- und Wohnort Jesu, ob er tatsächlich dort geboren wurde, wissen wir nicht. Er wird dort nach der Erzählung bei Lukas nur zufällig geboren, weil die Familie wegen eines Dekrets des Kaisers Augustus aus steuerlichen Gründen sich dort in Steuerlisten eintragen mußte. Beim Propheten Micha erfahren wir den tieferen Grund, warum Jesus dort geboren ist. Weil das die im AT vorhergesagte Stadt ist, in der der Messias geboren werden soll. (David selbst ist dort geboren – 1. Sam 16!) Bethlehem, du kleine Stadt, aus dir wird einmal … hervorgehen.

 

B. II. Das Kind in der Krippe

 

1. Der große und unnahbare, vor allem auch unsichtbare Gott macht sich klein; er begnügt sich mit Herberge und Krippe als Orte der Unterbringung und Aufbewahrung in der ersten Nacht der Geburt Jesu. Trotz dieser miserablen Lebensumstände, die heute unakzeptabel wären. Das Nachtasyl für Maria und Josef – und Jesus, einfach traurig!

(Schon ein bloßes Zelt mit Heizkörper, Wasseranschluß und Klobenutzung wird heute nicht mehr als Menschen zumutbar empfunden, vor allem wenn das Essen nicht stimmt.)

2. Gott ist Mensch geworden (für Muslime unmöglich!)

Er macht sich klein, damit wir groß werden: selbstbewußte, aus aller echten Schuld, aber auch aus falschen Schuldvorwürfen befreite, verantwortungsbewußte Menschen. „Aus Liebe hat Gott seinen Sohn für uns hingegeben, damit wir nicht verloren werden, sondern das ewige Leben erlangen.“ Neues Leben zeigte sich damals im Abbau falscher Tabus, in der Abwendung von heidnischer Vielgötterei, in einer kritischen, auch selbstkritischen Lebensführung. Bei Jesus in der Zuwendung zum Kranken und leidenden Menschen, aber auch im Streit um die wahre Auslegung der Bibel. Nicht nur Gesetz, sondern Evangelium...

3. Das Evangelium von der Geburt Jesu will uns ein neues Leben schenken. Bei den Hirten fängt Gott an, indem er sie zu Verkündigern des Evangeliums macht. Durch ihre Aktion kommt das Evangelium zu uns und will auch uns verwandeln. Gerade so hat das Evangelium von Jesus Christus einen weltweiten Wertewandel bewirkt, jedenfalls dort, wo es Christen gibt, die die Botschaft von Gottes neuer Welt mit Jesus als Fixpunkt in ihr Leben eingebaut haben.

 

B III. Wie Kirche und Glaube uns bereichern und verwandeln 

 

1. Das Evangelium wurde so zum Ausgangspunkt vieler neuer Entwicklungen auf nahezu allen Gebieten des Lebens: Es brachte die Befreiung des Gewissens, alle Bindungen haben in der Bindung an den einzigen (Mensch gewordenen) Gott ihre Grenze. Langfristig wurde das römische Reich mit seiner Vielgötterei und dem Kaiserkult, dem viele der frühen Christen zum Opfer fielen, zu einer menschlichen Staatsform mit dem Gegenüber von Kaiser und Kirche. Gewaltenteilung dieser Art ist bis heute Grundlage und Garant einer nicht fundamentalistischen Lebenskultur.

2. Kernstück einer solchen Gesellschaft: Die Freiheit des einzelnen, sein unveräußerliches Menschenrecht. Das Individuum hat unendlichen Wert.

Der Mensch ist nicht nur als Gesunder wertvoll. Auch der Kranke verdient unsere lebenslange Zuwendung. Auch er soll ein volles Leben erhalten. Und der Mensch ist auch nicht nur als Erwachsener Mensch, sondern schon das Kind verdient unsere ganze Aufmerksamkeit und Liebe.

(Gott begünstigt das Kleine und Unscheinbare)

Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder... werdet ihr nicht eingehen in das Reich Gottes.“ sagt Jesus. Den eigenen und fremden Kindern Schutz gewähren, Erziehung ernst nehmen, Jugendarbeitslosigkeit bekämpfen, steht das heute noch im Vordergrund unser Bemühungen? Die Flüchtlingsfrage von heute darf nicht die politische Tagesordnung allein bestimmen und die bisher wichtigen Fragen unserer Gesellschaft zurückstufen.

3. Der Reiche ist nicht mehr Mensch als der Arme. „Siehe ein Mensch“ (ecce homo) ist der höchste Titel, den wir Christen zu vergeben haben, vor allem in Konfliktsituationen als Mensch für Menschen tätig sein! Frieden werden die Bewohner der Paläste nur haben, wenn auch in den Armenhütten Strom brennt und fließendes Wasser installiert wird. Der Terror bei uns wird eher zu- als abnehmen, wenn es den Menschen in den Erdteilen ohne Strom und sauberes Wasser und den Gefahren der Klimaerwärmung nicht in den nächsten Jahren spürbar besser geht und wenn die Arbeit nicht zu einseitig verteilt ist. Hier bei uns kann man arbeiten und Geld verdienen, aber anderswo bleibt man ein Lebenslang Sklave mit weniger als einem Euro Lohn am Tag. Menschenwürdig ist das nicht. Und auch der Mindestlohn sollte nicht mit Blick auf die Flüchtlinge wieder abgeschwächt werden.

4. Der Glaube an den in Jesus uns nahe gekommenen Gott ist noch nicht das Reich Gottes, aber die Kirche ist weltweit aktiv. Sie kann sich nicht nur die nationalen Standpunkte zu eigen machen. (Wir freuen uns als Kirche, daß es den Menschen in unserm Land gut geht. Und dazu hat der Protestantismus durch seinen Einfluß auf die Gesellschaft erheblich beigetragen. Aber wir dürfen nicht auf der Seite der Ausbeuter der Ressourcen dieser Erde stehen, während die Besitzer dieser Ressourcen leer ausgehen, außer sie gehören dort zu den Mächtigen.) Sie muß dazu beitragen, daß die Menschen auch in den armen Erdteilen am normalen Leben teilhaben können. (Durch Erziehung und Schulbildung. Durch eine sinnvolle Berufsausbildung. Das Leben der Menschen dort muß wieder einen Sinn haben.) Große Herausforderungen kommen da auf uns zu.

5. Auch unsere Gemeinde spürt das, wenn auch in kleinerem Maßstab. (Mit-) Menschlichkeit, die Liebe zum Nächsten Tat werden lassen, verlangt viel von uns, aber kann auch viele von uns überfordern!

Jede Gemeinde ist heute eine Schnittstelle zwischen Privat und Politik. „Laib und Seele“ und „Spätcafé“ sind unsere Projekte, in denen viele Ehrenamtliche mitwirken, um die Not in unserer eigenen Bevölkerung abzubauen. Inzwischen kommen auch viele Flüchtlinge zu uns. Hilfe für Einsame. Darüber hinaus für Menschen in Heimen, verwirrte Existenzen, oft vergessen, wenn von unserem reichen Land geredet wird. Auch bei uns ist die Not oft groß.

(Aber unser Engagement muß auch den Menschen etwa im Orient gelten oder in den von Bürgerkrieg und wirtschaftlichem Elend zerrissenen Gebieten Afrikas. So sammeln wir regelmäßig eine Kollekte für Talitha Kumi und Themba laBantu. Die Christen im Orient nicht zu vergessen! Die wir vor lauter muslimischen Flüchtlingen meist gar nicht auf dem „Schirm“ haben. Große Herausforderungen kommen da auf uns alle zu.)

Obwohl es noch viel zu verbessern gibt, ist ein gewisser Stolz auf unser Christentum auch berechtigt, das dem Fremden, dem Flüchtling als Mensch dieselben Rechte einräumt wie dem Bürger des eigenen Landes. Das sind doch alles positive Wirkungen unseres heute weihnachtlich ausgeschmückten Glaubens! Und doch zweifeln viele in unserem Land am Sinn von Religionen. Bringen sie nicht nur Gewalt und Streit? Fragen sie … Zu Recht?

 

C. Die eigene Identität bewahren (aber keine Abschottung/Abgrenzung!)

 

1. Das Wichtigste am Schluß: Weihnachten ist kein Kindermärchen, obwohl wir dort auf kindgemäße Weise erfahren, daß die Menschwerdung Gottes ein Angebot an die Welt ist, jenseits von Neid auf die Mächtigen oder Barrikadenkampf die erstarrten Verhältnisse zu revolutionieren.

Die religiöse Tradition, in der wir großgeworden sind, sollten wir nicht als beliebig geringschätzen! Auch wenn keine Religion für sich die absolute Wahrheit beanspruchen könne. Schon die Schwächen der Menschen lassen kein Absolutheitsdenken unter uns aufkommen. Aber der Gott, den wir in Jesus kennengelernt haben, hat ein großes Potential auch in der Zukunft. Aber wir müssen es ausschöpfen und wir müssen unseren Kindern zeigen, wie sich in dieser Haltung des Glaubens als Christen leben läßt: frei, offen, mit ehrlichem Herzen, nicht unkritisch, aber von der Hoffnung erfüllt, daß die Versöhnung, die Gott uns im Glauben an Jesus Christus schenkt, eine neue Dimension in das Zusammenleben auch religionsverschiedener Menschen hineinträgt. Nicht unkritisch, heißt: wachsam sein für alles, was diese mit viel Mühe und Opfern gemeinsam erkämpfte Kultur zerstört, sowohl gegenüber Fremden, die in unser Land ja oft auch einen anderen Geist hineintragen, aber auch uns selbst gegenüber, die wir oft eine Haltung der Gleichgültigkeit gegenüber den Schätzen unserer über Jahrhunderte gewachsenen Kultur und christlicher Identität an den Tag legen. Christsein ist Geschenk wie das Kind in der Krippe, aber auch Verpflichtung, an der Weitergabe des Glaubens an die nachfolgenden Generationen aktiv mitzuwirken. Können wir Menschen bleiben ohne Beziehung auf Gott? Haben wir Mut, auch bei Widerständen und anderen Überzeugungen gegenüber, das eigene Herz und den eigenen Glauben nicht zu verschweigen?

2. Kürzlich las ich etwas sehr Beeindruckendes, nämlich daß Muslime sich vor Christen gestellt haben, als ein Trupp einer dem IS nahe stehenden Gruppe militanter Muslime in Afrika einen Bus anhielt, und die Muslime darin bat, die Christen dort herauszugeben, wo sie ermordet werden sollten. Sie taten es nicht, sie sagten: im Qoran steht, daß wir alle sterben müssen, die Frage ist nur unter welchen Umständen und wie wir selber uns verhalten.

3. Es gibt Identität nur, wenn wir wissen, für was wir einstehen, welche Werte wir unbedingt erhalten müssen, damit die Welt menschlich bleibt oder wieder wird. Möge uns auch im kommenden Jahr diese Hoffnung vor allen falschen Schnellschüssen gegenüber Fremden bewahren. (Ein solcher Glaube wird immer notwendig sein, um Licht zu spenden in den Finsternissen unserer Zeit.)

Das alles gehört nach meinem Verständnis noch zur Innenseite des Weihnachtsfestes, und wir sollten es uns immer auch vor Augen halten. Weihnachten sollte ein fröhliches Fest sein, weil Gott Mensch wird und uns damit erhöht. Aber zu seinem Menschentum. Und nicht zu unseren Bedingungen.

 

Amen

 

(Eingestellt am 15.1.26 nach dem damaligen Manuskript. Die geschriebene Predigt wurde in manchen Passagen beim Vortrag aus dem Moment heraus gerafft und „mündlicher“ vorgetragen. Das betrifft nicht nur das Eingeklammerte!)