Arbeitsblätter

21. Arbeitsblatt

Wer  oder was ist der Mensch?

(zu den Texten Ps 8, Gen 3, Röm 3; 7;)

 

1. Der Mensch ist nach biblischem Verständnis anders als ein Tier das zur (aktiven) Gemeinschaft mit Gott bestimmte Lebewesen.

2. Erst in dieser Gemeinschaft gewinnt der Mensch die Freiheit zu einer Selbstverwirklichung (Autonomie), die ihn sich selbst, dem Mitmenschen und seiner Umwelt nicht entfremdet, sondern vielmehr zu sich selbst kommen läßt, ohne sich oder dem Mitmenschen bzw. der Umwelt zu schaden.

3. Aus dieser Freiheit erwächst dem Menschen nach biblischer Überzeugung überhaupt erst die Kraft, dem Menschen (Nächsten) gegen alle inneren und äußeren Widerstände positiv (wenn auch nicht unkritisch) zu begegnen und ihm so ein nützlicher Partner, ein Helfer auf seinem Weg zu eigener Selbstbefreiung zu sein.

4. Die Freiheit, die die Gemeinschaft mit Gott schenkt (und das ist der tiefere Sinn der Gottebenbildlichkeit des Menschen Gen 1, Ps 8), ist keine ihm von Natur aus gegebene (angeborene) Fähigkeit. Sie will vielmehr als Geschenk des Glaubens an Jesus Christus entdeckt und angenommen werden.

5. Der „natürliche“ (= gottlose) Mensch ist nach biblischem Urteil ein in seiner Sünde gefangener Mensch, unfähig zu freier Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung, wobei dieses Urteil in den Augen des Apostels Paulus nicht nur die Nicht-Juden (Heiden), sondern - trotz ihrer Vorzüge - auch die Juden selbst trifft, obwohl gerade der fromme Jude (= Israelit) wissen sollte, wie er die ihm durch Gottes Handeln erkämpfte Freiheit (Auszug aus Ägypten) bewahren kann, nämlich durch die strikte Einhaltung der 10 Gebote.

6. Warum aber gelingt dies nicht? Obwohl das Gesetz – geistlich gesprochen – gut ist, weil es von Gott kommt, richtet es durch die nach Paulus dem Menschen innewohnende Sünde mehr Schaden als Nutzen an (vgl. Luthers Gegenüberstellung von Gesetz und Evangelium). Das Gesetz will zwar das Gute erhalten bzw. bewirken, indem es uns zu richtigem Handeln anhält, erreicht aber oft das genaue Gegenteil. Weshalb ist das so? Weil für Paulus die Sünde der große Gegenspieler des Gesetzes ist. Das zeigt schon die sog. Sündenfallgeschichte Gen 3, wo die Schlange den Menschen zur ersten und eigentlichen Sünde, zum Bruch mit Gott, verleitet.

7. Die „Sünde“ wird von Paulus wie eine personifizierbare Größe behandelt, die gegen das Gesetz anstürmt, ja geradezu durch das Gesetz zu ihrer Aktivität in Gang gesetzt wird. Das Gesetz verspricht ja den Juden das Leben (= Freiheit), wenn sie es erfüllen. Aber die Sünde, der wir nach Paulus verfallen sind, gaukelt uns ein noch viel schöneres Leben vor, wenn wir ihren Begierden nachgeben – und damit dem Gesetz zuwiderhandeln. So aber wird für Paulus das Gesetz als Mittel zu einer falschen Selbstverwirklichung mißbraucht. So lebt nicht Christus in uns, sondern das „Fleisch“, d.i. der Mensch, der sich dem Gesetz Gottes entzieht.

8. Das Werk der Sünde erscheint zunächst ganz harmlos, ja geradezu notwendig. Indem sie den Menschen auf Lücken im Gesetz aufmerksam macht, fordert sie ihn auf, selber die aktuellen Bedingungen festzulegen, um das für ihn richtige Verhalten zu bestimmen, wenn es aus dem Gesetzestext in geschichtlich veränderten Lebenssituationen nicht mehr eindeutig zu erkennen ist. Aber ist das letzten Endes etwas anderes, als das Gesetz zu umgehen bzw. zu hintergehen? In dieser Aussagerichtung seiner Argumentation unterscheidet sich Paulus übrigens nicht von Jesus, der schon in seiner Bergpredigt Mt 5-7 unsere Neigung zur Verwässerung und Entkräftung des Gesetzes aufgezeigt hat.

9. Wenn dieses Verfahren nicht zu dem gewünschten Erfolg der Selbstbefreiung des Menschen führt, entledigt sich der Mensch ganz des Gesetzes wie eines das Leben einengenden Panzers, übertritt seine Gebote, wodurch das göttliche Gesetz dem Menschen zum Todfeind wird und ihm den Tod bringt (Gen 3, Röm 5; vgl. dazu Röm 1,28ff. und 6, 23). Doch dieser Tod der Gottesfeindschaft ist dem Menschen heute anscheinend nicht mehr wichtig, weil er ja so oder so einmal sterben muß. Am Tod ist für die Bibel aber nicht so sehr das Aufhören der leiblichen Lebensfunktionen entscheidend, sondern daß wir im Leben und im Sterben durch die Sünde die Gemeinschaft mit Gott verlieren und damit unser Leben, erst recht unser ewiges Leben in der Gemeinschaft mit Gott verfehlen.

10. Die durch die Sünde geschehene Aufkündigung der Gemeinschaft mit Gott können wir nach Paulus nicht mehr selber rückgängig machen. Dazu bedarf es nach Paulus der Erlösung von der Gewalt der Sünde durch Jesus Christus, durch den wir die Macht (= Freiheit) über uns zurückgewinnen. In dieser Freiheit sind wir zugleich zur Rechenschaft (= Verantwortung) gegenüber Gott für unser Handeln verpflichtet. Und nur durch sie sind wir auch fähig, – im Gebet (Beichte) – Schuld einzugestehen und zu übernehmen, wenn wir gegen Gott und den Mitmenschen gesündigt (fehlerhaft gehandelt) haben.

11. Gegenüber dieser an der biblischen Sichtweise orientierten Darstellung des mit dem Menschsein gegebenen Problems der Selbstverwirklichung heben Thomas von Aquin und die katholische Tradition (vgl. auch Erasmus von Rotterdam) die Wahlfreiheit bzw. den freien Willen des Menschen hervor, d.h. der Mensch hat es selber in der Hand, den Geboten Gottes gemäß zu handeln, wenn er sich dazu durch die Gnade Gottes, genauer durch die Kirche als Leib und Instrument Christi anleiten läßt.

12. Dagegen hat Luther protestiert, indem er vom in seiner Sünde „verlorenen und verdammten“ Menschen sprach, der sein Heil eben nicht aus sich selbst heraus – wenn auch nur mit der Hilfe der durch die Gnadenmittel (=Sakramente) der römischen Kirche vermittelten Kraft – schaffen könne, sondern dazu der Erlösung durch den Glauben an Jesus Christus bedarf und ohne diesen Glauben an J. Chr. zu keinem einzigen guten Werk, aber in diesem Glauben zu jedem guten Werk fähig ist. Hier also Glaube, dort letztlich Wahlfreiheit als die Grundpfeiler der jeweiligen Sicht des Menschen. Hier die enge und bleibende Verbindung des Glaubens mit der Bibel, dort die mit der Philosophie, die dem Menschen eine naturgemäße Freiheit zuerkennt.

 

Frage am Schluß:

Gibt es für uns heute eine neue Sicht? Oder sind beide Sichtweisen, die Selbstverwirklichung des Menschen mit Glauben und Religion zu verbinden, heute unbrauchbar geworden?

 

Dazu folgende Überlegungen:

(13.) Da die Kirchen heute in unserer Gesellschaft weniger als früher die ethischen Diskussionen über Menschsein und verantwortungsbewußtes Handeln beeinflussen, ist es für jeden von uns (Christen) wichtig, herauszufinden, warum wir an Gott glauben, ob und inwiefern der Mensch auf Gott angewiesen ist, um ein menschliches Leben führen zu können und so seiner Bestimmung gemäß zu leben.

Freilich mag sich manche(r) an dieser Stelle fragen, ob es für uns heute genügend Anhaltspunkte für so etwas wie eine Bestimmung des Menschen gibt und worin sie liegen könnte. Das Menschenbild der Bibel sieht den Menschen hingeordnet auf eine persönliche Beziehung zu Gott. Wir Heutigen haben damit anscheinend eher Schwierigkeiten. Warum ist das so?

(14.) Viele Kritiker von Religion und Kirche sprechen heute den Christen (und damit der Bibel) das Recht ab, etwas über eine Bestimmung des Menschen gegenüber Gott wissen zu wollen. Der Mensch verändert sich ja tagtäglich. Heute denken wir so, morgen vielleicht ganz anders. Und entsprechend ändert sich im Laufe unseres Lebens auch unser Handeln. Der Glaube als Maßstab für ein sinnvolles Leben scheint ein Erbstück Luthers und der Reformation zu sein, das nur schwer in unsere Zeit herüberzuholen ist, wie auch die mühevolle Erinnerungsarbeit dieses Jahres aus Anlaß der 500. Wiederkehr von Luthers Thesenanschlag von 1517 erkennen läßt. (Denn entscheidend ist nicht das Lutherbild, das uns in diesen Jahren in Ausstellungen und Büchern gezeigt worden ist, sondern ob und wie Luthers Lebensleistung in den evangelischen Gemeinden selbst rezipiert wird, ob nach dieser Dekade unterm Strich mehr als sein angeblicher Antisemitismus übrig bleibt...)

(15.) Unsere Zeit will die alten konfessionellen Kämpfe des 16. und 17. Jhts. nicht wieder aufleben lassen, an deren Ende ja auch in Europa nach neuen Ansätzen des Nachdenkens über den Menschen gesucht worden ist. Die Aufklärung der 2. Hälfte des 17. und des 18. Jhts. hat die Freiheit von allen religiösen Bindungen zu einem Menschenrecht gemacht. Ohne daß Religion als friedensgefährdend abgelehnt oder sogar verboten worden wäre, wird sie doch heute viel eher als ein Bestandteil der individuellen Freiheit und damit des individuellen Rechts auf Selbstverwirklichung denn als eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe oder gar Chance für ein menschenwürdiges Zusammenleben gesehen. Jedenfalls greifen die europäischen Gesellschaften nicht mehr auf ihre religiösen Befreiungsgeschichten oder Dogmen zurück (was in Europa am ehesten noch in katholischen oder orthodoxen Ländern mit homogener Bevölkerungsstruktur möglich ist), weil sie in einer pluralistischen Gesellschaft mit heterogener Bevölkerungsstruktur vermutlich neue und vielleicht noch gefährlichere Gegensätze heraufbeschwören würden als in den der Vergangenheit angehörenden christlichen Konfessionskriegen. Doch auf Dauer wird Europa nicht durch die gemeinsame Elendsgeschichte des ersten und besonders des zweiten Weltkriegs und ihrer desaströsen Auswirkungen für ganz Europa zusammengehalten werden können, weil sich die verschiedenen Bevölkerungsteile damit in ihrer Gesamtheit entweder gar nicht (wie die Zugewanderten) oder immer weniger (wie die Einheimischen) identifizieren können.

Die hierzulande weitverbreitete Abwertung der Religion hat bisher ein selbstbewußtes Wiedererstarken der Religion verhindern können, aber das kann sich mit dem massenhaften Einzug des Islam in (West-) Europa ändern. Es wäre jedoch tragisch, wenn die Funktion, die das Christentum fast 2000  Jahre lang in Europa ausgeübt hat, ein Bewußtsein für Einheit und gemeinsame Werte  über alle Grenzen, Spaltungen und Gegensätze hinweg zu schaffen, wegen der katastrophalen Fehler der christlichen Kirchen im 20. Jht. in Zukunft  säkularistisch ("Verfassungspatriotismus") geregelt oder gar vom Islam übernommen werden müßte, dessen Einfluß auf die gesellschaftlichen Prozesse in der Zukunft sicher wachsen wird.

(16.) Die Errungenschaften der letzten Jahre und Jahrzehnte in Deutschland und anderswo in Europa im Hinblick auf die Befreiung des Menschen von falschen oder nicht mehr von allen Menschen geteilten religiösen Normen (wie z. B. die Gleichberechtigung der Frauen sowie homosexueller Menschen oder die betriebliche Mitbestimmung der MitarbeiterInnen) können auch wieder verloren gehen oder als Angelegenheiten von Randgruppen abgetan werden, zumal die Probleme der kapitalistischen Wirtschaftsordnung (zerstörerische Umweltbelastung und Klimawandel), das ökonomische Nord-Süd-Gefälle und seine Folgen wie Hungerepidemien und Migrationsbewegungen, ethnische und religiöse Bürgerkriege oder kriegsähnliche Auseinandersetzungen besonders in Afrika und Asien, die heimliche Anhäufung der Militärgüterpotentiale in Krisengebieten außerhalb Europas, die Gefahren illegaler atomarer Aufrüstung, die Notwendigkeit einer zivilen Terrorabwehr, die weltweite Mißachtung von Menschenrechten und Minderheitenschutz, die Machtausdehnung totalitärer bzw. undemokratisch regierter Staaten, das Wiedererwachen von Nationalismen aller Art uns alle in der Zukunft vor sehr schwere Herausforderungen stellen werden, so daß die individuellen Freiheitsrechte mehr und mehr eingeschränkt werden können (man denke nur an den "digitalisierten" Staat, Datenmißbrauch und auf Einzelpersonen und ganze Gruppen bezogene Totalüberwachung).

 

Wolfgang Massalsky, Überlegungen für den Arbeitskreis am 28. 9. 2017

 

 

19. Arbeitsblatt

Für das Gespräch über „Gewissen, Schuld und Beichte“ (zu Luther und Franziskus)

Einstieg

vgl. die 8. Invokavitpredigt von 1522 (gemeinsame Lektüre nach Walchs Ausgabe der Schriften Luthers, 2. Auflage)

Luthers Theologie gilt als Gewissensreligion (Karl Holl).

1. Nicht die Kirche mit ihren Ordnungen, Regeln, Enzykliken, Verlautbarungen und Denkschriften können für das Leben des einzelnen Christen in der Welt bindend sein, obwohl es immer auch nützlich ist, sie in seine Überlegungen einzubeziehen, sondern allein sein (durch den Glauben geformtes) Gewissen und die darauf begründeten, von ihm zu verantwortenden Urteile.

Was kann man über das Gewissen sagen?

Es handelt sich um eine Art Zwiegespräch zwischen mir (Ich) und meinem inneren Ratgeber, dem Selbst (→Selbstverständnis /Selbstbild).

Als „schlechtes Gewissen“ steht das Gewissen meistens mit der Schuldthematik des Menschen in Verbindung. Wie einzelne Krankheitssymptome uns anzeigen, daß wir ein gesundheitliches Problem ausbrüten, so zeigt das „schlechte Gewissen“ an, daß etwas in unserem Leben nicht in Ordnung ist. Je härter das Gewissen mit uns ins Gericht geht, desto schwerer ist es für uns, weiter zu leben, als wenn nichts wäre. Andererseits entwickeln wir aus Angst vor uns selbst (oder vor Strafverfolgung) sehr oft Abwehr- oder Fluchtstrategien, um unser Gewissen auszuschalten und seinem „Gericht“ zu entgehen.

Das Hauptproblem ist die genauere Analyse des Verhältnisses von Ich und Selbst als Basis eines neuen Ansatzes für das Gewissen.

Das → „bessere“ Selbst. Was ist das?

Hannah Arendt hat (in einem Vortrag von 1965 über das Böse, siehe dazu das Buch über das Böse im Reclam-Verlag) den an sich richtigen Grundgedanken dieser "Zweier-Beziehung" von Ich und Selbst lediglich auf ein in der Vergangenheit liegendes unangenehmes Geschehen bezogen, dem sich der Mensch durch partielle "Amnesie" zu entziehen versucht, anstatt dieses Geschehen kraft Erinnerung in seinen gegenwärtigen Bewußtseinsraum aufzunehmen, um sich damit auseinandersetzen zu können.

Daß es dadurch gelingt, es vollständig  zu verdrängen und sogar zu vergessen, erscheint mir fraglich. In der Regel erlaubt mir mein Unrechtsbewusstsein nicht, mich auf mein mangelhaftes Gedächtnis zu berufen, wenn ein Dritter mit genauen Fakten das Geschehene zur Sprache bringt.  Ich kann dann lediglich meine Schuld an den von mir begangenen Taten relativieren und verharmlosen oder mich auf Befehlsnotstand berufen.

Hier setzt das Selbst ein. Das Selbst kämpft um Gegenwart und Zukunft des (damaligen/jetzigen) Ich. Das Selbst ist das, was das Ich gern wäre, wenn es die Vergangenheit mit ihrem Versagen (oder Verbrechen) los wäre.

In Wirklichkeit aber ist das Selbst das noch unvollendete Ich, der Mensch im Werden, der Mensch auf dem Wege zu sich selbst.

Eine Theorie des Gewissens kann und muß auf diese in jedem Leben noch unabgeschlossene Geschehensdialektik, in der sich das Ich als zeitliches Wesen vollzieht, bezogen werden. Das hat H. A. nicht gesehen.

Ihre Darstellung tut so, als wenn jeder Mensch wie Sokrates möglichst ohne Widerspruch mit sich im reinen sein möchte, obwohl doch in Wirklichkeit jeder Mensch lernen muß, mit den Widersprüchen seines Lebens zurecht zu kommen, ohne seine Glaubwürdigkeit vor sich selbst zu verlieren

2. Wie geht Luther mit Schuld um? Auch für ihn wäre es unerträglich, immer mit einer unvergebenen, nicht wieder gut zu machenden Schuld leben zu müssen.

Das Sakrament des Sündenbekenntnisses und der Schuldvergebung ist für Luther und die damalige katholische Kirche die Beichte, nicht nur die allgemeine Beichte aller Christen im Gottesdienst, sondern die persönliche („heimliche“) Beichte vor einem Beichtvater oder sonst einem Helfer (→ Seelsorge). Ist das heute noch so wichtig wie damals? Reicht es nicht, daß wir ständig in unseren Gebeten (→ Vaterunser) Gott um Vergebung unserer Schuld bitten? Wie gehen wir mit Schuld um, die wir an einem anderen verübt haben?

Mit einer bloßen „Entschuldigung“ ist es freilich nicht getan. Wenn überhaupt unter uns Menschen Schuldvergebung möglich ist, dann setzt sie die Aussprache mit dem voraus, an dem ich gesündigt bzw. eine Schuld begangen habe. Aber nach christlichem Verständnis kann uns eigentlich nur Gott Schuld vergeben, denn die Schuld am Nächsten weist immer auch auf eine Schuld gegenüber Gott hin.

Aber durch wen wird uns diese Schuldvergebung zugesprochen, wenn nicht durch eine(n) Geistliche(n), der dazu qua Amt berechtigt ist? Gewiß kann ich auch anderen Menschen anvertrauen, was mich belastet und dadurch die Erfahrung der Erleichterung machen. Aber ist das mit der Absolution in der Beichte gleichzusetzen? Prinzipiell muß es möglich sein, diese Aussprache unter Glaubenden mit einer derartigen Bitte um Schuldvergebung zu verknüpfen, wenn das Vertrauen da ist, daß der Inhalt des Gesprächs geheim bleibt. Und warum sollte nicht sogar jeder Christ fähig und geeignet sein, die Beichte eines (befreundeten) Mitchristen anzuhören und auf der Basis von Gottes Wort („an Christi Statt“) Schuldvergebung zu gewähren oder was in einem gewissen Sinne dasselbe ist, den Trost des Evangeliums zu spenden?

Haben wir als Christen nicht sogar einen Anspruch darauf, den Trost des Evangeliums zu erfahren, wenn wir gesündigt haben und nicht mehr weiter wissen, und auf unser Verlangen hin, Schuldvergebung durch Gott zu erhalten? Oder funktioniert das nur, wenn wir uns vor Gott als einen Sünder demütigen lassen, der eigentlich keine Vergebung verdient (wie das vor weltlichen und kirchlichen Gerichten – und auch die Beichte kann ein solcher Gerichtshof sein – bzw. bei Vorgesetzten-Untergebenen-Beziehungen allzuoft geschehen ist)? Darf der oder die Geistliche entsprechend der sog. Schlüsselgewalt, die der Kirche als ganzer anvertraut worden ist, die Schuldvergebung aus bestimmten Gründen verweigern?

Wie steht es dann mit unserem Wunsch, als mündige Christen starke Persönlichkeiten mit einem stabilen Selbstbewußtsein zu sein? Werden dadurch nicht gebrochene Persönlichkeiten produziert? Wie hilft uns unser Glaube, daß es dazu (und zur Abwendung von der Kirche) nicht kommt?

3. Für die geistliche Besinnung

Gebet
Menschen gehen zu Gott in ihrer Not,
flehen um Hilfe, bitten um Glück und Brot,
um Errettung aus Krankheit, Schuld und Tod.
So tun sie alle, alle, Christen und Heiden.

Menschen gehen zu Gott in seiner Not,
finden in arm, geschmäht, ohne Obdach und Brot,
sehen ihn verschlungen von Sünde, Schwachheit und Tod.
Christen stehen bei Gott in seinem Leiden.

Gott geht zu allen Menschen in ihrer Not,
sättigt den Leib und die Seele mit seinem Brot,
stirbt für Christen und Heiden den Kreuzestod,
und vergibt ihnen beiden.
                       

                                                      (Dietrich Bonhoeffer)


 

Wolfgang Massalsky, zum Treffen des AK am 29. 6. 2017,


 

17. Arbeitsblatt

Das Böse nach christlichem Verständnis

(siehe jetzt in der Rubrik "Bibel")

 

14. Arbeitsblatt

 

 

Evangelisches und katholisches Verständnis des Christlichen

Unterschiede und Gemeinsamkeiten (1. Teil)

 

nach dem Buch von H.-J. Frisch, Lieber Martin Luther. Lieber Papst Franziskus. Ein Briefwechsel, 2016

(leider ist das Buch viel zu teuer, um seine Anschaffung zu empfehlen!)

 

 

A. Einleitung

 

1. Die Gegenüberstellung des Reformators Luther und Papst Franziskus gibt dem Verfasser die Möglichkeit, dem Leser zu zeigen, daß die beiden ekklesiologischen Konzepte, die einst die Spaltung der abendländischen Christenheit besiegelten, heute gar nicht mehr so weit auseinander liegen. Die gegenwärtige römisch-katholische Kirche hat viele Elemente der evangelischen Kirchenlehre in sich aufgenommen. Zumindest bekennt sie sich zu vielen Anliegen Luthers und seiner Reformation. Die Einheit ist aber noch lange nicht in Sicht, vielleicht sogar unmöglich. Immerhin ist vor allem in Glaubensfragen nach Auffassung des Vf.s die Annäherung viel weiter, als man sich das noch zur Zeit Benedikts XVI. vorstellen konnte.

 

2. Die beiden Briefschreiber scheinen sich über die Zeiten hinweg und trotz aller kulturellen und gesellschaftlichen Gegensätze gut zu verstehen. Denn sie wollen beide dasselbe, nämlich daß die (heutige) Kirche der Welt ein gegenwartsnahes und glaubwürdiges Zeugnis von der Barmherzigkeit Gottes in Jesus Christus abgibt.

 

3. Dieser fiktive Briefwechsel will aber nicht nur der Verbreitung dieser Erkenntnis dienen. Sondern darüber hinaus auch zur Verständigung der Mitglieder der beiden Kirchen beitragen, jedenfalls bei denen, die eine Kirche wollen, die sich in der Richtung entwickelt, die Franziskus vorgegeben hat, die er aber nach Lage der Dinge kaum erleben wird angesichts der vielen Hindernisse, die auf diesem Weg noch zu beseitigen sind.

 

4. Die schwierigsten Hürden, die bisher zwischen der evangelischen und der katholischen Kirche angenommenen Gegensätze, sind anscheinend gar nicht mehr so gravierend. Größere Probleme macht dem Vf. inzwischen vermutlich der Widerstand, der sich in der katholischen Kirche selbst dem neuen kirchenpolitischen Kurs von Franziskus entgegenstellt und nahezu unüberwindbar erscheint.

 

 

B. Prüfung der Eingangsthese

 

Von dieser ökumenisch erfreulichen Intention her ist die Lektüre dieses Buches für jeden an ökumenischen Fortschritten interessierten Christen ein Gewinn.

Schaut man sich dann aber das Buch genauer an, dann zeigen sich doch auch viele Ungereimtheiten und Unklarheiten, im einzelnen auch Fehler in der Darstellung, von Verkürzungen der Theologie des Reformators ganz abgesehen. (Davon wird noch im 2. Teil zu reden sein.)

 

I. Analyse einzelner Sachverhalte

 

1. Beobachtungen

 

1.1 Es handelt sich um einen fiktiven Briefwechsel, den es natürlich in Wirklichkeit nicht geben kann: Luther 16. Jht., Franziskus 20. oder besser 21. Jht. Es sind also Briefe, die der Verfasser den beiden Kontrahenten in den Mund gelegt bzw. in die Feder diktiert hat.

 

1.2 Dabei werden eine Reihe von Themen angesprochen, die sehr viele der zwischen Protestanten und Katholiken kontroversen Lehr- und Glaubensunterschiede betreffen. Ich kann sie hier gar nicht alle aufzählen.

1.2.1 Selbstverständlich kommt das Problem der Reform bzw. Reformation in der Kirche des 16. Jhts. in pro und contra zur Sprache, sodann die Rechtfertigungslehre, die "Allein"-Stellungsmerkmale des evangelischen Glaubens, aber auch die Sakramentslehre. Die Gesellschaftsbedeutung der Kirche und des Glaubens wird unter dem Begriff der Freiheit thematisiert.

1.2.2 Anderes kommt dagegen zu kurz oder fällt ganz weg: z. B. die anderen Religionen, aber auch die Probleme des Säkularismus.

 

1.3 Besonders der Komplex Kirche nimmt hier einen großen Platz ein. Trotzdem können doch immer nur einige wichtige Aspekte behandelt werden.

1.3.1 Die strukturellen Probleme der röm.-katholischen Kirche kommen dagegen gar nicht oder nur am Rande zur Sprache, wie z. B.

1.3.2 der Zölibat, die Ehelosigkeit der Priester (und die damit zusammenhängenden Verfehlungen unzähliger Priester¦ sowie der zahlenmäßige Rückgang an Priester-Bewerbern, jedenfalls in der BRD), oder

1.3.3 die Unfehlbarkeit des Papstes, wenn er ex cathedra ein Dogma verkündet,

1.3.4 wie auch die langjährige Praxis der Kirche, unangenehme Meinungen und Lehren als Abweichlertum zu häretisieren und ihre Vertreter auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen, wie man es ja auch mit Luther vorhatte.

 

1.4 Bei 12 Themen (1. Hälfte) schreibt zuerst Bruder Martin an Papst Franziskus, bei den 11 folgenden Themen ist es der Papst, der sich an Martin Luther wendet, und dieser antwortet. Zuerst also die Behandlung der Probleme aus der Sicht Luthers, sodann aus der Sicht der röm.-kath. Kirche bzw. des jetzigen Papstes Franziskus. Gibt es dafür einen tieferen Grund, oder ist dieser formale Wechsel nur ein stilistisches Mittel, um die Darstellungsperspektive zu ändern? Immerhin hat so Luther nicht nur das erste, sondern auch das letzte Wort.

 

2. Rückfragen zu Tendenzen der Argumentation

 

1.5 Daß sich die römisch-katholische Kirche heute anders präsentiert als zur Zeit Luthers, ist sicher eine der Hauptintentionen, die den Verf. zu diesem Buch bewogen haben.

1.5.1 Aber welchen Sinn soll es haben, Luther, eine Gestalt des späten Mittelalters an der Schwelle zu einer neuen Zeit, zu dessen Wirkungsgeschichte die Kirchen der Reformation gehören (und damit die evangelischen Kirchen von heute, die sich in ihren Bekenntnissen auf ihn berufen), mit der heutigen römisch-katholischen Kirche unter Franziskus zu konfrontieren, die zu vielen Problemen - Gott sei Dank -  heute ganz andere Positionen einnimmt als zur Zeit Luthers?

 

1.6 Dabei sind viele Gedanken, die der Vf. Papst Franziskus in den Mund legt bzw. aus dessen Enzykliken oder anderen päpstlichen Schreiben sowie Konzilstexten entnimmt, keineswegs ausschließlich katholisch, sondern durchaus auch bei protestantischen Theologen und Kirchenleuten zu finden. Und nicht nur bei Außenseitern.

Darum ist es schade, daß sich der Vf. kritischer Überlegungen evangelischer Theologen in bezug auf gewisse Probleme der Theologie Luthers bedient, ohne uns zu verraten, wem er sie verdankt.

1.6.1 Das gilt sowohl für das Thema Schrift und Tradition als auch für die vom Papst besonders scharf kritisierte Einstellung Luthers zur Judenfrage (168ff.).

 

1.7 Noch seltsamer ist die anachronistische Kritik am "Bibelwissenschaftler" (93) Luther. Wer mit dem immer wechselnden Stand der Bibelwissenschaft gegen Luther argumentiert (69f.), der sie doch als erster (auf seine Weise) als eigenständige, vom Lehramt unabhängige Wissenschaft an der Universität etabliert hat, der verkennt, daß die Bibelwissenschaft auch in der Systematik der evangelischen Theologie gegenüber den Bekenntnissen vor allem eine dienende Funktion hat (entsprechend der Zuordnung von biblischem "Kerygma" und kirchlichem "Dogma"), und das gilt in der katholischen Theologie erst recht.

 

II. Zum methodischen Vorgehen

 

2.1 In dieser Beziehung ist festzustellen, daß der Papst auf die Ãußerungen Luthers im Grundsätzlichen oft verständnisvoll, ja zustimmend eingeht, aber dann doch verlangt, daß "Ergänzungen und Erweiterungen" (39) gemacht werden müssen, oder für die verhandelten Dinge eine "umfangreichere Perspektive" (36) oder ein weiterer "Rahmen" (71) gefunden werden müsse.

 

2.2 Während Luther (L) ganz kategorisch sein Entweder-Oder setzt, dominiert bei Franziskus (F) das Sowohl-als-auch-Prinzip  oder "L und F".

 

2.3 Katholisch ist eben all-umfassend, protestantisch dagegen eher einseitig; ja manchmal erscheint es dem Papst sogar als "lieblos" 1 (92, Ähnlich schon 14), was Luther gelegentlich schreibt und sagt.

2.3.1 Dabei gelingt dem Verfasser ein kleines Kunststück: Einerseits werden die Forderungen Luthers zumeist als richtig anerkannt oder zumindest aus der damaligen Zeit heraus als verständlich beurteilt, andererseits werden sie zugleich als ergänzungsbedürftig erklärt und relativiert.

 

 

III. Die sachlich wichtigsten Punkte, die das bestätigen, was hier zur Methode festgestellt wurde:

 

3.1 "ecclesia semper reformanda" (die Kirche ist nach Luther eine immer zu "reformierende")

3.1.1 Dazu Franziskus: Reform ja, Reformation nein. Weil sie doch letztendlich an der Spaltung schuld ist, die heute von keiner Seite mehr gewollt wird.

3.1.2 Dagegen ging es Luther viel weniger um Reform der Mißstände - obwohl der Ablaßbriefhandel zweifellos Auslöser der Reformation bzw. des Thesenanschlags war - , sondern es ging Luther um die Rückkehr der römischen Kirche zum Glauben der frühen Christen, wie er im NT dargestellt wird: Nicht die Autokratie eines Papstes oder seine kuriale Amtsbürokratie soll das Christlich-Angemessene zu einer bestimmten Zeit definieren können, sondern allein der Heilige Geist, dem beide zu dienen haben und zwar so wie er in der Schrift weht!

 

3.2 Luthers "Allein"-Stellungsmerkmale (allein der Glaube, allein die Schrift u.s.w.)

werden kontrastiert durch sich daran anschließende Ergänzungen und Erweiterungen. Sie bloß als "Ausrufezeichen" 2 zu verstehen, wie W. Krötke es in der Berliner Kirchenzeitung ("Die Kirche") vom 22. 1. 2017 tut, ist jedenfalls nicht Luthers Absicht gewesen. Es ging Luther ja darum, den Glauben wieder in seiner eigentlichen Basis zu verankern: im Handeln Gottes in der Person Jesu Christi zu unserem Heil (Wohl). Und so der Gnade Gottes teilhaftig zu werden.

3.2.1 sola gratia (allein die Gnade Gottes):

Nicht unsere Werke schaffen unsere Seligkeit, - wie es aber Franziskus fordert, vgl. 37: "ohne ein Mittun des Menschen geht es nicht". Anders Luther: Nicht unsere Werke retten uns vor Gottes Zorngericht, sondern allein die Gnade Gottes, mit der er uns in Jesus Christus begegnet ist und aus unserer Verlorenheit befreit.

3.2.2 sola fide (allein der Glaube, nicht als Lehre, sondern als Vertrauen auf Gottes Macht)

Dagegen behauptet F.: Glaube und Hoffnung und Liebe. Glaube ist daher für den Papst bzw. für katholisches Verständnis sozusagen nur ein "Drittel" soviel wert wie bei Luther, bei dem er das Ganze ist. Freilich folgen für Luther aus diesem rettenden Glauben wie aus einer Wurzel auch Hoffnung und Liebe (gewissermaßen als Blätter und Blüten der Glaubenspflanze).

3.2.3 Die Liebe ist in diesem Buch fast immer identisch mit der tätigen Barmherzigkeit, die Gott dem Sünder zuteil werden läßt, wie der unter die Räuber Gefallene sie durch den barmherzigen Samariter erfährt, -  und die wir darum auch anderen Menschen gegenüber erweisen müssen.

[Dem entspricht die katholische Auslegung von Fides caritate formata (Galaterbrief 5, 6)]

3.2.4 solus Christus (allein Christus)

Dagegen betont der Papst an dieser Stelle den dreieinigen Gott: Vater, Sohn und Heiliger Geist, die drei verschiedenen Gesichter des einen Gottes., vgl. 71, 39, 37.

3.2.5 Aber woher können wir vom dreieinigen Gott sprechen, wenn nicht durch die Erfahrung des rettenden Glaubens an Jesus Christus? Das Zentrum des dreieinigen Gottes ist Jesus Christus selbst! Vgl. 39f. Ohne ihn und sein Tun, seinen Kreuzestod und seine Auferweckung gäbe es (für uns) die dogmatische Rede von der Dreieinigkeit Gottes nicht. Andererseits betont auch Franziskus die Bedeutung Christi für den Glaubenden: aber in erster Linie als Richtschnur und Maßstab, als Vorbild für das eigene Leben und die Weitergabe der göttlichen Barmherzigkeit, die mit der oben genannten Liebe gleichgesetzt wird (144, 74, 53f.).

3.2.6 sola scriptura (allein die Schrift)

Franziskus hällt dagegen: dazu muß noch die Heilige Überlieferung (68) kommen, also Schrift und Tradition. Die Mitte der Schrift ist für Luther das, was Christum treibet, wie er sagte. Dagegen urteilt F. (70f.): "Die Bibel ist ein Buch über Gott. Zugleich aber ist die Bibel ein Buch über die Menschen..." (71) Bücher über Gott und die Menschen gibt es freilich viele, was ist das Besondere der Bibel?

 

 

IV. Gesetz und Evangelium (bei Luther in dieser Reihenfolge!)

 

4.1 Für Luther ein Gegensatz wie Leben und Tod, weil die Werke des Gesetzes für das Heil wertlos sind und das Licht des Evangeliums verdunkelt wird, wenn man sich auf das Gesetz verläßt. Ja die eigentliche Funktion des Gesetzes ist die Aufdeckung unserer uns von Gott immer wieder trennenden Sünde.

4.1.1 Dagegen ist das Evangelium von Jesus Christus der einzige Rettungsanker, den Gott dem Menschen zur Rettung in seinem Elend angeboten hat (75). Den gilt es zu ergreifen und dabei zu bleiben. Damit haben wir Orientierung für das ganze Leben. Auf die eigenen Werke ist kein Verlaß, obwohl es nach Luther dem Menschen durchaus leicht fallen sollte, die Gebote zu erfüllen, wenn er sich in Gottes vergebender Liebe festgemacht hat.

 

4.2 Dagegen warnt F. vor einer Entwertung des Gesetzes. In Gottes Barmherzigkeit ist beides begründet, offenbar gleichwertig: Gesetz und Evangelium (79). Die Einstellung Luthers zum Gesetz gegenüber dem Evangelium empfindet Franziskus als unangemessene Schwarzweißmalerei (76). Gesetz als Weisung zum Leben ist nicht so abfällig zu betrachten, wie es Luther tue.

4.2.1 Aber ist das wirklich Luthers Einstellung? Spielen die Gebote bei ihm keine Rolle? Das Gegenteil ist richtig. Aber das Gesetz ist bei ihm etwas anderes. Nämlich das Heil selbst erwirken zu müssen durch die eigenen Werke. Das aber macht den Menschen zum Sklaven, läßt ihn nicht vor Gott und den Menschen frei werden.

 

4.3 Das Verhältnis von AT und NT zueinander:

4.3.1 Daß das AT nur wie Verheißung oder Ansage zu Erfüllung und Verwirklichung (NT) stehen soll und keine Eigenbedeutung habe, ist das wirklich Luthers Auffassung? (vgl. 70) Juden haben ihre Bibel, das von Christen sogenannte AT,  immer ohne das NT, allerdings auch als ein Buch verstanden, das nur sie etwas angeht. Daß Christen umgekehrt das AT nur auf Christus hin lesen, ist sicher auch eine Einseitigkeit, aber zumindest genauso verständlich, wie wenn Juden das NT bestenfalls als Anhängsel zum AT ansehen.

 

V. Ökumene

 

5.1 Spaltungen in der Kirche gibt es nicht erst seit Luther, sondern schon vorher war die Kirche in Ost und West gespalten (seit 1054 gibt es das Schisma zwischen Rom und Konstantinopel). Darüber hinaus hat es von Anfang an Spaltungen und Trennungen in der Urkirche gegeben, die nicht in einer Einheitskirche bestand, sondern sich aus vielen sehr unterschiedlich ausgerichteten Gemeinden zusammensetzte.

5.1.1 Siehe den in den Briefen des NT geschilderten Kampf gegen Irrlehrer in den frühen christlichen Gemeinden, der der Kirche massiv zu schaffen gemacht hat, nicht nur weil es noch keine für alle verbindliche und dogmatisierte Lehre gab, sondern weil der überlieferte Glaube aufgrund regional und theologisch sehr unterschiedlicher apostolischer Predigten auf so vielfältige Weise angeeignet werden konnte.

 

5.2 Das Beste kommt zum Schluß: Auch die katholische Kirche strebt eine Einheit an, die keine Uniformität mehr beinhaltet. Vielmehr ist versöhnte Verschiedenheit, bisher nur als evangelisches Konzept bekannt, neuerdings auch als katholische Losung vorstellbar, allerdings eine durch den Heiligen Geist ermöglichte Verschiedenheit, nicht aufgrund konfessioneller Selbstbehauptung, -  also eine Kirche mit "vielen Gesichtern" (178 vgl. 189, 181, 179, 177).

 

5.3 Könnte das nicht ein Ziel sein, dem auch Luther, wenn er die katholische Kirche heute in ihrer gewandelten Form erleben könnte (95), zustimmen würde? Ich denke, Ja das ist sehr wahrscheinlich, denn er wollte in der Tat keine Spaltung 3.

5.3.1 So kommt es am Schluß zu einer Art Umarmung der beiden Kontrahenten, Gesprächspartner, Brüder im Glauben.

 

5.4 Luther hat dazugelernt, und Franziskus wußte schon immer, daß es ohne Luther und die Reformation nicht zu durchgreifenden Reformen der katholischen Kirche gekommen wäre, die allerdings, wie er sehr genau sieht, noch heute weitergehen müssen (94), damit die Einheit endgültig wiederhergestellt werden kann, wobei die institutionelle Form der Einheit noch offenbleibt.

5.4.1 Aber es ist ja schon viel erreicht, wenn beide Kirchen sich nicht mehr gegenseitig bekämpfen, sondern in vielen Fragen gemeinsam Position beziehen können.

 

5.5 Wenn das nicht nur ein inoffizielles Stillhalteabkommen für dieses Jahr ist, was der Vf. als derzeitigen Stand in den ökumenischen Beziehungen beider Kirchen beschreibt, sondern auch einen in Zukunft gültigen Konsens darstellt, ist das schon ein wichtiger Fortschritt.

 

5.6 Freilich, das Kreuz abzunehmen, wenn man eine orientalische Moschee besucht, ist keine gute gemeinsame Aktion im Hinblick auf das Selbstverständnis und Selbstbewußtsein der westlichen Christenheit gegenüber dem Islam, zumal wenn man an die unter vielerlei Verfolgung und Bedrückung leidenden Christen im Vorderen Orient denkt.

 

 

VI. Franziskus oder Luther - wer gefällt euch besser?

 

6.1 Von hier aus liegt der verführerische Schluß nahe (184ff.), daß die evangelischen Kirchen sich heute wohl besser auf Franziskus einlassen sollten, als dem alten Luther mit seiner insbesondere gegenüber den Juden völlig falschen Einstellung 4 nachzuhängen, und haben nicht tatsächlich viele Protestanten sich schon längst von Luther abgekehrt, dessen Theologie sie gar nicht mehr kennen?

 

6.2 Wer gehofft hat, daß dieser Luther, der weithin in Vergessenheit geraten war, während der Dekade zum Reformations-Jubiläum 2017 neu zutage gefördert wird, damit ihn die evangelischen Christen und mit ihnen viele andere Christen und vielleicht sogar Nichtchristen (neu) kennenlernen önnen, dürfte am Ende dieses letzten Jahres der Dekade vermutlich enttäuscht sein.

 

6.3 Gegenüber dem in modernem Gewand auftretenden Papst Franziskus kommt Luther wie ein steinernes Denkmal einer vergangenen Epoche daher, ein historisches Requisit, das in Trümmer geschlagen werden muß, um sich von dem Schatten zu befreien, den es bis in unsere Zeit hinein wirft, und um endgültig etwas Neues entstehen zu lassen. Ja wenn dem so wäre, daß auf diese Weise die Einheit der Christenheit oder genauer die Einheit der Kirchen zustande käme, wäre es das Opfer Luther vielleicht sogar wert -  aber ist dem wirklich so?

 

 

C. Was wird die Zukunft bringen?

 

Die geistige und gesellschaftliche Schwächung der evangelischen Kirche in Deutschland ist unübersehbar. Die Jahr für Jahr gleichbleibend hohen Austrittszahlen sind einfach nicht zu stoppen. Das einst von W. Huber propagierte "Wachsen gegen den Trend" hat sich längst als eine Illusion entlarvt. Ein Großteil des heute weit verbreiteten kirchenfremden Säkularismus in Deutschland hat protestantische Wurzeln. Aber dieser Säkularismus ist nicht das einzige Problem unserer doch immer noch sehr stark vom Christentum geprägten Gesellschaft. Inzwischen gibt es in unserem Land eine jeden Tag wachsende muslimische Bevölkerung, die die christlich geprägten Sitten und Traditionen unserer Kultur mehr und mehr hinterfragt und unter jungen Menschen und Frauen eine erhebliche Anzahl von Konvertiten. Dieser Islam bildet für die Mehrheitsgesellschaft eine große Herausforderung, nicht nur weil er keine innere Anpassungsbereitschaft an die Kultur der Einheimischen zeigt. Sondern weil es umgekehrt in unserem Land ein Christentum gibt, dem der Islam näher steht als die katholische Kirche. Schon Ende der 90er Jahre hörte ich eine stellvertretende Superintendentin im Kreise von Pfarrern einmal sagen, sie habe mit Muslimen und dem Islam weniger Probleme als mit dem Katholizismus.

Leider halten die protestantischen Kirchenvorstände und -leitungen eine Alternative zum derzeitigen Anpassungsprozeß der Kirchen und Gemeinden an den gesellschaftlichen mainstream oder gar eine Kurskorrektur nicht für notwendig (oder für unmöglich).

Die zeitgenössische Verkündigung der Landeskirchen zielt weniger auf Mission im Namen des Evangeliums von Jesus Christus, als vielmehr auf die Verwirklichung der Menschenrechte. Religiöse Unterschiede empfindet die evangelische Kirche von heute nicht mehr als heilsentscheidend. Wichtiger als das erscheint ein gutes Einvernehmen zwischen den Menschen in unserem Land, eine positive Willkommenskultur gegenüber Fremden und insbesondere Flüchtlingen. Man kann diese Einstellung zwar nachvollziehen. Aber Angst vor Islamisten ist kein guter Ratgeber. Ein Kampf der Kulturen ist sicher nicht wünschenswert. Doch deswegen besteht noch lange kein Grund, die Frage der religiösen Zugehörigkeit und Einstellung in unserem Land so wie bisher auch in Zukunft zu unterschätzen.

Findet sie keine neue Strategie, wird sich die evangelische Christenheit nicht wundern dürfen, wenn sie eines Tages hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen Bedeutung auch vom Islam überholt oder ganz abgelöst wird. Die Säkularen sind schon im Vormarsch und sie erfahren besonders im protestantischen Christentum erhebliche Unterstützung, -- ja nicht nur sie.

 

Wolfgang Massalsky, 9. 2. 2017 für den Arbeitskreis

 

Luther hat sich übrigens gegen diesen Vorwurf im darauffolgenden Brief (99) sogar direkt gewehrt. Klardeutsch müsse nicht immer lieblos sein, wenn die Kirche das ganze Gegenteil von dem treibt, was sie in den Augen Gottes liebenswert machen soll, und auch Franziskus habe ja in seiner Kurienschelte 2015 Ähnliches getan. Luther: "Du sprichst ebenso offen und tust es wohl ebenso aus Liebe zur Kirche."

2 Schon im Titel wie dann auch im Text selbst liest man irrtümlich "Aufrufezeichen", obwohl Krötke damit die "positive Aussage [des vierfachen "allein"] betont" sehen möchte.

3 Allerdings hat nicht er sich von der römischen Kirche getrennt, sondern diese von ihm, indem sie ihn exkommunizierte. Und sein "allein der Glaube" wird auch heute nicht von Rom uneingeschränkt bejaht, wie der Vf. deutlich gemacht hat! Freilich gibt es auch im Protestantismus eine Tendenz, diese Forderung Luthers abzuschwächen und Protestantismus auf Weltoffenheit, Toleranz und Friedensbereitschaft, also auf ein bestimmtes Handeln einzuschwören, wobei die Fragen des Glaubens eher als störend empfunden werden.

4 Dabei muß man wissen, daß Luther zur Judenfrage nicht nur Negatives oder gar Antisemitisches im heutigen Sinne gesagt, sondern ein sehr viel differenzierteres Gesamturteil zu dieser Frage abgegeben hat. Entscheidend ist, daß Luther die Auffassung vertrat, daß nur ein dezidiertes Nein zur Verleugnung Christi durch "die" Juden Christen davor bewahren könne, mitschuldig an dieser Verleugnung zu werden. Und wenn die Christen nicht anders vor dieser Schuld zu bewahren seien, dann müssen jene eben aus dem Land getrieben werden. Nebenbei ist zu bemerken, daß der berühmte Erasmus von Rotterdam über Juden nicht weniger "antisemitisch" urteilte, auch wenn er vor Gewalt gegen sie zurückschreckte, während Luthers Rhetorik in späteren Jahren Gewalt gegen sie bedauerlicherweise nicht ausschloß.

 

 

12. Arbeitsblatt

 

Die Lieder Luthers (1)

 

I. Die Lieder (Auswahl)

 

1. Gelobet seist du, Jesu Christ, daß du Mensch geboren bist... EG 23,

 

siehe die dortige Daten und Informationen

 

2. Vom Himmel hoch..., EG 24

 

3. Nun freut euch lieben Christengemein..., EG 341

 

4. Nun, komm der Heiden Heiland ..., EG 4

 

5. Ein feste Burg ist unser Gott..., EG 362

 

 

II. Als erstes Lied behandeln wir Nr. 4: "Nun komm, der Heiden Heiland,..."

 

(Die Analyse wird zuerst mündlich erarbeitet.)

 

 

III. Fragen zu diesem Lied und ganz allgemein:

 

1. Zuerst die Daten dazu im Gesangbuch auswerten

 

2. Welchen Eindruck vermittelt dieses Lied?

 

Der Charakter der Musik

 

3. An wen könnte es ursprünglich gerichtet gewesen sein? (Adressat)

 

4. Was fällt (mir sonst noch) auf?

 

Besondere Merkmale, Wörter ...

 

Struktur, Aufbau ...

 

5. was steht im Zentrum des Liedes?

 

Aussagen (Sätze und Gegensätze)

 

6. Ist ein bestimmter biblischer Bezug erkennbar?

 

7. Gibt es einen theologischen Mittelpunkt, der alles zusammenhält?

 

 

 

W. M. 24. 11. 2016

 

11. Arbeitsblatt

 

Luthers Bibelübersetzung

 

I. Luthers Bibelübersetzung und die Verdeutschungen der Bibel vor und zur Zeit Luthers (an ausgewählten Beispielen, siehe Kopien)

 

Das erste Exemplar von Luthers Bibelübersetzung, genauer gesagt des NT (erarbeitet von Dezember 1521 bis März 1522, als er von der Wartburg zurückkehrte) erschien schon September 1522 (das sog. „September-Testament“). Die Fertigstellung der Übersetzung des AT dauerte von 1522 bis 1534. Erst 1534 gab es die erste Vollbibel in Hochdeutscher Sprache. Luther hat zeitlebens an dieser Bibelübersetzung weiter gearbeitet. Insgesamt brachte er mit seinem Team, zu dem vor allem der Gräzist Melanchthon und der Hebraist Aurogallus, darüber hinaus aber auch Spalatin, Cruciger, Justus Jonas u.a. gehörten, in der Folgezeit mehrere Ausgaben heraus (1535, 1536, 1538/39), die Ausgabe von 1534 im wesentlichen unverändert lassend. Erst ab 1539 bis 1541 unternahm Luther mit seinem Mitarbeiterstab eine gründlichere Revision dieser Ausgabe, die noch im September 1541 auf den Markt kam. Auch diese wurde noch einmal überprüft und, mit Korrekturen versehen, 1543 nochmals veröffentlicht. Von dieser gab es dann 1545 noch eine letzte Ausgabe mit nochmaligen Verbesserungen, die letzte, an die Luther noch selber Hand anlegen konnte.

 

Die ersten Bücher dieser Bibel konnten sich bestimmt nur sehr Reiche (Fürsten, Stadtoberhäupter, Kirchenführer u.ä.) leisten, so teuer waren sie in der Herstellung, die eigene, über viele Monate gehende Übersetzungsarbeit Luthers und später seiner Mitarbeiter nicht mitgerechnet.

 

So wichtig auch seine Mitarbeiter für dieses Riesenwerk der „Bibelverdeutschung“ waren, die letzte Entscheidung bei unterschiedlichen Übersetzungsvorschlägen hat bis auf wenige Ausnahmen Luther immer selbst getroffen.

 

 

II. Grundsätze der Lutherschen Bibelübersetzung:

 

1. Die Botschaft von Jesus Christus und der Rechtfertigung des Gottlosen (Sünders) im Glauben an ihn schon in der Bibelübersetzung zur Geltung und zu Gehör zu bringen.

 

Entscheidend ist für Luther die richtige Erfassung des Sinnes des jeweiligen Satzes, nicht unbedingt der Buchstabe, d.h. die Wiedergabe des genauen Wortlauts. [In den „Summarien über die Psalmen und Ursachen des Dolmetschens“, Luther Deutsch ed. Aland, Bd. 5 (Schriftauslegung), S. 176-195, heißt es, (hier S. 178) „daß nicht der Sinn den Worten, sondern die Worte dem Sinn dienen und folgen sollen“.]

Den Sinn der Sprache wiederzugeben, das bedeutet mehr als das bloße Einsetzen der passenden Vokabel, nämlich zu überlegen, mit welchen Satzformen und Satzstellungen dem mehr oder weniger fremden Gedanken gerecht zu werden ist.

Außerdem wollte sich Luther auch möglichst verständlich ausdrücken. Darum benutzte er überwiegend die Umgangssprache seiner Zeit, ohne trivial zu werden. Im Gegenteil: Seine Sprache hat durchaus Format. Sie hat immerhin unser Hochdeutsch geprägt, obwohl sie ihrer Dialekt-Herkunft nach als sächsische Kanzleisprache bezeichnet werden kann, die jedoch bei Luther ihre Steifheit verloren hat.

Insbesondere hat Luther auch auf die klangliche Qualität der Übersetzung für den Vortrag geachtet.

 

Als Diskussionsanregung möge folgender Satz Luthers dienen: „Man muß die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gasse, den Mann auf dem Markt darum fragen und denselbigen auf das Maul sehen, wie sie reden und danach übersetzen, so verstehen sie es dann und merken, daß man deutsch mit ihnen redet.“ (LD Bd. 5, S. 73)

 

2. Eine wortwörtliche Übersetzung ist daher nach diesen Grundsätzen nicht zu erwarten. Und doch wie nahe am Urtext und zugleich an der eigenen Gegenwart mit ihren Problemen und Konflikten ist Luthers Übersetzung! So gibt er die biblischen Erzählungen sehr anschaulich wieder, so daß die Hörer oder Leser seiner Bibelübersetzung wohl annehmen mußten, als sei von ihnen die Rede. Und auch die Ansprachen und Abhandlungen der Briefe – wenn von Sünde und Schuld die Rede ist – dürften Hörern wie Lesern unter die Haut gehen.

So ist ein durch die eigenen Kämpfe und Leidenserfahrungen mit und an dem Gott, der in Jesus Christus dem Menschen sein Heil anbietet, hindurchgegangenes, geschärftes und gestärktes – deutsches – Wort Gottes entstanden. (Ein Religionswissenschaftler sprach in diesem Zusammenhang davon, daß die Übersetzung der Bibel durch Luther und seine Verdeutschung der Messe Mittel gewesen seien, „das Evangelium zu indigenisieren“.)

 

Damit ist die Bibelübersetzung Luthers das eigentliche Denkmal, das Luther für sich und seine Reformation geschaffen hat, – jenseits der Kirchen, die aus der Reformation hervorgegangen sind und schon bald die Anliegen der Reformation zum bloßen Lippenbekenntnis verkümmern, ja zur Herrschaft der Rechtgläubigen (Orthodoxie) erstarren ließen.

 

3. Luther übersetzt nicht aus der kirchlich eingeübten, formelhaft gewordenen und abgeschliffenen Vulgata, der von der römisch-katholischen Kirche zur Norm erhobenen lateinischen Bibel des Hieronymus, obwohl Luther auch sie während seiner Übersetzungsarbeit zum Vergleich immer heranzieht.

Er übersetzt vielmehr aus den Originalquellen, dem hebräischen Alten Testament und dem griechischen Neuen Testament. Für letztere benutzte er die erst kurz vorher erschienene textkritische Edition des Humanisten Erasmus von Rotterdam (von 1516/19). Diese Texte waren noch relativ unverbraucht, und aus ihnen wehte oft ein ganz anderer Geist als aus den Formulierungen der Vulgata, die zur Kirchensprache wurden.

Mit seinen Übersetzungs-Zielen, wie sie aus den genannten Grundsätzen hervorgehen, beschreitet Luther Neuland. Denn seine Übersetzung war nun nicht nur ein Ausbruchsversuch aus dem „Gehäus“ des Hieronymus, sondern gleichzeitig die Grundlegung einer deutschen Hochsprache, ja einer deutschen literarischen Nationalkultur.

Das aber hing mit dem Erfolg dieser Übersetzung zusammen, die nach und nach zum „Hausbuch“ der deutschen Protestanten wurde, und war sicher nicht so von Luther geplant.

 

4. Gleichwohl hat aber auch Luthers Übersetzung ihre Grenzen. Denn was ihre Stärke war, nämlich ihre damalige Gegenwartsnähe, das mußte in späterer Zeit zu einem Verständigungs-Hindernis werden. Denn durch den starken Gegenwartsbezug, fixiert auf die Verhältnisse der spätmittelalterlich-feudalistischen Alltagskultur und die aktuellen Kämpfe mit der Papstkirche (auch wenn man dies nur zwischen den Zeilen spüren kann), ist sie nun ihrerseits ein Werk einer für uns längst vergangenen Epoche (des 16. Jahrhunderts) geworden. So wie die Bilder Cranachs uns die Antike mit den Mitteln des Spätmittelalters bzw. der Renaissance darstellen, so geschah es hier mit der Bibel, wenn auch wesentlich subtiler.

 

Unsere Zeit ist dagegen von Säkularisierung, religiöser Orientierungslosigkeit, der Herausforderung durch den Islam und öffentlicher Moralisierung des Alltags geprägt.

Wenn sie sich überhaupt noch den heiligen Büchern des christlichen Abendlands zuwendet, dann mehr aus Interesse an Informationen über Inhalte, z. B. die Eigenarten früherer Kulturen als aus seelsorgerlich-theologischen Gründen, so daß bei zukünftigen Übersetzungen der Bibel hier die Akzente neu gesetzt werden sollten, damit dem nachdenklichen Menschen die Möglichkeit eigener Stellungnahme zu den Texten der jüdisch-christlichen Überlieferung eröffnet wird, ohne sich erst durch die ganze Kommentarliteratur durcharbeiten zu müssen. (Andererseits wissen wir, wie gut es ist, wenn die Bibel ihr Deutsch während eines Menschenalters nicht ständig ändert!)

 

Daß die Bibel das erste Handbuch des christlichen Glaubens und alles andere sekundär ist, das muß jedem Bibelübersetzer bewußt sein. Das war es, was Luther auch den neu entstandenen (reformatorischen) Gemeinden immer aufs neue einschärfte. Was für den Gottesdienst und das Gebet notwendig ist, aber auch für die theologische Besinnung, geht auf die Bibel zurück und ersetzt sie nicht. Sie soll der Mittelpunkt unseres geistlichen Lebens sein.

Bloße Wiederholung des verbindlichen, von der Kirche bereits abgesegneten Lehrkanons in bildhafter Sprache war nicht sein Ziel. Das Gegenteil ist eher richtig. Andere an der Entdeckung teilhaben zu lassen, daß die Bibel immer viel mehr ist als ein Steinbruch für dogmatische Doktrinen: Ein Lebensbuch für das Leben in der Verbindung mit dem lebendigen Gott, wie er uns in Jesus Christus nahe gekommen ist.

Darum strengte er sich an, daß sich eines Tages jede Familie die Bibel für ihren Hausgebrauch leisten könnte.

 

5. Das Problem der Lutherbibel heute ist; daß man sich in Luthers Deutsch schon irgendwie eingelesen (oder durch Gottesdienste eingehört) haben muß, um es auf Anhieb zu verstehen. Wer aber die Bibel nicht nur den traditionsbewußten Verehrern der Sprache Luthers überlassen will, sondern sie auch dem zeitgeistverhafteten Menschen von heute nahezubringen versucht, muß sich dagegen um neue Ansätze der Bibelübersetzung bemühen, auch wo Luthers Diktion für vorbildlich gehalten wird. So sind verschiedene Revisionen der Lutherbibel entstanden (1892, 1913), wobei es zunächst meist nur um Umstellung von Worten oder geringfügige Veränderung und Modernisierung der Satzbildung geht. Aber es wurden auch ganz neue Maßstäbe für Verständlichkeit und Klarheit aufgestellt, und allmählich wurde das Lutherdeutsch durch ein Deutsch von heute ersetzt, was aber auch nicht vor Fehlgriffen schützte. Dazu zählen die Bibelausgaben (NT) 75, die Übersetzungen der Guten Nachricht (1968, zuletzt 1997) und von Jörg Zink (1965).

Eine Übersetzung, die moderne Wissenschaftlichkeit mit gehobenem Sprachstil verbindet, dabei fast schon wieder über das durchschnittliche Maß hinausgehende Ansprüche an das Mitdenken des Lesers stellt, ist die Übersetzung des Neuen Testaments von Ulrich Wilckens (1970).

Daneben haben sich die kath.-evang. Gemeinschaftsübersetzung, die sog. „Einheitsübersetzung“, und die Bibel „Luther 84“ bewährt, die aber demnächst in neuen Ausgaben erscheinen sollen bzw. bereits erschienen sind.

Ihr Anliegen dürfte es sein, die eingefahrenen Lesegewohnheiten der beiden großen christlichen Konfessionen mit den Möglichkeiten ökumenischer Öffnung und einer Einbeziehung exegetischer Neuorientierung („Versammlung“ statt „Synagoge“ des Satans) zu verbinden. Wieweit sich das mit Luthers antirömischer und antijudaistischer Einstellung vereinbaren läßt, bleibt abzuwarten.

Die Zürcher Bibel, die besonders im alttestamentlichen Teil Großes geleistet hat, soll hier nur als eine weitere klassisch zu nennende Bibelübersetzung erwähnt werden. Und die „Bibel in gerechter Sprache“ ist ein Kapitel für sich. Sie ist weniger eine Modernisierung als eine Umwertung der Bibel und ihres Anspruchs. Auch wenn man das Anliegen der Geschlechtergerechtigkeit verstehen und billigen kann, gibt es dafür unüberschreitbare Grenzen durch den hebräischen und griechischen Textbestand. Oder darf man die Lebensvorstellungen bestimmter Minderheiten in unserer Gesellschaft als verbindliche Norm für alle in die Bibel zurückprojizieren?

 

6. Luthers Übersetzung hat zwar wegen ihrer Grundsätze die römisch-katholische Kirche bis aufs äußerste erregt und verunsichert, sie war aber in dieser Zeit so stilbildend und dominierend geworden, daß selbst ein so scharfer Gegner dieser Bibel wie (der Katholik) Hieronymus Emser gezwungen war, in seiner von seinem Landesherrn in Auftrag gegebenen Übersetzung der Bibel (von den ersten Kapiteln der Bibel abgesehen), sich nach Luthers Bibelverdeutschung zu richten, wobei er sie größtenteils Wort für Wort „abkupferte“. Sogar die nicht eben Rom-freundlichen Holzschnitte Cranachs blieben in der unter Emsers Namen veröffentlichten Bibel für die Katholiken erhalten.

War das nun geistiger Diebstahl, um nicht vor seinem Landesfürsten mit leeren Händen dazustehen (Luther nannte ihn deshalb den „Sudler aus Dresden“), oder der Versuch, Luthers Bibel unter falschem Namen auch bei den Katholiken einzuführen?

 

III. Besonderheiten seiner Ãœbersetzungen

 

1. Luthers sprachschöpferische Qualitäten (die viele berühmte Deutsche an diesem Werk rühmten) gehen aus vielen seiner Übersetzungen hervor, wie vor allem bei den Psalmen, die man mehr als Nachdichtungen denn als Übersetzungen bezeichnen mag. Als Beispiele schauen wir uns Ps 23 und Ps 104 an. Außerdem werfen wir einen Blick auf das berühmte Hohelied der Liebe aus 1. Kor 13 und, wenn die Zeit reicht, auch auf das Weihnachtsevangelium.

 

2. Die Freiheiten, die er sich genommen hat, mögen problematisch gewesen sein, sie dienten aber dem Zweck, den er überall bei seinen Übersetzungen verfolgte: dem Verständnis des Evangeliums zu dienen, die Klarheit des Wortes Gottes herauszuarbeiten und nicht zu vernebeln. Dazu verhilft uns ein Blick auf Röm 3, 28. Luther nannte es ein übertriebenes „Geplärre“, das man um diese seine Einfügung („allein“) machte, die doch allein der Verdeutlichung seines Verständnisses dieser Textstelle dienen sollte. Handelt es sich dagegen bei Röm 7 um eine Interpretationsfrage oder um ein Mißverständnis? (Spricht hier der Christ oder der Heide? → Simul justus et peccator), ferner Gal 1, 16; Joh 20, 29 (Thomas); Mk 14, 6; Röm 3, 26. Ps 51, 21. usw.

 

3. Beschränkungen für seine Übersetzungen ergaben sich natürlich auch durch die noch nicht ausgereifte Textbasis der hebräischen oder griechischen Texte, die ihm vorgelegen haben. Das kann hier nicht gezeigt werden.

 

4. Sprachgeschichtliche Veränderungen der Wortbedeutung, vgl. „Zucht“ in 2. Tim 1,7; „umkehren“ statt Buße tun? Lk 15, 7-10; wie können wir heute Apg1, 1-11 und Röm 8,1-11 übersetzen? Statt „Fleisch“ Begehren, Selbstsucht o.ä.? (Röm 8)

 

5. In unserer Zeit wird Luther oft als Antisemit oder als Vorläufer des Antisemitismus der NS-Zeit hingestellt. Gibt es dafür Hinweise in seinen Übersetzungen und wie geht man heute damit um? Daß er das AT auf Jesus Christus hin ausgelegt und gepredigt hat, genügt das schon als Begründung? Ist es besser von „verfeindet“ als von „Feinden“ zu sprechen (Röm 11, 28)?

 

 

Wolfgang Massalsky, Pfr. i. R. 27. 10. 2016

9. Arbeitsblatt

 

Luthers Verständnis von Schöpfung

 

 

1. Die heutige evangelische Theologie sieht das Verhältnis von Glaube und Natur(wissenschaft) überwiegend unter ethischem Aspekt, d.h. wie muß sich der Mensch der Natur und ihren Gaben (Ressourcen) gegenüber verhalten, damit die Schöpfung nicht weiter (durch massive Umwelteingriffe und -belastungen) zerstört wird.

In diesem Sinne hat vor allem der vor kurzem 90 Jahre alt gewordene Theologe Jürgen Moltmann eine Theologie der Schöpfung in ökologischer Perspektive entwickelt.

 

2. Die Bibel kennt keine Naturwissenschaft im strengen Sinne, sondern nur (weisheitliche) Naturbeobachtungen und -kenntnisse, wie sie

  • für die Berechnung und Bestimmung von (Fest-) Zeiten und regelmäßig wiederkehrenden Ereignissen,

  • zur Abwehr von Krankheiten oder anderen Gefahren für Leib und Leben sowie

  • für die Gewinnung und Verarbeitung von Naturprodukten (Saat/Ernte),

  • für die Erzeugung von Gebrauchsgegenständen,

  • für Stadt- und Hausbau,

  • Militärtechnik für Verteidigung und Angriff

  • sowie religiöse oder staatliche Anlagen (Tempel und Paläste)

 

notwendig, jedenfalls wünschenswert waren.

 

3. Die Bibel erzählt in zwei unterschiedlichen Schöpfungsberichten (1. Mos 1 und 2), wie Gott die Natur geschaffen hat (und zu welchem Zweck, nämlich als Lebensraum für alle Geschöpfe dieser Welt) und daß der Mensch gerade als das höchste aller Geschöpfe (Ps. 8) ihr als „Heger und Pfleger“ zur Seite stehen müsse, jedenfalls nicht als ihr brutaler Ausbeuter auftreten dürfe. Im Gegenteil, die Furcht vor der Unberechenbarkeit der Naturgewalten hielt den Menschen soweit auf Distanz zur Natur, daß im Horizont biblischer Naturbeziehung an eine schrankenlose Ausbeutung der Natur nicht zu denken ist.

 

4. Luthers Schöpfungstheologie

 

Luther hat dafür in seinen Katechismen und Glaubenserklärungen sowie in seinen Psalmenauslegungen (von 1524 und 1533, WA 15, 360-378; WA 40 III 202-269) einige Grundlinien geschaffen.

 

Das Wichtigste für ihn ist, daß der Mensch die guten Gaben der Schöpfung nicht mißbraucht (durch Geiz und falsche Arbeit, im Unglauben verrichtet).

 

4.1 Auch Luther betrachtet die Natur nicht abstrakt für sich, sondern als Teil des gesellschaftlichen Lebenszusammenhangs der Menschen. Der Mensch ist eingebunden in Lebensverhältnisse, die nicht von ihm allein gestaltet werden. Das schließt auch sein Verhältnis zur Natur ein. Und das betrifft nicht nur die Natur, die ihn umgibt und von der er lebt, sondern auch die Natur, aus der er selbst besteht. In beiden Beziehungen ist der Mensch durch den Verlust der Gemeinschaft mit Gott (Symbol dafür ist die gemeinschaftliche Sünde Adams und Evas 1. Mos 3) unfähig, seiner Bestimmung gemäß zu leben und zu handeln (vgl. 3.).

 

4.2. Der erste Artikel des Glaubensbekenntnisses erinnert an die Grundlage des christlichen Glaubens, nämlich daß Gott der Schöpfer des ganzen Universums („Himmel und Erde“) ist. Er beschränkt seine schöpferische Tätigkeit nicht auf den Anfang, als einmaliger Schöpfungsakt verstanden. Vielmehr umfaßt Gottes Handeln alle Zeiten, Vergangenheit genauso wie Gegenwart und Zukunft. Echter Schöpfungsglaube hängt für Luther an der Gewißheit, daß Gott die ganze Welt mit ihrem Anfang und Ende in seiner Hand hält.

 

4.3 Aber Luther geht es weniger um das große Ganze, sondern viel wichtiger ist ihm, daß Gott auch den Alltag des Zusammenlebens der Menschen bestimmt. Glaube muß sich im Alltag bewähren, muß lebenspraktisch sein. Dabei bilden für ihn Gottes Schöpfung, Gottes Gebot und Gottes Ordnung (für Beruf und Stand) einen Verweisungszusammenhang, indem jede Größe auf die beiden anderen verweist. Luthers Schöpfungstheologie verbindet damit die Vorgaben Gottes in seiner Schöpfung mit den mehr oder weniger veränderlichen Ordnungen des gesellschaftlichen Zusammenlebens und den individuellen Aufgaben, die jeder Mensch durch Beruf und Stand empfängt.

 

4.4 In einer Kurzform des Glaubens (von 1520) erklärt Luther, was es bedeutet, an Gott den Vater und Schöpfer zu glauben:

 

„Ich setz mein Trauen auf keine Kreatur, sie sei im Himmel oder auf Erden. Ich erwäge und setze mein Trauen allein auf den bloßen unsichtbaren unbegreiflichen einigen Gott, der Himmel und Erden erschaffen hat und allein über alle Kreaturen ist. Ich glaub nichtsdestoweniger an Gott, ob ich von allen Menschen verlassen oder verfolgt wäre.“

 

4.5 Zu Ps 127 schreibt Luther 1524: „Alles ist an Gottes Segen und an seiner Gnad' gelegen.“ Gott müsse in allem, was wir tun, dabei sein, sonst ist eben aller Eifer umsonst. Interessant ist, wie Luther Haus und Stadt versteht. „Haus“ meint Ehe und Familie, „Stadt“ das politische Leben. (Ob man diesen Psalm tatsächlich so auslegen kann, ist heute eher fraglich, aber für Luther ergab sich dieser Sinn schon aus der Tatsache, daß dieser Psalm der Überschrift nach ein Psalm König Salomos sein soll. Doch weiß man schon seit langem, daß diese Überschriften sekundär entstanden sind, in der Absicht die Psalmen in bestimmte Klassen einzuteilen. Außerdem: passen die Verse 1und 2 mit den folgenden Versen 3-5 wirklich zusammen?)

 

4.6 Was uns hier beschäftigen soll, ist die Frage, wie christlich oder fromm (evangelikal) ausgerichtet darf Politik sein. Ob das überhaupt richtig ist? Luther ging es mehr um eine zweckmäßige Politik, die allen Menschen nützt und Schaden abwendet. Selbst in den schlimmsten Zeiten der Wiener Türkenbelagerung (1529) dachte er nicht an eine spezielle christliche Politik, noch weniger an die Rettung des Abendlandes! Entscheidend ist aber für ihn, daß der Mensch in diesen wie in vielen anderen Fragen der Lebensordnung ohne den lebendigen (rechtfertigenden) Glauben an Gott zu keiner Klarheit über Sinn und Zweck unseres gemeinsamen Lebens kommen kann.

 

4.7 Ohne diesen Glauben muß der Mensch nach Luther entweder seine Kräfte überschätzen durch Vermessenheit (burn-out-Syndrom) oder vor lauter Angst verzagen (Depression), die beiden durch Stress hervorgerufenen Hauptkrankheiten auch unserer Zeit. Dagegen ermutigt Luther die Menschen, sich nicht als eine Art Gott mißzuverstehen (denn das ist die Sünde schlechthin), sondern vielmehr sich als Werkzeuge oder Instrumente zu verstehen, durch welche Gott die Welt regiert. Alles andere führt lediglich in die Tyrannei, sei es im familiären oder im politischen Bereich. Unser Heil hängt nicht von uns ab, sondern von Gott. Wir können ihm dienen, wenn wir den Unterschied zwischen Gott und Mensch erkennen und anerkennen. Wir sollen das Unsrige tun und Gott überlassen, was nur er tun kann.

 

4.8 Das gilt nach Luther auch für alle unsere Arbeit: „Arbeiten gebührt dir, aber Ernähren und Haushalten gehört Gott alleine zu. Darum mußt du weit voneinander sondern diese zwei: Arbeiten und Ernähren, so weit als Himmel und Erde, Gott und Mensch voneinander sind.“ (Ein Contra zu unseren workoholics, die Arbeit für ein Lebenselixier halten.)

 

4.9. Man kann natürlich fragen, ob eine heutige Staatslehre gut beraten wäre, so direkt alles Handeln in Familie und Staat, alle Fragen der Gerechtigkeit und des guten Lebens nur von der Stellung des Menschen zum (christlichen) Glauben abhängig zu machen. Was aber ein Staat, ohne die Bindung des Gewissens an Gott zu achten, zu „vollbringen“ imstande ist, das haben der NS-Staat genauso wie der Sowjetkommunismus bzw. Stalinismus zur Genüge deutlich gemacht. (Diskussion heute zum Thema: Säkularismus oder Religion? Welche Religion?)

 

5. Gott kann allerdings auch ein richtender Gott, ja ein Gewaltherrscher sein. Wäre da nicht Jesus Christus, durch den wir ganz anders in das Herz Gottes schauen gelernt hätten, könnte der Blick in die heutige Weltgeschichte (Kriege, Verwüstung der Natur, Klimakatastrophe, Flüchtlingsströme, Orient im Aufruhr, Christenverfolgungen) uns erneut das Fürchten lehren. Was für eine Kraft können wir in diesem Zusammenhang aus Kreuz und Auferstehung Jesu schöpfen?

 

W. Massalsky, 14. 7. 2016

 

 

8. Arbeitsblatt

 

 

Enzyklika „Laudato si“ von Papst Franziskus

 

I. Der Zweck dieses Lehr-Schreibens

 

 

 

 

 

Plädoyer für einen schöpfungsbewußten Umgang mit der Natur (Nr. 67-69).

 

 

Der Mensch (Christ) soll Mitarbeiter am Schöpfungswerk Gottes (Nr. 117, S. 129) sein.

 

Kritik übt Papst Franziskus an einem „fehlgeleiteten Anthropozentrismus“, ja „anthropozentrischer Maßlosigkeit“ (S. 95, vgl. auch S. 127ff. 130). Das bedeutet zugleich, daß es in den Augen des Papstes keine „angemessene Anthropologie“ (S. 129) gibt. Wir wissen eben nicht, was der Mensch ist (und leisten kann) und worin seine Würde und Bestimmung besteht. Der Mensch ohne Gott hat die Mitte verloren und verwechselt sich mit Gott.

Darum kann ein neues Selbstverständnis des Menschen, wie es für die Lösung der großen menschheitlichen Zukunftsaufgaben notwendig ist, nur gewonnen werden, wenn wir die Umweltproblematik nicht bloß als eine technische Frage (im Sinne der „Logik der instrumentellen Vernunft“, vgl. S. 196) ansehen, sondern auch die damit verbundenen sozialen und mentalen Probleme anerkennen und anpacken.

So spricht Franziskus (in Nr. 16, S. 58) auch die „enge Beziehung zwischen den Armen und der Anfälligkeit des Planeten“ an. Insbesondere sucht er „nach einem anderen Verständnis von Wirtschaft und Fortschritt“ und deswegen lehnt er auch die im Westen weit verbreitete „Wegwerfkultur“ ab. Was wir brauchen, sei – mit einem Wort – ein „neuer Lebensstil“.

 

Im Untertitel seiner Enzyklika spricht Franziskus von der „Sorge für das gemeinsame Haus“ und er meint die ganze Welt, nicht nur Europa, die Welt, die dem Menschen nach Gottes Schöpfungswillen eine Heimat bieten soll.

 

Die Gliederung dieses Lehrschreibens umfaßt folgende Hauptkapitel, die in einzelne nummerierte Abschnitte unterteilt sind:

1. Was unserem Haus widerfährt.

2. Das Evangelium von der Schöpfung

3. Die menschliche Wurzel der ökologischen Krise

4. Eine ganzheitliche Ökologie

5. Einige Leitlinien für die Orientierung und Handlung

6. Ökologische Erziehung und Spiritualität

 

Wichtig ist, daß es bei dem Lehrschreiben nicht um eine bloße Wiederholung vieler seit den Publikationen des Club of Rome („Die Grenzen des Wachstums“, 1972) publikumswirksam geäußerter Forderungen nach einem Umsteuern unserer Politik in Sachen Wirtschaft und Gesellschaft gehen soll, sondern vor allem um eine Durchdringung dieser von Franziskus angeschnittenen Problemkreise aus dem Geist des (katholischen) Glaubens.

 

 

II. Der Grundgedanke dieses Lehrschreibens:

 

Der Ansatz dieser Schöpfungstheologie ist trinitarisch gegliedert:

 

„Der Vater ist der letzte Ursprung von allem, der liebevolle und verbindende Grund von allem, was existiert. Der Sohn, der ihn (den Vater) widerspiegelt und durch den alles erschaffen wurde, hat sich mit der Erde verbunden, als er im Schoß Marias menschliche Gestalt annahm. Der Geist, das unendliche Band der Liebe, ist zutiefst im Herzen des Universums zugegen, indem er neue Wege anregt und auslöst.“ (S. 209)

Und diese trinitarische Struktur sei nach Franziskus (mit Gedanken Bonaventuras (1221-1274), dem Lieblingstheologen des abgedankten Papstes Benedikt XVI.,) vor dem sog. Sündenfall in jedem Geschöpf erkennbar gewesen (Nr. 239), weil ja die ganze Schöpfung Abbild und Abglanz des ewigen dreieinigen Gottes ist (vgl. die sog. Analogia-entis-Lehre der katholischen Dogmatik).

„Wenn wir ... voller Bewunderung das Universum in seiner Größe und Schönheit betrachten, müssen wir die ganze Dreifaltigkeit loben.“ (S. 210) Damit zitiert Franziskus ein Wort des Papstes Johannes Paul II.

 

Es gilt also, die ursprüngliche (paradiesische?) Verbundenheit mit der Natur wieder herzustellen, in unserem Herzen zuerst, aber eben auch im Umgang mit der Natur, der heute in unseren Gesellschaften (nur im Westen?) unter dem Diktat der Ausbeutung der Natur (vgl. schon Nr. 4, S. 48 und später S. 66, 73, 149) durch den Menschen mit Hilfe seiner Technik steht. Daß es dazu gekommen ist, das ist das Ergebnis jenes tiefsitzenden „Bruches“, genannt „Sünde“, die in der „Anmaßung des Menschen, den Platz Gottes in unserer Welt einnehmen“ zu können („ihr werdet sein wie Gott“), begründet ist. Dadurch sind wir Menschen sowohl von Gott, dem Schöpfer, als auch von der übrigen Menschheit (wie es die vielen Kriege zwischen den Völkern mit ihren zerstörerischen Folgen zeigen), und vor allem von der Natur (der „Erde“) für immer getrennt worden. Zumindest ist die „Harmonie“ in diesen drei grundlegenden Relationen, in die das menschliche Dasein eingebettet ist, verloren gegangen. Dieser Bruch ist nur durch Christus wieder zu heilen, aber er ist heilbar. Dafür bezeichnet Papst Franziskus den Heiligen Franz von Assisi als Vorbild (S.196). (Das macht schon der Titel deutlich: „laudato si, o mi Signore...“ geht ja auf den sog. Sonnengesang des Franz v. Assisi zurück, einem Hymnus auf die verschiedenen Schöpfungswerke, die alle auf ihre Weise Gott loben.)

 

Die Behauptung, daß diese in der ökologischen Krise unübersehbar gewordene Korrekturbedürftigkeit unseres Verhältnisses zur Welt (Natur) erst durch die christliche Interpretation des Schöpfungsberichts mit seiner angeblichen Ermächtigung des Menschen, sich die Erde mit allen Mitteln untertan zu machen, verursacht wurde, weist Franziskus entschieden zurück.

 

Daß die Welt dem Menschen untertan sei, wie es im Schöpfungsbericht der Bibel heißt, kann nichts anderes heißen, als daß er sich als „verantwortlichen Verwalter“ des Universums versteht (S. 128). Der „prometheische Traum der Herrschaft (sc. des Menschen) über die Welt“ ist ausgeträumt (ib).

Im Grunde ist seiner Meinung nach nur eine Art Subsistenzwirtschaft (d.h. Ausstieg aus der kapitalistischen Verschwendungswirtschaft mit ihrer Konsumideologie!) für das eigene Überleben legitim, wobei das Leben von der Natur zugleich bedeute, sie vor Mißbrauch zu schützen und den Fortbestand der Arten und ihrer Fruchtbarkeit zu sichern (S. 93).

 

III. Forderung nach einer neuen Denkweise, „ökologische Umkehr“ genannt (Nr. 217)

 

Hierzu soll uns vor allem eine Spiritualität der globalen Solidarität (S. 194, 198, 200, aber auch schon 120) voranhelfen im Sinne des Verhaltens von Franz von Assisi, wenngleich es nicht nur um individuelle Umkehr, sondern um eine gesamtgesellschaftliche, ja globale Erneuerung des Verhältnisses zur Umwelt und zur ganzen Natur geht (vgl. Nr. 219, S. 196f.).

 

Das von Papst Franziskus geforderte Umdenken gegenüber der Natur umfaßt insgesamt folgende Forderungen:

  • das Ende des herrschenden Technizismus (Alles ist machbar… und was dem Menschen nützt oder von ihm profitabel hergestellt werden kann, wird gemacht!), der verführerische Glanz des technischen Design vieler Produkte darf daran nichts ändern (S. 118)
  • keinen Relativismus (vgl. dazu "Kultur des Relativismus", S. 132), der als Folge des menschlichen Anthropozentrismus zu verstehen ist,

  • keine Vergöttlichung der Natur, die Notwendigkeit der „Entmythologisierung“ (S. 100) der Natur durch das jüdisch-christliche Denken wird anerkannt,

  • aber auch keine Vergleichgültigung der besonderen Stellung und Verantwortung des Menschen (S. 129) als Vertreter und Bewahrer eines schöpfungsgemäßen Lebens,

 

IV. Vorschläge für das Gespräch

 

1. Einwände? (Inhaltlich und formal)

2. Protestantische Schöpfungstheologie: Entwürfe von W. Pannenberg, J. Moltmann, G. Altner

3. Ermutigungen für einen neuen Lebensstil (dazu bes. Kap. 5)

 

Wolfgang Massalsky, Pfarrer i. R., 23. 6. 2016

 

 

Quelle: Papst Franziskus, Die Enzyklika „Laudato si'. Über die Sorge für das gemeinsame Haus“. Vollständige [deutsche] Ausgabe [mit Kommentaren], 2015

 

 

 

 

 

7. Arbeitsblatt

 

Heute werfen wir einen Blick in die berühmte Schrift Luthers von 1520

"Von der Freiheit eines Christenmenschen"

 

Folgende Überlegungen für das Gespräch seien hier vorangestellt:

 

1. Im 19. Jht. hat man Luther gern vom Begriff des persönlichen Erlebens her interpretiert ("wie bekomme ich einen gnädigen Gott?"). Im 20. hielt man das für zu "subjektiv" und setzte dagegen eine bestimmte Vorstellung des "Wortes" Gottes als etwas "Objektives". War man vorher daran interessiert, von Luther Impulse für ein persönlich befreites und befreiendes Leben - im Rahmen der staatlichen Normen - zu empfangen, wurde jetzt die persönliche Lebensform des Christen auf Gehorsam gegen Gottes Wort festgelegt - im Widerstand gegen eine Moderne, die Gott aus ihrem Gedächtnis zu verdrängen begann.

 

2. Und heute? Ist heute das "Wort Gottes" noch so zentral für unser Selbstverständnis als Christen, wie es unter dem Einfluß der Theologie Karl Barths bis zu seinem Tod gewesen ist? Findet die tägliche Bibellesung in unseren Häusern noch statt? Leben wir noch aus dem Wort Gottes? Ist es noch ein verbindlicher Ratgeber für unser persönliches Leben? Ist unser gemeinsames Leben heute nicht viel zu kompliziert, als daß allein von der Bibel her unser Leben geordnet werden könnte?

 

3. Aber als Hintergrund unseres Lebens sollte Gottes Wort auch weiterhin in unserem Leben präsent sein, mindestens um so immer wieder "frisches Wasser" für den eigenen Glauben schöpfen zu können, damit er nicht vertrocknet.

 

4. Luthers Theologie wollte den Christen seiner Zeit zeigen, wo sie dieses frische Wasser erhalten können. Da0 es in der Bibel steht, genügt noch nicht. Es kommt immer auch auf die richtige Über-Setzung an. Wie müssen wir es in unserem Leben einsetzen, daß es die gewünschte Wirkung vollbringt und das eigene Leben wieder erfrischt? Müssen wir überhaupt etwas tun? Luther meinte, es genüge, wenn wir unseren verbrauchten Glauben darin eintauchen und so erkennen, vor welche Aufgaben uns Gott stellen will.

 

5. Ein wichtiger Aspekt ist dabei Luthers Kritik an der überkommenen katholischen Lehre vom "freien Willen". Vgl. Luthers: "Mein guten Werk, die galten nicht, es war mit ihn'n verdorben; der frei Will haßte Gotts Gericht, er war zum Gut'n erstorben; die Angst mich zu verzweifeln trieb, daß nichts denn Sterben bei mir blieb: zur Höllen mußt' ich sinken." (EG 341, 3)

Der menschliche Wille, sich selbst überlassen, ist nicht "frei", sondern "besetzt" (durch die Mächte, denen wir ausgeliefert sind). Diese Sicht auf den freien Willen spiegelt teilweise wohl Luthers eigene Glaubenkämpfe wider. Sie bilden vermutlich den ersten persönlichen Anstoß für Luthers theologisches Ringen, in dessen Verlauf er über die Neufassung der Rechtfertigungslehre (Luthers Verständnis von Röm 1, 16f.) schließlich zur echten Freiheit eines Christenmenschen (aus und im Glauben) vorstößt. 1 Denn für Luther gilt, nur wo unser Wille von Gott "besetzt" ist, ist er wirklich frei. Nur der befreite Wille ist in Wahrheit freier Wille. Wir müssen uns selbst "enteignet" werden und zu "Eigentum" Gottes werden.

Das ist Glaube für Luther. Christliche Freiheit ist für Luther eine Gnadengabe Gottes, die den von der Ichsucht "geknechteten", also unfreien, nur um sich selbst kreisenden Menschen von sich selbst befreit. Denn wenn selbst der Mensch, der das Gesetz mit seinen Werken erfüllen will, nicht von sich selbst loskommt (vgl. Paulus Röm 1-3; 7), dann erst recht nicht der Mensch, der von Gott nichts wissen will und auf sich fixiert ist. (Der "säkulare" Mensch von heute - und dazu gehören heute auch viele Protestanten - wird allerdings gegen diese etwas vereinfachte Sicht Luthers seinen entschiedenen Protest einlegen. Ob zu Recht wird allerdings noch zu erörtern sein.) 

Darum hat diese Freiheit eine doppelte Ausrichtung: Sie erlöst uns von uns selbst und befreit uns zu einer persönlich verantworteten Glaubenshaltung vor Gott (durch sein Wort: Jesus Christus), indem sie uns zugleich an den Mitmenschen (Nächsten) verweist und zu ihm in Beziehung setzt. Die Befreiung von einer kirchlich verordneten Werkfrömmigkeit, Luthers erstes Kampfziel, spielt dagegen heute keine so große Rolle mehr.

 

6. Der zentrale Satz der Freiheitsschrift lautet ganz folgerichtig: "Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan; ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan." (nach der Braunschweiger Ausgabe von  "Luthers Werke" Bd I, 295; in einer modernen Ãœbersetzung: „Der Christ ist völlig freier Herr über alles und niemandem untertan. Der Christ ist ein allen völlig dienstbarer Knecht und jedermann untertan.“ (Beintker)

Er klingt sehr paradox (widersprüchlich), meint aber eben dies, daß wir aus der Kraft des Glaubens heraus unser Leben neu zu organisieren vermögen, wobei wir nicht nur für uns selbst leben dürfen, sondern immer den Mitmenschen (in erster Linie die christlichen Brüder und Schwestern), aber auch andere Menschen in unserem Umkreis im Auge haben und auch für sie im Rahmen unserer Möglichkeiten da sein, Zeit o.ä. für sie haben sollen.

 

7. Zum Menschenbild Luthers: In seiner Freiheitsschrift spricht er vom inneren und vom äußeren Menschen. Was meint er damit? Trennt er Seele und Leib? Geht es ihm im Glauben nur um den „inneren“ Menschen 2 ? Kann die Person ohne das Tun definiert werden?

„Seele“ ist für Luther eigentlich nicht nur eine innere Qualität des Menschen, eine unzerstörbare Substanz, sondern der ganze Mensch in seiner „Personalität“ und insbesondere der Mensch, wie er vor Gott steht, sei es als Sünder, sei es als Erlöster und Befreiter.

Dadurch wird die Situation, in der er sich befindet nicht ausgeblendet, sondern ganz bewußt mit einbezogen. Auch alles das, was ihn daran hindert, als Person vor Gott zu stehen, gehört dazu.

Wurde der Mensch in der mittelalterlichen (scholastischen) Theologie als eine ewige Substanz mit gewissen zeitlich-vergänglichen Akzidenzien 3 aufgefaßt, so sieht Luther ihn von seinen Kämpfen her eher als ein „existenzielles“ Wesen, das als solches um die Wahrheit seines Lebens ringen muß.

Das Wesen des Menschen besteht nicht mehr in irgendeiner göttlichen Veranlagung, nicht in einer übereigneten Gnadengabe, die er zu seinem Seelenheil positiv und nutzbringend wie ein ererbtes Kapital anlegen soll (durch seine Werke), sondern hängt von seiner Entscheidung 4 für oder gegen Christus ab, also vom Glauben an Gottes Erlösungswerk, durch das er uns von uns selbst, „unserem Verkrümmtsein in uns selbst“ (incurvatio in seipsum), befreit hat 5.


 

Wolfgang Massalsky, 26.5. 2016

 

1 So kann man auch sagen, daß seine Schrift „zur Freiheit eines Christenmenschen“ konkret macht, was Luther unter Rechtfertigung des Gottlosen (Sünders) versteht.

2 Vgl. die Auseinandersetzung von Mokrosch mit der Kritik von H. Marcuse an Luther, dem dieser ein dualistisches Menschenbild vorwirft, das am Anfang einer bürgerlichen Entwicklung stehe, an deren Ende "Verdinglichung" und "Entfremdung" den Menschen im Kapitalismus (in den Worten Luthers:) knechten werden, ja der Mensch werde so auch von seiner Verantwortung für sein Tun freigesprochen, weil es ihn in seinem Wesenskern nicht wirklich berühre, was er in dieser Welt tun müsse (61). Dagegen Mokrosch: "Die Freiheit des Glaubens und die Freiheit der Werke dürfen nicht als zwei verschiedene Freiheiten getrennt werden." Vielmehr handle es sich um "zwei verschiedene Aspekte ein und derselben geschichtlichen Freiheit". Es gehe Luther einmal um ein Menschsein "im geschichtlichen Prozeß des Glaubens ohne den Leistungszwang der Selbstverwirklichung", zum andern um den freien Dienst an der Gesellschaft "ohne den Zwang eigener oder fremder Interessenüberfremdung" (139). "Eine praxisentleerte Person oder eine personentleerte Praxis verbietet sich dem Denken Luthers." (ebd. gegen Marcuse 62)

3 Die Vorstellung des Menschen als gattungsspezifische Substanz (Seele) mit bestimmten individuellen Eigenschaften (Akzidenzien) geht auf Aristoteles zurück.

4 "Entscheidung" nicht im Sinne von Wahlfreiheit, sondern als Festhalten an dem in Christus geschenkten Heil.

5 So schreibt Martin Luther zu Röm 5,4: „Unsere Natur ist durch die Schuld der ersten Sünde so tief auf sich selbst hin verkrümmt (lat.: tam profunda est in seipsam incurvata), daß sie nicht nur die besten Gaben Gottes an sich reißt und genießt, ja auch Gott selbst dazu gebraucht, jene Gaben zu erlangen, sondern das auch nicht einmal merkt, daß sie gottwidrig, verkrümmt und verkehrt alles […] nur um ihrer selbst willen sucht.“
 
Literaturhinweise:
Walter von Loewenich, Luthers Kampf um die christliche Freiheit, in: Zeitwende 16/5 (1940) 129-136
H. Marcuse, Ideen zu einer kritischen Theorie der Gesellschaft, 1976 (1969), siehe darin die "Studie über Autorität und Familie" von 1936
R. Mokrosch, Kritik an Marcuses Lutherkritik, in: Luther (Zeitschrift der Luthergesellschaft) 45/Heft 3 (1974) 130-141.
 
5. Arbeitsblatt

Der Bruch mit Rom

 

1. Eigentlich wollte Luther keinen Bruch mit Rom (die Ablaßthesen von 1517 wollten einen Mißstand aufzeigen, den der Papst zu Rom endlich abstellen sollte, mehr nicht!). Was er zunächst erreichen wollte, war lediglich die Anerkennung der Gültigkeit der Heiligen Schrift in den Punkten, die durch die Ablaßpraxis verdunkelt worden waren. Die Wiederherstellung des Primats der Heiligen Schrift über die Auslegung durch kirchliche Stellen, und sei es der Papst, war Luthers erklärtes Ziel.

 

2. Aber die Tatsache, daß auf römischer Seite keine Gesprächsbereitschaft erkennbar war, sondern lediglich die Neigung, Luther zum Schweigen zu bringen, ließ nichts Gutes ahnen.

 

3. Besonders von dem Zeitpunkt an, als Luther ernsthaft bestritt, daß allein der Papst kraft seines Amtes feststellen könne, was dogmatisch richtig oder falsch sei, – war da eine Verständigung überhaupt noch möglich?

 

3. Ab da lief Luther auch Gefahr, als Häretiker wie Jan Hus verurteilt und verbrannt zu werden (1415), zumal ihm Luther sogar in verschiedenen Punkten recht gab.

 

4. Besonders während der Disputation mit Eck zu Lepzig 1519 (die zunächst nur zwischen Karlstadt und Eck angesetzt war) wurde sichtbar, daß Luther nicht bereit war, sich einem Papst zu unterwerfen, der die Bibel (und das Evangelium) falsch auslegte, weil mit falscher Machtbefugnis ausgestattet. Darüber hinaus rückte Luther dort auch von seiner früheren pro-konziliaren Position ab, denn er gab zu, daß auch Konzile irrtümlich falsche Entscheidungen treffen können, wie im Fall Jan Hus. Den Teilnehmern an dieser Disputation wurde damit schlagartig bewußt, daß Luther in dieser Kirche kaum noch zu halten war.

 

5. Endgültig vollzog sich der Bruch durch die Bannandrohungsbulle Exsurge Domine 1, – sowie durch die Verbrennung derselben durch Luther, wobei er seinerseits den Papst als Falschlehrer „bannte“… Dieser Aktion folgte umgehend die Ausschlußbulle Decet Romanum Pontificem 2 von Anfang 1521, die Luther definitiv mit dem Bann belegte.

 

6. Politischen Schlußstrich unter die Affäre Luther zog dann der Wormser Reichstag 1521, an dessen Ende Luther als „vogelfrei“ galt (und damit jederzeit verhaftet, ja getötet werden konnte).

 

7. Eigentlich mußte nun auch die Reformation als gescheitert betrachtet werden, denn eine gesamtkirchliche Reformation war nunmehr ausgeschlossen.

 

8. Danach war die Sache klar: Es mußten in Zukunft „evangelisch“-kirchliche Parallelstrukturen aufgebaut werden.

 

9. Die Hinwendung der „Protestanten“ zu den Landesfürsten als einziger verbliebener Ordnungsmacht in den kirchlichen Angelegenheiten des Reiches zeichnete sich am Horizont ab. Bis 1918 werden sie dann als quasi-Landesbischöfe an der Spitze der Landeskirchen stehen, wie heute noch die englische Königin in der anglikanischen Kirche.

 

Wolfgang Massalsky, 28. 4. 2016


Anmerkungen:

1 Von 1520, auf Deutsch: „Erhebe dich, Herr“, auf Luther gemünzte Sätze aus Ps 74,22, sowie Ps 7 und 80

2Deutsch: „Es geziemt sich dem Römischen Pontifex“, die Luther mit sofortiger Wirkung bannte (exkommunizierte)

 

 

 

 

4. Arbeitsblatt

 

Luther und das Papsttum

 

 

I. Die Grundlagen des Papsttums und seine Probleme

 

1. Die geschichtliche Begründung (Legitimation) des Papstamtes mit weitreichenden Leitungs-Kompetenzen (theologischer und juristischer Art):

 

a) Jesus setzte Petrus als seinen Nachfolger („Stellvertreter“) in der Leitung der Gruppe der 12 Jünger ein; seitdem spricht man gern von Petrus (gemeinsam mit Paulus) als „Apostelfürst“, und der Papst sitze auf dem „Stuhl Petri“;

 

b) im Mittelalter wurde (unter Gregor VII. 1073-1085. Dictatus Papae) der Primat des Papstes postuliert (darunter versteht man seinen Vorrang vor allen übrigen Bischöfen der römisch-katholischen Kirche); in seiner Hand sind Lehr- und Rechtsgewalt der gesamten Kirche vereint. Sein Machtanspruch zielt aber auch auf die nicht mit Rom unierten (orthodoxen) Kirchen, auch wenn er dort seit 1054 durch die Trennung der orientalischen Patriarchate von Rom (Morgenländisches Schisma) zurückgewiesen wurde.

 

c) seit dem 19. Jht. besitzt der Papst (als Inhaber des obersten Lehramtes) in Lehrangelegenheiten bei Verkündung von Dogmen „Unfehlbarkeit“.

 

Die Weisungsbefugnis des Papstes bei Berufungen in ein theologisches oder anderes Amt der Kirche ist praktisch grenzenlos, wenn sie auch heute weitgehend an andere Gremien wie insbesondere die Ortsbischöfe delegiert ist.

 

In für die ganze Kirche wichtigen Fragen greift allerdings in der Regel der Papst selber mit seiner Regelungskompetenz in Ortsstreitigkeiten oder andere Entscheidungen ein.

 

d) So wurden Abberufungen oder andere Entscheidungen durchgesetzt gegen Bischöfe und Theologen, die dem theologischen oder kirchenpolitischen Kurs der römischen Kirche entgegenstanden oder diesen sogar als falsch bekämpften: Dazu gehörten die traditionalistische Piusbruderschaft unter Erzbischof Lefèbvre, von 1988 bis 2009 exkommuniziert; ebenso Prof. Hans Küng, um nur den bekanntesten unter den in Deutschland suspendierten Theologen zu nennen (Entzug der Lehrerlaubnis 1979 wegen seines kirchenkritschen Werkes über die Unfehlbarkeit des Papstes); sowie die Hauptvertreter der südamerikanischen Befreiungstheologie E. Cardenal (1983 öffentlliche Maßregelung, 1985 Entfernung aus dem Priesteramt) und L. Boff (Er erhielt Disziplinarstrafen 1985 und 1991 weniger wegen der Vermischung von christlicher Botschaft mit marxistischer Theorie und Befreiungsideologie als vielmehr wegen seiner Bezugnahmen auf die Reformation mit ihrer Kritik an der Kirche als Machtinstrument. Bald darauf verließ er seinen Orden.).

 

 

 

 4. Arbeitsblatt

  Kritik an diesem Verständnis des Papsttums

 

1. Schriftauslegung (NT)

Der Primat des Papstes hat andere Ursachen und läßt sich nicht auf eine angebliche Nachfolgeregelung Jesu stützen. Die Textstelle Mt 16 muß ganz anders verstanden werden. (Welche Auslegungen legen sich nahe?) Denn der Fels, auf dem die Kirche gegründet ist, ist Christus selbst, niemand sonst.

 

Für Matthäus hat Petrus allenfalls einen zeitweiligen Vorrang als Leiter der Gruppe der Jünger Jesu und keinen grundsätzlichen, wie er ja auch noch zu Lebzeiten des Petrus offenbar durch den Herrenbruder Jakobus abgelöst wurde. An eine darauf begründete amtliche Sukzession ist z. Z. Jesu ebenfalls niemals gedacht worden. Eine hierarchische Herrschaftsstruktur entspricht weder dem Gemeindebild Jesu noch der übrigen Gemeinde bei Mt, und auch bei Mk 10, 35ff. ist deutlich, daß Dienst und nicht Herrschaft gemeint ist; die Jünger und Apostel sollen „Gehilfen der Freude“ und des Glaubens sein, nichts anderes. Aus der notwendigen Verwaltung in der Gemeinde darf keine Herrschaftsposition abgeleitet werden.

Daher läßt sich der päpstliche Primat, wie er sich im lateinischen Westen während des Mittelalters mehr und mehr durchgesetzt hat, exegetisch nicht halten.

 

2. Kirchengeschichtlich

 

Vielmehr ruhte in der Kirche der ersten drei Jahrhunderte die kirchliche Vollmacht auf der Gesamtheit der Bischöfe. Erst im 4. Jht. versuchte der Bischof von Rom seine absolute Vorrangstellung zu legitimieren (belegt durch Dekretale aus dieser Zeit), siehe die Rechtssammlung Gratiani decretum, wobei die geschichtlichen Tatsachen oft willkürlich gedeutet wurden. Dieser Anspruch hat jedoch keine allgemein-kirchliche Anerkennung gefunden und ist bereits auf dem Konzil von Chalkedon 451 ausdrücklich abgelehnt worden, indem die Gleichberechtigung der Patriarchate von Rom und Konstantinopel festgeschrieben wurde.

 

 

3. Im Mittelalter (15. Jht.)

 

gab es neben den päpstlichen Zentralisten („Papalisten“) eine wichtige Reformpartei, die den sog. Konziliarismus vertrat, abgesehen von Fundamentalkritikern, die eine ganz andere Kirche wollten.

 

Das Konzil von Konstanz (1414-18) vertrat die „konziliare“ Idee, wonach dem Konzil eine Kontrollfunktion über das Papsttum zugestanden wird, wenn auch nur ausnahmsweise wie in diesem Fall (wegen des Papstschismas).

 

Das Konzil von Basel (1431-39) bekannte sich zum „konziliaristischen“ Gedanken: Das Konzil soll grundsätzlich über dem Papst stehen und in regelmäßigen Abständen einberufen werden.

 

Diese Forderung wurde aber vom neuen Papst Martin V. nicht umgesetzt, vielmehr tat er alles, um das Papsttum wieder zu stärken.

 

 

4. Die Kirche zwischen Unfehlbarkeit und Fehlbarkeit

 

 

1870 wurde in Rom (Vaticanum I) das Unfehlbarkeitsdogma verkündet. Damit wurde der päpstliche Primat einseitig und exklusiv von der Partei der Papalisten für die ganze Kirche durchgesetzt. (In einer Welt voller Feinde ist es oft angenehmer, sich um einen starken Mann scharen zu können, der alles weiß und alles kann… Auch in anderen Zusammenhängen kennen wir den Satz: Führer befiehl, wir folgen…)

 

 

Diese Einseitigkeit wollte das Vaticanum II (1962-65) überwinden. Herausgekommen ist ein Kompromiß zwischen dem päpstlichen Absolutismus und der bischöflichen Kollegialität. Doch wurde an der grundsätzlichen Unfehlbarkeit des Papstes in den Texten nichts verändert, auch wenn terminologisch anerkannt wurde, daß der primäre Grund der Unfehlbarkeit die ganze Kirche mit ihrem Glauben ist.

 

 

So kann man lediglich sagen, daß das Dogma von der päpstlichen Unfehlbarkeit etwas relativiert worden ist, ohne es abzuschwächen. Es ist damit eingebettet in den Grundgedanken, daß das päpstliche Lehramt nicht etwas als Glaubensgebot mit Anspruch auf kirchliche Allgemeingültigkeit (und insofern unfehlbar) verkünden könne, was nicht dem Glaubenssinn der gesamten Kirche entspricht (was übrigens schon ein alter Grundsatz von Vinzenz von Lerin aus dem 5. Jht. ist).

 

5. Neuere Ãœberlegungen

 

wollen die päpstliche Unfehlbarkeit sogar mit Elementen der Befragung der Gesamtkirche verbinden, um so ein Korrektiv zum herrschenden Absolutismus zu schaffen. (Die verschiedenen von Papst Franziscus einberufenen Bischofskonferenzen zu verschiedenen Themen der Familie und der Sakramentszulassung scheinen diesen Gedanken aufgenommen zu haben.)

 

Die fatale Wirkung des päpstlichen Absolutismus wurde im 20. Jht. ja mehrfach sichtbar.

 

 

Pius X. (1903-1914) hat mit seinem Antimodernisten-Eid der Kleriker den Kampf gegen die Moderne in der katholischen Kirche zur Pflicht gemacht. Die Kirche sollte in eine weltabgeschiedene, dieser Welt kritisch bis negativ gegenüberstehende Institution, um nicht zu sagen in eine Gegengesellschaft verwandelt werden (zumal ja der Vatikan seinem Selbstverständnis nach ein eigenständiger Staat mit Nuntiaturen in der ganzen Welt ist). Der Kulturkampf gegen den preußischen Staat wies zuvor schon in dieselbe Richtung. Dadurch wurde die Kirche als Bollwerk nicht nur zum Kampf gegen die moderne Welt aufgerufen, sondern begab sich selber in die vorderste Front gegen die Dämonien der Zeit, in deren Stricke sie sich jedoch nicht selten selbst verfing.

 

Pius XII. erneuerte auf dieser Linie den päpstlichen Absolutismus, wobei er in seinem Pontifikat eine auffällige Nähe zu den Faschismen seiner Zeit erkennen ließ (vgl. R. Hochhuth, Der Stellvertreter, 1963), die sich noch im Spanien Francos fortsetzte.

 

 

Auch nach Johannes XXIII., der das 2. Vatikanische Konzil einberief und damit eine Erneuerung der Kirche anstrebte (aggiornamento), kamen wieder die alten Tendenzen absolutistischer Machtausübung auf. Jedenfalls hat sich Paul VI. nicht zu einer entschlossenen Neuausrichtung des Papstamtes bekannt. Sein Kurs gilt von Anfang an als sehr zwiespältig.

 

7. Auf evangelischer Seite

 

gibt es immer wieder Stimmen, die den Papst als „Sprecher der ganzen Christenheit“ anerkennen möchten, freilich unter der Voraussetzung, daß eine geistliche Erneuerung des Papsttums auf biblischer Grundlage (primus inter pares: Erster unter Gleichen) stattfindet (und im Handeln sichtbar wird). Der Papst als symbolische Einheitsklammer der weltweiten Christenheit, – wäre das nicht gerade in unserer heutigen globalisierten Mediengesellschaft für uns Protestanten eine sinnvolle Alternative zum bloßen Weitermachen wie bisher? Zumal der Protestantismus und der Weltkirchenrat nicht mehr dieselbe Bedeutung haben wie im vergangenen Jahrhundert und das ökumenische Gespräch immer mehr durch konfessionelle Selbstbehauptung ersetzt zu werden droht! Protestantische Sonderwege werden der medialen Öffentlichkeit auf Dauer nur schwer vermittelbar sein. (Ob auch das orthodoxe Christentum einem solchen Symbolismus zustimmen würde, ist allerdings ungewiß. Das hängt vermutlich sehr stark von den jeweiligen politischen Verhältnissen ab.)

Aber kann sich das Papsttum von seiner geschichtlichen Hypothek jemals wieder befreien? Ist es nicht viel zu sehr mit der Machtstellung der römischen Kirche als alleinseligmachender Heilsinstitution identisch geworden ?

 


3. Arbeitsblatt

  Wie stand Luther zum Papsttum?

 

Luthers Meinung dazu stand nicht von Anfang an fest. Sie entwickelte sich anscheinend nur langsam.

 

1. 1510/1511 während seiner Romreise gibt es von Luther noch keine Kritik am Papsttum, ja auch nicht einmal am Ablaßwesen.

 

2. In seiner ersten Psalmenvorlesung (1513-15) spricht Luther zwar von seiner Trauer über den ungeistlichen Zustand der Christenheit. Aber er übt keinerlei Kritik am Papsttum.(Obwohl es daran in jener Zeit nicht mangelte – wir wissen freilich nicht, was er beim mündlichen Vortrag seiner Vorlesung gesagt haben mag…)

 

3. Deutlicher formuliert er seine Kritik an den römischen Zuständen in der Römerbriefvorlesung (1515/16).

 

4. In den 95 Thesen von 1517 kritisiert Luther bereits ziemlich scharf den Machtanspruch des Papstes, z. B. in Sachen Fegefeuer und Sündenvergebung. Letztere besitze der Papst nicht allein, weil sie allen Priestern zukommt, wenn sie im Auftrag Christi dazu berufen sind.

 

5. 1518 hat Luther dann im Verhör gegenüber Cajetan bestritten, daß der Papst (Tradition) über der Bibel (Schrift) steht.

 

 

6. 1519 heißt es dann: Das Papsttum ist nicht göttlichen Rechtes. Der päpstliche Primat (der nach Luthers Datierung etwa ein halbes Jahrtausend alt war) ist nach Luther nie allgemein anerkannt worden. Luther hatte andererseits nichts dagegen, dem Bischof Roms einen Ehrenvorrang zu verleihen, wenn dieser dem Evangelium seinen ursprünglichen Stellenwert in der kirchlichen Verkündigung zurückgibt.

 

 

7. In „Wider den hochberühmten Romanisten (Alveld) in Leipzig“ von 1520 setzt sich Luther grundsätzlich mit den päpstlichen Primatsansprüchen auseinander. Darin heißt es: Das Papsttum ist nicht von Gott eingesetzt. Das Haupt der Kirche ist Christus; aber sein Reich ist nicht von dieser Welt. Nach Luther liefert weder Mt 16, 16ff. noch Joh 21, 15f. eine Begründung des Papsttums. Das Papsttum ist lediglich eine geschichtliche Erscheinung, keine absolute Notwendigkeit. (Es ist mehr in Gottes „zornigem Ratschluß“ [Braunschweiger Ausgabe der Werke Luthers Bd 1, 161] begründet als in etwas Positivem, wenn es nicht sogar, wie er später, 1545, sagen wird, des Teufels ist. In einem privaten Brief an seinen Freund Wenzel Linck (Nürnberg) schreibt er 1518, der Papst sei der für die Endzeit vorhergesagte Antichrist.)

 

 

8. Aber selbst nach seiner schärfsten Kritik am Papsttum will Luther nicht völlig ausschließen, daß der Papst auch anders handeln könnte, wenn er es auch inzwischen für unwahrscheinlich hält. Und daß er ihn dann als eine Art Kirchenoberhaupt akzeptieren könnte, wenn damit keine falschen Herrschaftsansprüche verbunden wären. Einen Unfehlbarkeitsanspruch Roms wollte aber Luther ganz gewiß nicht akzeptieren.

 

9. Wie wird es weitergehen mit der Kirche in der Zukunft? Ist eine Einheit denkbar und wenn ja unter welchen Bedingungen?

 

 

 

W. M. für den AK 14. 4. 2016

 

 

 

 

Benutzte Literatur u.a. : Georg Denzler (Hg.), Das Papsttum in der Diskussion, 1974

 

 

 

 

 

 

 

 2. Arbeitsblatt

Kirche als Strukturproblem

in der Perspektive Luthers

 

Aufgabe zum Einstieg:

 

Fragen wir uns einmal, was entbehrlich an der Kirche ist und was unentbehrlich, was finden wir heraus?

 

Anders gefragt: Was ist das Notwendige, ohne das Kirche nicht ist? Und was ist das Zufällige, das nicht von Anfang an da war (oder in den verschiedenen Kirchen und Gemeinden unterschiedlich ausgebildet ist)?

 

Was dient bloß der →Verschönerung des Gottesdienstes, was der →Unterhaltung kirchlichen Lebens, was dem → Zusammenhalt (Einheit) der Gemeinden, was der → Repräsentanz nach außen, gegenüber dem Staat?

 

1. Zur Erinnerung

 

1.1 Luther wollte nicht eigentlich ein Kirchenreformer sein, sondern ein Theologe, der die in seinen Augen falsche Lehre der Kirche inbezug auf den Ablaß nicht einfach hinnehmen wollte. Deshalb äußerte er so vehement seine Kritik am Ablaßhandel (→Ablaßskandal). Dennoch mußte seine Kritik früher oder später auch zur Frage nach dem Wesen der Kirche führen. Konnte sich die Kirche noch auf die Schrift berufen, wenn sie ihre falsche Lehre nicht schnellstmöglich änderte? Aber Rom wollte sich Kritik in dieser Form nicht gefallen lassen und traf Gegenmaßnahmen.

 

1.2 Schriftauslegung (Luther) und Kirchendogma (Rom und der Papst) prallten darum hier erstmalig in umfassender Form aufeinander, wobei im Laufe der immer heftiger werdenden Auseinandersetzungen zwischen diesen Gegnern das Papsttum (als die römische Gestalt der Kirche) von Luther insgesamt in Frage gestellt wurde.

 

1.3 Was ist nach Luther das Wesen der Kirche? Kurz gesagt, daß Christus in seiner Kirche gegenwärtig ist. Und wie ist das möglich? Durch die rechte Verkündigung von Gottes Wort und die stiftungsgemäße Spendung der Sakramente. 1 Das ist für ihn grundlegend. Alles andere ist eher sekundär, eine Frage der Zweckmäßigkeit (und somit Teil der äußeren Organisationsform der Kirche).

 

1.4 Allerdings muß man schon fragen, ob Luther immer recht hat, so wenn er auch Kirchengebäude 2 als für den christlichen Auftrag unwesentlich beurteilt; denn ein Platz zur Verkündigung, Sündenvergebung und Sakramentsspendung reiche aus. Ebensowenig sind liturgische Gesetzmäßigkeiten und Kalenderentscheidungen für Luther ein göttliches Gesetz. (In Notzeiten mag man so denken, aber auch sonst?)

 

2. Das Problem

 

2.1 Luther hat keinen feststehenden Maßstab zur Unterscheidung von akzeptablen und nicht akzeptablen Strukturen in der Kirche, soweit es sich um Äußerlichkeiten handelt. Auch das Gewissen ist für ihn kein letztgültiger Maßstab. Allerdings sind Strukturen für ihn auch keine bloße Geschmacksfrage, obwohl sie eher zum Inventar als zum Baugerüst der Kirche gehören. Ihre Stabilität hängt davon nicht ab. Man kann daher Luthers Haltung gegenüber diesen (alten) Einrichtungen, wenn man so will, auch als tolerant bezeichnen.

 

2.2 Luther will diesen Fragenkomplex nicht übers Knie brechen (wie z.B. Karlstadt). Jedenfalls sind Schrift und Tradition für Luther in dieser Sache nicht allein maßgeblich. Auch die menschliche Natur mit ihren Gewohnheiten darf in dieser Angelegenheit nicht außer Acht gelassen werden.

 

2.3 Strukturen müssen wirksam sein, sonst braucht man sie gar nicht. Besser aber gar keine als falsche. Sie müssen daher gut durchdacht sein und möglichst mit der Mithilfe von Fachleuten entwickelt werden.

 

2.4 Sie sollen ja dazu dienen, a) die Gemeinde Jesu zu sammeln, b) Kirche zu bauen und c) gegen Verfolgung und Anfechtungen dieser Welt stark zu machen.

 

D.h. die Strukturen müssen 1. den missionarischen Auftrag der Kirche unterstützen.

Sie sollen 2. der Gemeinde für Zusammenkunft, Austausch, Gebet und Gottesdienst einen festen Ort bieten

und schließlich 3. den Christen durch Erziehung und Bildung auf ein Leben in dieser Welt vorbereiten.

 

3. Luther ist kein Revolutionär

 

3.1 Was auffällt ist, daß Luther in der Strukturfrage relativ konservativ ist; kein Neuerer, der um jeden Preis die Kirche ändern und alles Alte eliminieren will.

 

3.2 Strukturen sind nach Luther nicht ewigen (göttlichen) Rechts; aber wo sie einem guten Zweck dienen, sollte man sie nicht mit Gewalt beseitigen, selbst wenn sie fragwürdig geworden sind (solange man nichts Besseres hat). Viele Menschen hängen ja auch mit ihrem Herzen an den alten Formen…

 

3.3 Die Reformation hat in dieser Beziehung nichts gegen die Kontinuität der Sitten und Gebräuche in der Kirche, wenn sie nicht zu einem falschen Verständnis des Evangeliums verführen oder aus einem Geist heraus entstanden sind, der die Kirche zum Selbstzweck erhebt, was sie nicht ist.

 

3.4 Menschliche Maßstäbe dürfen für Luther hier wie auch sonst Gottes eigenes Handeln nicht behindern, und dazu mag man auch die Dinge rechnen, die Menschen an ihrer Kirche liebgewonnen haben.

 

3.5 Also auch solche Strukturen, die nicht „zur Seligkeit“ nötig sind, sondern „allein zur äußerlichen Zucht und Ordnung“ eingeführt worden sind, haben ihre Berechtigung, auch wenn sie nicht überbewertet werden dürfen.

 

3.6 Menschliche Entscheidungen und Satzungen sind auch sonst für Luther keine göttlichen Vorschriften. Und keine Kirche hat das Recht, sie als etwas Derartiges auszugeben. Und das kritisiert er nicht nur an Rom. Auch wenn Schwärmer in den eigenen Reihen und reformierte Gemeinden beginnen, das Evangelium zum Gesetz zu machen, zum Gesetz ihrer Herrschaft, kann dies nicht hingenommen werden.

 

3.7 Solange in Luthers Augen noch Hoffnung bestand, daß die römische Kirche wieder zu den zentralen Aussagen des Evangeliums zurückkehren werde, wenn sie nur deutlich genug darauf hingewiesen würde, träumte er nicht von einer neuen Kirche, wollte er an der alten gerne festhalten (anders als revolutionäre Kirchenkritiker wie z. B. Thomas Müntzer).

 

3.8 Aber wenn es keinen anderen Ausweg aus dieser Glaubens- und Kirchenkrise gibt, so muß wohl oder übel auch die Kirche als Institution von ihrem Zentrum aus, Jesus Christus, mittels Wort und Sakrament neu aufgebaut werden, wobei dann ihre Strukturen entsprechend dem Auftrag der Kirche in dieser Welt sicher ebenfalls neu gestaltet werden müssen.

 

 

4. Zusammenfassung und Kritik:

 

4.1 Die insgesamt zögerliche Haltung Luthers gegenüber Strukturfragen veranlaßt zu der Rückfrage: War Luther nur nicht konsequent genug, scheute er vor neuen, dem Evangelium besser dienenden kirchlichen Strukturen zurück?

 

(Wie gestaltete er seine eigenen →Gottesdienste, wie feierte er das →Abendmahl, welche Rolle spielte die →Gemeinde? Diese und ähnliche Fragen werden später behandelt.)

 

4.2 Luther hätte dem entgegengehalten, daß es nicht primär an den äußeren Formen und Strukturen liegt, wenn das Evangelium nicht recht verkündet wird und die Sakramente nicht den Einsetzungsworten gemäß gespendet werden. Sondern an der menschlichen Sünde (Hybris). Und daran würde auch eine neue Gestalt der Kirche nichts Wesentliches ändern.

 

4.3 Wenn die Kirche selbst zum Hindernis für das Evangelium wird, dann – so Luther – doch in der Regel durch die Menschen selber, die die Kirche leiten sollen. Wir sind eben nicht bloß gelegentlich, sondern tief in unserem Inneren Sünder, die vor Gott nicht bestehen können, außer durch sein Erbarmen, meint Luther.

 

4.4 Die Frage, die sich hier aber stellt, ist die, was Luther unter Sünde versteht. Wird sie von ihm nicht einseitig auf persönliche Verfehlung und Schuld gegenüber den Geboten Gottes reduziert?

 

Was Luther anscheinend nicht gesehen hat ist, daß die Sündhaftigkeit der Kirche sich nicht nur an der Glaubenskrise 3 festmachen läßt, sondern daß es auch sündhafte Strukturen 4 in der Kirche gibt, und unter diesem Aspekt hätte von Luther die gesellschaftliche Macht der Kirche thematisiert werden müssen, insbesondere die machtpolitische Verfilzung der Kirche mit dem Staat, auch wo sie gegen ihn stand.

 

4.5 Kirchenfürsten waren z.T. gleichzeitig Landesfürsten. Hat Luther dieses Problem gesehen, wie wenig die Kirche ihrem Auftrag gerecht werden kann, wenn sie die Gläubigen gleichzeitig als Untertanen und Sklaven behandelt; wenn es keine real gesellschaftliche, sondern nur eine im Glauben erfahrene Freiheit für alle Getauften gibt? Wenn die Menschen praktisch von der Wiege bis zur Bahre nach den Regeln und Pflichten ihres jeweiligen Standes zu leben haben und Glaube darin besteht, sich diesen Pflichten zu fügen, was wird dann aus der Freiheit eines Christenmenschen, worin besteht sie dann noch?

 

4.6. Diese Fragen, die z. T. ausdrücklich von Sektierern und aufrührerischen Bauern gestellt wurden, wurden von der Reformation Luthers offensichtlich zu wenig beachtet, obwohl die Befreiung des individuellen Glaubens von falscher Bevormundung durch die kirchliche Obrigkeit zweifellos ein wesentlicher Fortschritt auf dem Wege zu einer neuen, menschenwürdigeren Gesellschaft darstellt.

Wolfgang Massalsky, 10.3. 2016

 

1 Jedenfalls nicht das Papsttum, das für ihn in späteren Jahren immer mehr zum Antichrist wurde, den er mit äußerst scharfen Worten bekämpfte.

2 Obwohl man doch weiß, welche identifikatorische Bedeutung das Kirchengebäude für die Menschen im Dorf bzw. im Leben der Ortsgemeinschaft hat.

3 für die  als ein großes und gräßliches Beispiel bei Luther am Anfang der Reformation der Ablaßhandel steht

4 und damit sind nicht Tonsuren, Fastenzeiten, Bekleidungsordnungen gemeint, worüber sich Protestanten so gerne aufregen, wobei für Luther Zölibat, Heiligenverehrung, Wallfahrten viel brisanter sind

 

 

 

 

1. Arbeitsblatt

Luthers Kirchenverständnis

 

 

Was macht die Kirche aus?

 

1. Christus ist in der Kirche gegenwärtig

durch Predigt des Evangeliums und die Verwaltung der Sakramente

 

Darum ist es wichtig, was für eine Art von Evangelium gepredigt wird (Paulus: „kein anderes Evangelium“, Gal 1); d.h. was für eine Art von Christus in der Kirche verkündigt wird.

 

Also Evangelium (Kerygma=Verkündigung) plus Lehre (= Dogma, dh. eine Grenze ziehen zwischen dem, was der Wahrheit Christi entspricht, und dem was von ihr trennt).

 

Es ist nicht egal, was wir predigen… Kann es anders sein?

 

2. Kirche ist zwar eine Gemeinschaft, die der ständigen Reform bedarf („ecclesia semper reformanda“). Aber sie beginnt nicht mit jeder Predigt von vorn. Der Prediger ist kein Kirchengründer. Sie hat ein Fundament, das gelegt ist durch Jesus Christus. Wir bauen nur darauf auf. Die Kirche besteht in aller Schwäche, aber dauerhaft. Die Hölle soll sie nicht überwinden. Ihre Kontinuität ist durch Jesus Christus gestiftet. Du bist Christus, bekennt Petrus … Zu Petrus sagt Jesus, du bist der Fels… (Mt 16, 13ff.)

 

Auch wenn die „Schrift“ wichtiger ist als die „Tradition“, so sind die Väter und Mütter im Glauben (durch die Jahrhunderte hindurch) doch diejenigen, die uns die Bedeutung der Schrift in den verschiedenen Kämpfen ihres Lebens eindringlich vor Augen führen.

 

Wer leitet die Kirche, wenn der Papst ausfällt, wenn die Kirche insgesamt einer falschen Lehre zuneigt? Und was ist überhaupt eine falsche Lehre (Häresie)?

 

Luther „Vom Papsttum zu Rom“ (1520): „das Reich Gottes ist nicht an Rom gebunden, sondern ist überall, wo der Glaube ist“

 

Ist nicht die Häresie in bestimmten Situationen sogar besser als die reine ("orthodoxe") Wahrheit, die keiner so richtig glauben kann? („Zwang zur Häresie?“)

 

3. Predigt und Leib Christi

 

Hat Luther nur eine Predigtkirche gewollt?

 

Ist die Kirche der „Leib Christi“, der sich in ihr fortdauernd verwirklicht durch die Kommunion mit Christus, durch die Gaben von Leib und Blut Christi, geheiligt und gereicht im Heiligen Geist, dann geht es in ihr nicht nur um die richtige Predigt, sondern immer auch um den aktiven Vollzug der Kirchengemeinschaft! (vgl. Stählin, Credo Ecclesiam)

Wieviel Einheit ist notwendig – Wieviel Vielfalt ist erlaubt oder sogar erwünscht? (1. Kor 12)

 

Die Bedeutung der Taufe (Luther: „baptizatus sum“)

 

W. Massalsky für den theologischen Arbeitskreis 28.1.2016)