Konstantin der Große

Zur „Konstantinischen Wende“
 

Meine Rezension zu Joseph Vogt, Constantin der Große und sein Jahrhundert, München 1949 (2. Aufl. München 1960), vom 15.6.1976

1. Das Buch von J. Vogt hat vier Teile. Dadurch ist ein übersichtlicher Aufbau gewährleistet. Die ersten drei Teile stellen die „Krise der antiken Welt im 3. Jahrhundert“ (1. Teil), die „Restauration Diocletians“ (2. Teil) und die „Revolution Constantins des Großen“ (3. Teil) dar. Ein vierter Teil behandelt abschließend die „constantinische Epoche“.
Wenn man will, kann man auch sagen, Konstantins „Revolution“ überwindet die Krise des dritten Jahrhunderts, an der das in mancher Hinsicht mustergültige Werk eines Staatsaufbaus durch Diocletian (Mommsen) gescheitert war. Es dürfte eine zutreffende Wiedergabe der Auffassung von Vogt sein, daß die Widersprüche, in denen Rom Mitte des  dritten Jahrhunderts zu versinken drohte, in Konstantins Person in fruchtbarer Weise zum Austrag kamen und in ihm ein neues Verständnis staatlichen Zusammenlebens unter den Menschen verschiedener Religionszugehörigkeit reifen ließen [allerdings unter einer gewissen Bevorzugung des Christentums als „ideologisches“ Leitmedium].

2. Dazu das Zitat von Seite 272: „Darin vor allem ruht die geschichtliche Bedeutung Constantins, daß er das Christentum in das Reich eingeführt und dessen seelischen Kräfte der Welt erschlossen hat. Durch seine Bekehrung, son sagen wir ohne Einschränkung, hat er die Notwendigkeit des Jahrhunderts vollstreckt und den Kairos erfüllt. Es war ein römisches Motiv in dieser Bekehrung, wenn er als Soldat und Politiker seinem Staat den höchsten Heilswert gewinnen wollte. Hellenisch mutet es an, wenn er im christlichen Glauben die vernünftige Form des Gottesgedankens suchte. (…) So scheinen die Wege, auf denen die Menschen vor ihm zum Christentum gelangt waren, in Constantins Bekehrung zusammengefaßt.“
In dieser Beurteilung Konstantins sind ihm, Vogt, die meisten seiner Rezensenten gefolgt.

3.  Kritisches Echo: In Einzelheiten seiner Darstellung haben W. Enßlin (Gnomon 21, 1949, S. 333f.), H. Dörries (ZKG 64, 1952-53, S. 206) und auch H. von Campenhausen (ThLZ 75, 1950, S. 488f.) gegenüber Vogt divergierende Auffassungen vertreten, die hier nicht dargelegt werden können. In der Frage, wer gegen Ende des dritten Jahrhunderts die Christenverfolgungen zu verantworten hatte, ob Diocletian oder Galerius, dürften weiterhin die Auffassungen von Baynes (JRS 41, 1951, S. 156) und Vogt (S.136) jeweils gute Gründe für sich haben, obwohl Vogt m. E. einleuchtendere Gründe nennt (was ich hier ebenfalls nicht ausführen kann).
Die Frage, welchen Quellenwert die Vita Constantini hat, dürfte zwischen ihnen nicht entscheidbar gewesen sein und gilt auch weiterhin als noch nicht befriedigend geklärt.
Kritische Anfragen an die Konzeption Vogts erhebt A.R. Burn (CR 65, 1951, S. 102; vgl. dazu v. Campenhausen aaO). Burn stellte die berechtigte Frage, ob denn das dritte Jahrhundert wirklich als Konstantins Jahrhundert zu bezeichnen ist, oder ob diese Bezeichnung nicht viel eher auf das vierte Jahrhundert zutrifft.
Ein anderer kritischer Einwand, der von den hier genannten Rezensenten, soweit ich sehe, nicht erhoben wurde, läßt sich gegen die stark personalisierende Geschichtsbetrachtung vorbringen. Dies zeigt sich nicht nur darin, in welchem Maße Konstantin selbst als geschichtsbestimmende Gestalt dargestellt wird, sondern auch einzelne Formulierungen zeigen Vorliebe für „starke Führerpersönlichkeiten“ (S. 27). Oder wenn die „wohlabgewogene augusteische Ordnung“ (S. 36) nach Augustus deshalb zerfiel, weil es „das Verhängnis (wollte), daß die Männer, die zum Thron gelangten, den hohen Anforderungen des Prinzipats nicht gewachsen waren. Mit Caligula, Nero und Domitian kamen Persönlichkeiten an die Spitze, die dem Dämon der Macht erlagen und in ihrer Tyrannei die geheime Gefahr der persönlichen Staatsführung hemmungslos enthüllten“ (S. 37). (siehe Anm. 1 unten)
Umso leuchtender wird uns das Vorbild Konstantins vor Augen gestellt. In seiner Behandlung der „Streitfragen um Konstantin den Großen“ (RM 58, 1943, S. 190-203, bes. S. 192f.) wird die persönliche Lebensführung des fast noch halbwüchsigen Konstantin zum Vorbild für Sitte und Moral erklärt, wobei Vogt sich an die Lobrede eines Panegyrikers halten kann.

4. Abschließend sei darauf hingewiesen, daß es Vogt vor allem darum geht, den einzigartigen Rang Konstantins so eindringlich und fundiert wie möglich zur  Darstellung zu bringen. Es war sein Anliegen, deutlich zu machen, daß Konstantins Sendung darin bestanden hat, in der Wende vom dritten zum vierten Jahrhundert eine Zeitenwende eigenen Stils in Angriff zu nehmen und zu einem vorläufigen Abschluß zu bringen: in dem von ihm begründeten christlichen Kaisertum.

eingestellt  am 8.6.26 W.M.

Anm. 1
Diocletians Rücktritt von der Macht 305 wird von Vogt dagegen als ein hohes Beispiel für die sittliche „Lebenshaltung des illyrischen Menschen“ (S. 142) angesehen und dementsprechend ausführlich gewürdigt. Es mag an dieser Stelle daran erinnert werden, was T. B. Jones (CW 45, 1951/52, S. 74) in seinem Schlußsatz hierzu sagt: „German scholars seem to adhere to the old myth of the >>Illyrian emperors<<, a senseless thing which ought to be exploded.“