Predigt

 

Zum AK am 19.2. 2026 (Vorschläge zum Vorgehen)

A) Kenne ich oder besitze ich eine Predigt, die mir gefallen hat? Und weiß ich vielleicht noch: warum?

B) Wir überlegen gemeinsam: Was zur Predigt nötig ist (außer einem guten Einstieg)?

1. Textverständnis

a) zuerst Textart erkennen (eventuell den Textradius vergrößern, d.h. die nächsten Zusammenhänge festellen, wenn nötig oder wünschenswert),

b) Intention feststellen,

c) dann Übersetzung, wenn man die Ursprachen kennt, um Unsicherheiten beim Verstehen durch Überprüfung zu beheben

2. Interpretationsmöglichkeiten

Frage: kann ich mit dem Predigttext etwas anfangen? Wie paßt er in mein Leben? Was spricht mich am Text an? Kann ich eine Verbindung zu unserem heutigen Leben herstellen?

3. Wie vertraut ist mir die Gemeinde?

a) Handelt es sich vor allem um die Kerngemeinde oder um gelegentliche Gottesdienstbesucher oder überwiegend Unbekannte?

b) Wie schätze ich ihre religiösen Bedürfnisse bzw. ihr Hörverhalten ein? Weiß ich, was sie von einer (guten) Predigt erwarten? („Hörerwünsche“)

c) Muß ich, will ich gegensteuern?

d) gibt es eine missionarische Arbeit in der Gemeinde, von der für die Predigtkonzeption profitiert werden kann?

4. Woran orientiere ich mich bei der Abfassung meiner Predigt?

a) Aktuelle Ereignisse in der Gemeinde, Tagesaktualitäten … (Gehört meine Predigt in einen größeren Rahmen, der anderweitig vorgegeben ist? Z. B. Predigtreihe, Festkreis, Kirchenjahreszeit; Jubiläum, Abschied)

b) biblische Texte, die mir spontan zum vorgegebenen Text einfallen

c) oder klebe ich an irgendwelchen Predigthilfen, weil mir nichts Besseres einfällt?

d) Gefahren oder Fallen, in die ich gerne tappe? Z. B. Erzählen aus dem persönlichen Bereich oder den biblischen Text bloß nacherzählen wollen, obwohl er aus einer fremden Welt stammt und wie über einer langen "Leiter" in die Gegenwart transportiert werden muß, wobei es immer wieder zu Brüchen kommen kann ... 

e) Häufig fehlt die „Nutz-Anwendung“ für das „schlichte“ Gemeindeglied ...

f) außerdem darf die Predigt nicht zu kopflastig sein, vielmehr soll sie zum eigenen Entdecken und in die Handnehmen-der-Bibel anregen…

5. Resümee:

Will ich Menschen mit der christlichen Botschaft konfrontieren und zu Jesus heranführen (Möglichkeiten des Christseins eröffnen) und damit auf ihr Leben einwirken, es eventuell verändern, oder gieße ich nur etwas geistliche Sahnesauce auf das bescheidene Sonntagsmenü der Gottesdienstbesucher … Gemeinschaft und gute Gedanken beim Gottesdienstnachgespräch am Sonntag geben vielen Alleinstehenden und ältere Mitbürgern die erwünschte Zuwendung und Hilfestellung zur Bewältigung des Alltags. Aber wie stellen wir echte Gemeinschaft zwischen den Gottesdienstbesuchern untereinander her? Gottesdienst und Nachgespräch als Kennenlernbörse, wie praktizieren wir das ...?

W.M. 14. 2. 26

 

Materialien aus Beispielpredigten

für eine Weihnachtspredigt (Schema)

Beispiel 1

O. Dibelius, Predigten, Berlin 1952

 

zu Luk 2, 11.20

 

Diese Welt der gegenwärtigen Tatsachen

allgemein

      Jene Welt des Glaubens

Ist-Zustand (Alltag, Elend, Schrecken)

Bezüge auf die Gegenwartssituation:

Heimatvertriebene, Gefangene, Flüchtlinge, Arbeitslosigkeit

 

 

Gottes Geist

Umwandlung, Leiden ertragen, Aufruf zum Vorwärtsgehen, auch wenn es schwer fällt ...

 

Leitsatz

Gott weiß, was uns in unserer Not hilft, darum schickt er uns seinen Sohn: Jesus

Kritik an Gott ist sicher nachvollziehbar, aber hilft nicht in den Krisen jener Jahre …

Dennoch gibt es viele, die Rettung durch den Heiland verschmähen, und auf eigene Faust ihr Leben zu gewinnen suchen …

Mit welchem Erfolg? Und wenn es nicht klappt, ist wieder Gott schuld …

Predigt-Inten-tionen

So wie die Hirten glauben! Gott will zu Weihnachten Menschen haben, die sich freuen, so wie sich die Hirten gefreut haben.

So kommt wirklicher Frieden in unsere Welt!

Was wir brauchen, ist der Mensch, wie er von Gott her sein soll, wie wir es an Jesus lernen können. Sozialprogramme helfen nicht, unsere Probleme zu lösen, die im tiefsten mit dem seelischen Elend des Menschen zu tun haben, mit seiner Sehnsucht nach dem wahren Leben, das ihm nur Jesus Christus geben kann.

Ein anderes Leben ist nötig, nicht Eigennutz, Egoismus, Raub und Mord (wie in der Nachkriegszeit oft erlebt …)

Nur eins ist nötig: Wir müssen nur die Herzen diesem Heiland auftun! Dann kann alles wieder gut werden.

 

 

 

Kritik: Wird alles rosarot, wenn wir glauben? Kann die Wende auch anders eintreten? Weniger schwarz-weiß oder rosarot? Für mich wirkt die Jesus-Gabe bei Dibelius wie aus dem Zauber-Hut Gottes gezaubert. Wie kommt Gott in unser Leben und was macht er damit? Der Gottessohn kann alles zum Besten wenden! Das hört sich gut an, aber warum ist davon so wenig sichtbar? Verpuffen nicht viele Weihnachtspredigten in unserem Alltag wie ein naß gewordener Sprengkörper an Silvester? Wie kann Weihnachten ein Schub zur Umkehr oder zur Auffrischung und Erneuerung unseres Glaubens sein? Heißt Glauben nur annehmen, daß Gott für uns da sein will, ohne daß wir die Aufforderung erkennen, unser Leben mit Gottes Hilfe (im Zusammensein mit anderen) neu zu gestalten? (z. B. schreibt Dibelius S. 84, damit Gottes Geist uns vorwärts bringen kann, dürfen wir uns nicht gegen ihn abschließen. Dazu sei der Gottesdienst da, den wir fleißig besuchen sollen. Dazu das tägliche Gebet und die regelmäßige Bibel-Lesung... Ist das alles?)

 

W. M. 18.2.26

Beispiel 2

M. Jepsen, Einmischen. Neue Predigten und Reden, 1995, daraus: „Ein Zeichen fordern“ (30-34)

Predigt gehalten am 24.12. 1993

 

PT Jes 7, 10-14

 

Der Text selbst wird kaum behandelt. Es geht um Ahas und die Zeichenforderung. Meist wird der Abschnitt zitiert wegen des berühmten Verses 14, so auch von Jepsen.

„Immanuel“ = Gott mit uns. Immanuel als Versprechen für alle Menschen, daß Gott uns nahe ist und daß wir seine Nähe und sein Heil anderen vermitteln ...

 

Die Geburtsgeschichte Jesu wird von Jepsen mitten in die Gegenwart mit ihren vielen Miseren hineingestellt. Sie wird ihr also nicht entgegengestellt (wie ein Jenseits zur Realität, das sich durch den Glauben ergibt… s. Dibelius). Sie knüpft an die gegenwärtige Realität an: Eine stehengebliebene Kirche inmitten neuer Stadtlandschaft. Als Zeichen dafür, daß nicht alles dem wirtschaftlichen Aufschwung geopfert wird. Wir leben doch nicht nur vom selbst erarbeiteten Brot. Ins Abseits geraten und dennoch ein Zentrum! Das sei die Kirche.

Aber sie müsse auch zeigen, daß sie das wert ist, im Zentrum zu stehen, aus welchen Gründen auch immer: Aus Pietät? Aus stadthistorischen Gründen? Als Erinnerung an frühere Zeiten? Oder gar als Hoffnungszeichen für die Zukunft? Jepsen wünscht sich eine Kirche, die Zukunft bringt, Hoffnung für die vielen Gestrandeten, Hoffnungslosen und ausgezehrten Menschen am Rande unserer neuen Welt.

 

Leitsatz:

Mit der Geschichte der Geburt Jesu will Gott unser Herz erreichen, uns zu Menschen machen, die mehr auf die Liebe rechnen [Stil!], seine Güte, als auf Zahlen und eigene Pläne. (31) Ähnlich: Fordere dir ein Zeichen von Gott … mach dich auf, dein Herz, deine Tür! [Stil!]

 

Predigtziele:

Jepsen will (und muß) verschiedene Generationen ansprechen: Jung und Alt, Reich und Arm, Einheimische und Fremde, ob das gelingen kann? Zugleich will sie uns an die Ränder der Gesellschaft weisen, hier haben wir uns für mehr Menschlichkeit einzusetzen. Das sei die Botschaft von Weihnachten: Laß dich hineinnehmen in Gottes Pläne, laß dich benutzen als Werkzeug seines Friedens und seiner Gerechtigkeit.

So gottverlassen manche Gegend auch wirken mag, es gibt keine Gottverlassenheit! (33) Unsere Aufgabe ist es, von Gott zu erzählen, Gastfreundschaft gewähren, Nähe schenken, Vertrauen wagen. Den Asylsuchenden, Wohnungslosen, ziellos Herumirrenden gegenüber … Das wäre weihnachtliches Verhalten.

Was kommt auf uns zu, was haben wir zu tun, daß Weihnachten gelingt? Einfache Antwort: Sich von Gott erreichen und ansprechen lassen.

 

Aber die Realität ist – unsere Hartherzigkeit, genauer unsere Gottlosigkeit:

Unser Problem ist, daß wir lieber … unserer menschlichen Macht vertrauen als den so wenig berechenbaren und überhaupt nicht manipulierbaren [?] Äußerungen Gottes. (31) Gibt es noch andere Widerstände, die an Weihnachten zu beachten und zu überwinden sind? Ist an Weihnachten tatsächlich unsere Hartherzigkeit das Hauptproblem? Ich meine: Nein! Das genaue Gegenteil ist der Fall. Nie ist die Gemeinde so freigebig und offenherzig wie an Weihnachten. Sondern? Sondern unsere Gottlosigkeit! (Das Schweigen Gottes!) Davon ist nur wenig oder gar nicht die Rede: Warum wohl? Weil es unangenehm ist. Man ist ja für die Weihnachtschristen dankbar, daß sie kommen. Und sie will man ja auch nicht vor den Kopf stoßen… [Man schlachtet nicht gern die Kuh, die man melken will...]

 

Zum Predigtaufbau:

Nicht geradlinig (Einleitung, Hauptteil, Schluß), sondern abschnittsweise, auf mehrere Höhepunkte verteilt. Vorteil: Zeit zum Nachdenken, zur Auseinandersetzung lassend. Diakonische Angebote anpeilend.

 

Kritik:

Sentimentale Äußerungen („Herz“) bilden offenbar die Grundlage ihres Ansatzes: Ein großzügiges, ein der Armut unserer Gesellschaft zugewandtes Herz muß doch an Weihnachten bei uns allen im Mittelpunkt stehen und uns zur Hilfeleistung gegenüber den Bedürftigen anregen, auch wenn es nicht immer leicht fällt. Imperativ (Forderungen) überwiegt den Indikativ, das, was m.M.n. zuerst kommen muß: Das Gottesgeschenk der Geburt Jesu inmitten äußerster Not. Ob Weihnachten gelingt, hängt davon ab, daß Gott neu in unser Leben tritt. Nicht daß wir unsere Geldbörse zücken und reichlich spenden, wenn der Klingelbeutel zu uns kommt. Soziales Engagement ist natürlich auch wichtig, aber auf die Gottesliebe (Luther: Gottesfurcht) als dessen Grundlage kommt es an, und dies nicht nur an Weihnachten. Hat diese Geschichte der Geburt Jesu diesbezüglich keine Kraft mehr, um uns in ihren Bann zu ziehen? Ist sie schon zu ausgequetscht, um noch neuen "Saft" zu produzieren? Wenn wir nur auf das Sentimentale dieser Weihnachtsgeschichte zielen, ist sie tatsächlich eher unbedeutend. Wenn wir sie als Symbol für die Verlorenheit Gottes in dieser Welt deuten, kommen wir der Sache und unserer Gegenwart schon näher. Natürlich kann dies an Weihnachten nur in einer mitfühlenden Weise geschehen … Und natürlich gibt es ja noch ganz andere Ansätze für eine zeitgemäße Weihnachtspredigt.

W.M. 19.2.26