Christentum und Islam

 

 "Die Entrechteten" und wir

Stellungnahme im Anschluß an das südafrikanische Bekenntnis von Belhar 1986

im Gottesdienst der Paulusgemeinde in Neutempelhof am 4. 11. 18

 

Unser Kapital als Christen ist das öffentliche Bekenntnis zu Jesus Christus, zur Menschlichkeit Jesu, zu dem in ihm offenbar gewordenen Gott.

Christus, der Mensch gewordene Gott !

Das hat keine andere Religion zu bieten.

In jeder anderen Religion sprechen wir von dem fernen, unnahbaren Gott, dem „unbekannten Gott“, wie Paulus in einer Altarinschrift in Athen lesen konnte.

 

Jesu Menschlichkeit verlangt aber auch etwas von uns. Sie darf nicht nur Wort, Glaube, Verkündigung bleiben, sondern muß zum Maßstab unseres Handelns, muß in unserem Leben zur Tat werden.

Die vielen Kriegsflüchtlinge z. B. aus Syrien und anderen Bürgerkriegsländern, vor allem aus Afrika, als die Entrechteten Nr. 1 dieser Welt ins Land zu holen bzw. durch die weit geöffneten Grenzen – z. T. unkontrolliert – in unser Land kommen zu lassen, ist das Eine; sie aber dann sich selbst oder den Behörden zu überlassen, ist kein Zeichen von Gastfreundschaft oder Willkommenskultur, sondern der Anfang der Abgrenzung und Ausgrenzung.

Die Gekommenen oder wie man heute sagt: die Geflüchteten spüren, daß sie nicht wirklich willkommen sind, sondern nur amtlich verwaltet werden.

 

Wer hat ein Bleiberecht? Wer wird wieder abgeschoben oder vorübergehend geduldet? Bedrängende Fragen, die den hiesigen Aufenthalt auch zur Qual werden lassen können. So nahe am Ziel ihrer Träume, aber niemand will sie in seinem Haus haben.

Es gehört zur christlichen Menschlichkeit diesen Menschen gegenüber, zumindest Kontakt zu ihnen herzustellen.

Allerdings beobachte ich, daß auch auf ihrer Seite der Wunsch zu gegenseitigem Kennenlernen nicht eben groß ist. Dazu sind sie viel zu sehr mit sich beschäftigt, mit der Erbringung all der Integrationsleistungen, die wir von ihnen verlangen, wie z. B. Deutschlernen, Schulbesuch, berufliche Qualifikation, – wenn sie überhaupt eine Chance bekommen, hier ein neues Leben aufzubauen. Und darüber kommen die wichtigsten Regeln des Zusammenlebens in Deutschland fast immer zu kurz: Unsere Kultur und Religion, Sitten und Gebräuche nicht nur oberflächlich zu erleben, sondern sie sich selber anzueignen. Davor kapitulieren die meisten. Aber kann von ihnen wirklich verlangt werden, was wir selber nicht mehr kennen und leben?

Kein Wunder, daß sie nach ersten Berührungen mit dem deutschen Amtsschimmel und manchen Enttäuschungen im Umgang mit uns einfachen Bürgern sich verstärkt ihrer zumeist islamischen Religion zuwenden, auf weiteren Austausch mit uns verzichten und in die fast in jeder größeren Stadt schon vorhandenen muslimischen Communities abtauchen, um mit deren Hilfe ihr Leben in den Griff zu bekommen.

Ihre Hauptstütze ist ja seit jeher die Familie, und deren Basis ist die Religion, wie es auch einmal bei uns gewesen ist.

Was mir im Iran, wo ich vor kurzem knapp fünf Wochen zum Studium war, oft entgegen gehalten worden ist, ist daß unsere Gesellschaft durch Säkularisierung und Vereinzelung die Religion zum beliebigen Gebrauch freigegeben hat, daß ihr somit jede Verbindlichkeit fehle. Man mag sie annehmen oder auch ablehnen, niemand fragt danach. Daher ist auch unser Leben sehr unbestimmt geworden.

Wenn wir das als die westliche Freiheit verstehen, dürfen wir uns da noch wundern, wenn diese Neuankömmlinge dazu „Nein danke“ sagen? Können wir das wirklich nicht verstehen?

Freilich ist ihr Gesellschaftsbild nicht das unsere. Es ist vielmehr durch starre Rollenbilder, patriarchale Strukturen und in unseren Augen veraltete Ehrbegriffe gekennzeichnet. Aber können sie unser Gesellschaftsbild übernehmen? Haben wir überhaupt eines, außer daß jeder tun und lassen kann, was er will, solange er nicht mit den Gesetzen zusammenstößt?

 

Ich mahne daher unsere Kirche, nicht nur Toleranz, Verständigung und Versöhnung zu predigen, sondern sich mit den unterschiedlichen religiösen Vorstellungen bei diesen Menschen und uns intensiv auseinander zu setzen, um die geistige, psychische und soziale Welt derer, die zu uns gekommen sind, näher kennenzulernen. Selbst Christen aus dem Orient sind nicht leicht zu verstehen. Erst recht muß man das inbezug auf die Muslime in unserem Land sagen. Sie werden solange abseits stehen, wie wir von ihnen nichts wissen wollen. Wenn wir zur Veränderung ihrer Lebensform einen Beitrag leisten wollen, wird das nur gelingen, wenn wir ihnen nahe sind und uns nicht nur über ihre fremdartigen Verhaltensweisen aufregen und beklagen.

Die Entrechtung des Nächsten fängt nicht erst mit der Klischeebildung über ihn an, sondern schon mit der Gleichgültigkeit ihm gegenüber. Dagegen sollte uns sein Wohlergehen und sein Schicksal nicht gleichgültig sein, zumal er eines Tages auch unser Nachbar sein kann, ob wir das gut finden oder nicht.

Im übrigen machen sich auch die Geflüchteten, wenn sie eine Zukunftsperspektive bei uns haben, nicht selten über uns und unser Leben und vor allem Zusammenleben ihre eigenen Gedanken. Ihr Urteil über uns ist nicht immer sehr schmeichelhaft, wie ich weiß. Am besten ist es für beide Seiten, wenn wir rechtzeitig lernen, miteinander – auch persönlich – darüber ins Gespräch zu kommen, wie eine gemeinsame Zukunft für uns alle aussehen könnte. – Oder gibt es die etwa nicht?

 

Wolfgang Massalsky, 3. 11. 2018

 

 

 

Toleranz - dem Fremden gegenüber...

Wie denken Judentum, Christentum und Islam darüber?

(1. Teil Gesprächsanregungen)

 

A. Wie soll man mit sozialer und kultureller Fremdheit umgehen?

 

1. Es ist heute praktisch unmöglich, mit Arbeitskollegen, Freunden und Bekannten über das Problem der Migration, das Anwachsen der muslimischen Bevölkerung und die daraus entstehenden Veränderungen in unserem Land zu diskutieren, ohne daß mehr oder weniger große Spannungen auftreten. Nicht selten heißt es, wenn man einen islamkritischen Standpunkt einnimmt: Hast Du noch nie etwas von Toleranz gehört? Oder bist Du vielleicht islamophob oder sogar Rassist? Eine ruhige Debatte findet heute kaum noch statt. Auf der Seite der Verteidiger einer offenen Aufnahme von Flüchtlingen genauso wenig wie auf der Seite ihrer Kritiker. Überall spürt man, daß das ein sehr emotional besetztes Thema ist.

2. Die Gefahr besteht, daß mit der fast schon inflationären Toleranzforderung der „politisch Korrekten“ jede Diskussion über die Unterschiede und Gegensätze zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen in unserer Gesellschaft verhindert wird. So hat z. B. der Beauftragte für Interreligiösen Dialog unserer Landeskirche zum Thema „Reformation und Islam“ am Ende der Reformationsdekade 2017 etwa dreiviertel seines Vortrags in einem kleinen Kreis von teils aktiven, teils ehemaligen GKR-Leuten und ein, zwei Außenstehenden dem Kampf gegen unsere Vorurteile gegenüber dem Islam gewidmet, obwohl er uns gar nicht kannte, und die Frage nach den religiösen Unterschieden und Gegensätzen hat er als ein typisches Feindbild-Denken zurückgewiesen. Offenbar handelt es sich bei diesem Thema um ein stark vermintes Gelände, das man besser nicht betritt, bei dem man jedenfalls sehr vorsichtig sein muß, um mit heiler Haut wieder herauszukommen.

3. Damit die oft gehörten Toleranzforderungen nicht in Intoleranz gegenüber jenen Skeptikern umschlagen, die unsere Willkommenskultur für etwas naiv halten, ist es wichtig, daß wir uns gegenseitig erklären, warum wir dem Konsens der politischen und gesellschaftlichen Meinungsführer zustimmen können, – oder warum wir meinen, ihn ablehnen zu müssen.

4. Toleranz ist nach meinem Verständnis nicht zu verordnen, schon gar nicht durch die Politik. Sie muß als ein besonderes Geschehen im Zusammenleben der Generationen, Religionsgemeinschaften und Ethnien verstanden werden. Es setzt gegenseitiges Kennenlernen und wachsende Annäherung voraus. Darum muß es uns wichtig sein, mit den Flüchtlingen ins Gespräch zu kommen, um von ihnen zu erfahren, wie sie in ihrer Heimat lebten und was ihnen ihre (und unsere) Religion bedeutet, wobei sie von unserer Religion meistens genauso wenig wissen wie wir von ihrer. (Seit gestern feiern Muslime Ramadan; was wissen wir darüber, wie Muslime Ramadan feiern?)

5. In einer vor allem von den öffentlichen Medien dominierten Gesellschaft ist es schwer, eigene Erfahrungen im Umgang mit dem „Andern“ machen zu können, die von ihnen unbeeinflußt sind. Was wir brauchen, sind selber gemachte Erfahrungen, aber daran fehlt es oft. Oder sie sind sehr einseitig und oberflächlich. Leider haben sich viele Deutsche mit Mirgrationshintergrund bereits von der Mehrheitsgesellschaft separiert. Und der „interreligiöse Dialog“ bleibt meistens im Austausch von goodwill-Erklärungen vor einem freundlich gestimmten Publikum stecken.

6. Toleranz ist kein Panzer, an dem die Pfeile der Intoleranz abprallen, oder eine Tugend, über die wir habituell jederzeit verfügen können. So wie Geduld ihre Grenzen hat, so kann auch Toleranz verloren gehen, wenn permanent rote Linien überschritten werden. Andererseits entwickelt sich Toleranz nur, wenn beide Seiten mitmachen: die Neuankömmlinge und die Alteingesessenen.

7. Gleichwohl bedeutet Toleranz nicht, mit seiner Meinung über den Andern hinterm Berg zu halten. Ja was ist Toleranz anderes, als mir unangenehme Lebensverhältnisse, die ich nicht ändern kann, sowie gegensätzliche Positionen auszuhalten und zu ertragen? Freilich tolerieren wir solches abweichende Verhalten nur bis zu einem bestimmten Grad, und meist nur wenn dabei auch eine gewisse Sympathie mit im Spiel ist.

8. Intoleranz findet sich dagegen in jeder Form von Rechthaberei und Selbstjustiz, erst Recht in jeder Form von Haß. Vorurteile sind allerdings nicht immer ein Zeichen von Intoleranz, jedenfalls dann nicht, wenn sie durch gegenteilige Erfahrungen korrigierbar bleiben. Antisemitismus ist ein vielschichtiges Phänomen; nicht jede Kritik an Israel und seiner Politik gegenüber den Palästinensern darf als Antisemitismus verdächtigt werden. Die jüngsten Spannungen am Grenzzaun zum Gazastreifen (mit vielen Todesopfern) können keineswegs nur den Palästinensern angelastet werden. An vielen Entwicklungen zum Schlechteren hin werden hier wie dort gern Ausländer (oder muslimische Extremisten) verantwortlich gemacht, immer zu Recht?

9. Was bedeuten diese Auseinandersetzungen um Heimat, Fremdheit, Anerkennung für die Möglichkeit der Integration? Kann man davon sprechen, daß der Islam zu Deutschland gehört, wenn gleichzeitig hunderte Bürger europäischer Staaten eines gewaltsamen Todes durch islamistische Fundamentalisten sterben? Aber auch aus der Erinnerung an alte Konflikte 1 erwachsen sehr oft neue Konflikte. Dieses Problem macht vor allem den Religionen zu schaffen, zumal ihre Anhänger nur selten vergessen können, was ihren Vorfahren in den einstigen Religionskriegen an Schrecklichem angetan worden ist – und das nicht selten im Namen der Wahrheit, die von den jeweils herrschenden Religionsgemeinschaften bzw. Kirchen als Grundlage ihres Glaubens reklamiert wurde, als gäbe es auf die Wahrheit (Gottes) nur eine einzige Sichtweise (vgl. dazu Lessings Ringparabel in seinem „Nathan der Weise“).

10. Toleranz ist daher ein ständiges Austarieren der gegensätzlichen religiösen Standpunkte und nicht das Unterdrücken des eigenen Glaubens im Gespräch mit Andersgläubigen. Vielleicht müssen wir uns sogar damit abfinden, daß es in unserer nicht mehr homogenen Gesellschaft kein stabiles, sondern nur ein labiles Gleichgewicht zwischen den Gesprächspartnern in den fundamentalen Streitfragen unserer Wertegemeinschaft geben kann.

11. Obwohl Religionen dazu tendieren, ihre Umwelt nach ihren Wert- und Normgrundsätzen umzugestalten (z. B. in Kreuzberg/Neukölln), um sich in ihrer (neuen) Umgebung heimisch zu fühlen, ist es nach Auffassung verschiedener Religionswissenschaftler in unserer Gesellschaft heute eher notwendig, diesen missionarischen Eifer aufzugeben, auch wenn es schwer ist, in einer weitgehend unangepaßten, fremden Umwelt zu leben (und die umgekehrte Anpassung nicht verlangt werden soll).

12. Aber kann eine politische Gemeinschaft zwischen Menschen mit unterschiedlichen, vielleicht sogar gegensätzlichen Wertestandards dauerhaft aufrechterhalten werden? Was tun, wenn ein parteiübergreifender Begriff von Gerechtigkeit fehlt? Die formale, weltanschaulich neutrale Demokratie spricht von einer Gesellschaft, die ihre Wertvorstellungen unabhängig von staatlichen Institutionen oder politischen Vorgaben (der Regierungen) in erster Linie über die Religionen oder ihnen vergleichbare Weltanschauungen bezieht und organisiert.

13. Was passiert, wenn diese Religionen von sich aus kein Verhältnis zur Toleranz gegensätzlicher Wahrheitsansprüche haben wollen, weil sie sich durch ihre Offenbarungen im Besitz ewiger Wahrheit wissen? Ist dann überhaupt Versöhnung des Gegensätzlichen oder Verschiedenen möglich? (In der christlichen Ökumene wird schon seit langem versucht, das alte röm.-kath. Konzept einer monolithischen Einheit der Kirche durch das Konzept einer versöhnten Gemeinschaft des Verschiedenen zu ersetzen. So kam es zur Gründung des Weltrats der Kirchen in Genf 1948. Das Ziel war, den christlichen Alleinvertretungsanspruch der röm. Kirche zumindest abzumildern und stattdessen die Gemeinschaft gleichwertiger Kirchen zu etablieren. Bis heute ist das nicht gelungen. Inzwischen macht die kath. Kirche selber einen Bewußtseinswandel durch, – wie sich allein schon an den theologisch sehr unterschiedlich ausgerichteten Päpsten Benedikt XVI. und Franziskus zeigt: in ihr selber brechen heute immer sichtbarer all die Spannungen und Gegensätze auf, die bisher als das Kennzeichen der von Rom getrennten Kirchen gegolten haben. Und es ist eher unwahrscheinlich, daß sie auf Dauer durch Scheinkompromisse bereinigt werden können.)

14. Müssen Gerechtigkeit, Wahrheit, Menschenwürde neu durchdacht werden, damit die verschiedenen Religionsgemeinschaften und Bevölkerungsgruppen in unserer Gesellschaft eine friedliche Perspektive entwickeln können? Ist das „House of One“ eine Möglichkeit dazu? Gleichzeitig wissen wir, daß Offenheit für politische und religiöse Veränderungen im Fundament unserer Gesellschaft nicht mit Beliebigkeit verwechselt werden darf. Denn wenn man alles tolerieren muß, dann werden die unausgesprochen schwelenden Gegensätze solange unterdrückt bleiben, bis aus ihnen ein nicht mehr zu stoppender Flächenbrand hervorgegangen ist. Und das können wir ganz sicher nicht wollen.

 

 

 

Wolfgang Massalsky, 17. 5. 2018,

für den AK der früheren Erlösergemeinde

 

 

1 Man denke an die Eroberungen und Unterwerfung christlicher Gebiete und Länder durch islamische Truppen in Palästina, der Levante, überhaupt im Vorderen Orient und in Nordafrika, zeitweilig in vielen Teilen Süd- und sogar Mitteleuropas oder an die  christlichen Kreuzzüge in das Morgenland im Gegenzug dazu. Oder an Flucht und Vertreibung von Hugenotten und Salzburger Bauern oder der ostdeutschen Bevölkerung aus ihren angestammten Heimatländern während und nach dem 2. Weltkrieg; sowie an den Genozid des Kaiserreichs gegen die Hereros oder der Türken gegen die Armenier, von der rassenideologisch begründeten Judenvernichtung des NS-Staates, der gewaltsamen Vertreibung der Palästinenser durch die Rückkehr der Juden nach Palästina und der kriegerischen Wiedererrichtung eines jüdischen Staates ganz zu schweigen.

 

 

 

 

Vergleich von Ps 136 und Sure 55

 

1. Ps 136:

 

 

Aspekte / Fragen

zum Psalm

Themen

Besonder-heit

Begriffe

Anlaß

Festvortrag

zu welchem Fest?

Erntefest (so H. Schmidt); Passahfeier (so Kraus)

wahrscheinlich

Vortrag durch eine Einzelstimme

Antwort durch die Kultgemeinde:

möglicherweise während der Gottesanbetung bei einem Tempelfest

 

 

 

Entstehungszeit

nachexilisch?

 

 

 

Gattung/Muster/Form

Dankliturgie,

Refrain paßt zum Danklied

 

Äußere Form mit Refrain (ständig wiederholt)

 

Sprache

hymnisch

 

 

Chäsäd = gemein-schaftsför-derliches Verhalten

Recht-Pflicht-Verhältnis

Treue zum jeweiligen Partner

a) Gottes Eingreifen zugunsten Israels

b) Verhalten des Volkes gegenüber seinem Gott (Bundesgott)

c) Herrscher/Untertan

d) Mann/Frau

Gliederung

1-3 Introitus

4-25 Hauptteil

26 Schlußvers

 

 

 

Intention und Vorgehen

Der Psalm will zeigen, was das Volk aus seiner Geschichte lernen kann für die Zukunft, nämlich Vertrauen zu haben zu seinem Gott

Aufzählung von

 

Heilstatsachen

in Schöpfung und Geschichte (Israels)

 

 

 

4-6 Schöpfung

10-15 Auszug aus Ägypten

16 Wüstenwande-rung

17-24 Einzug in das Land Kanaan

25 Gott = der Herr (Jahwe) Spender des Brotes

im einzelnen: 10-22 vielleicht Erinnerung an die Passahlegende

13-15 Meereswunder

Zu den in Geschichts-hymnen üblichen Themen (Auszug und Einzug) kommen die Wohltaten der Schöpfung (als Vorbau nach Gen 1) und die Wüstenwan-derung dazu

 

 

 

2. Sure 55

 

Frage: Ist Sure 55 eine Bearbeitung von Psalm 136 (These Neuwirth)?

 

 

 

Gliederung/Abschnitte

Inhaltliches

Theologische Besonderheit

gegenüber Ps 136

1

Gott steht am Anfang als „der Allergnädigste“

 

2

Qur'an ist dem eigentlichen Schöpfungswerk vorangestellt

Die Lehre (das Gelehrtwerden) des Qur'an steht ganz obenan (weniger ein Zeichen dafür, daß er zur Schöpfung gehört als vielmehr ein Zeichen dafür, daß man, mit ihm ausgestattet, der Schöpfung in der rechten Weise gegenübertreten kann

3-13

Schöpfungswerk (genannt werden der Reihe nach: der Mensch, Sonne, Mond, Sterne, Bäume, Himmel, Erde) alle Lebewesen werden versorgt (mit vegetarischer Kost)

 

eindrucksvolle Darstellung (Nagel)

 

 

Schöpfung als Maß und Richtschnur für das menschliche Verhalten

(V. 8)

 

Eigenartig: die Erwähnung der klaren Rede nach der Erschaffung des Menschen!

 

14-36

Interpretation Neuwirth: Menschen und Dämonen, die sich gegen die Schöpfungsordnung auflehnen wollen, werden in ihre kosmisch gesetzten Grenzen verwiesen

„Abweichung“ (A. Neuwirth)

gegenüber dem Ps

 

„Bruch“ (T. Nagel) betr. die innere Logik der Sure 55

26

 

Interessanterweise wird die Vergänglichkeit alles Geschaffenen hervorgehoben, ihr gegenüber wird das unvergängliche Selbst Gottes, seiner Majestät und seines Ruhms betont

37-78

Eschatologischer Schlußteil

 

Verlagerung auf eschatologische Zukunft (besser wäre es vielleicht, von einer apokalyptischen Vison zu sprechen, vgl. V. 35. 37)

 

Gericht/Strafe

 

70-76

Belohnung: materieller Luxus

 

Ziel/Anliegen

 

Sinnstiftende Schöpfungsordnung durch die sprachliche Darstellung im Quran für Neuwirth

„zentral“

 

 

1. Sure 55 ist sicher keine Paraphrase oder Bearbeitung des Ps 136! Sowohl in Form als auch inhaltlicher Ausrichtung handelt es sich um zwei vollkommen verschiedene Texte.

 

2. Ps. 136 ist ein Lob- und Dankpsalm, der die Führung Israels durch Gott lobt und preist. Der Refrain in Ps 136 ist Ausdruck der Bekräftigung des im jeweils vorangegangen Halbsatz aufgestellten Sachverhaltes. Dagegen stellt die Sure 55 eine Verhör- und Gerichtssituation, anscheinend vor Gott und von Gott durchgeführt, dar.

 

3. Die im sog. Refrain der Sure 55 ausgedrückte Infragestellung eines bestimmten, allerdings nicht ausdrücklich genannten Verhaltens zweier beschuldigter und ins Verhör genommener Personengruppen, soweit man die Dschinn als Personengruppe bezeichnen und vor Gott verklagen kann, ist inhaltlich und formal das ganze Gegenteil eines Refrains, denn dieser pflegt den geschilderten Tatbestand in der Regel als Echo eines Chores oder einer Kontraststimme positiv aufzunehmen und zu verstärken. Hier handelt es sich jedoch um die vollkommene Bestreitung des Rechts zur Leugnung eines vor aller Augen evidenten Sachverhalts, wobei es sich nach der Schilderung des großartigen Schöpfungswerkes nur um die Leugnung der Schöpfung durch Gott und seiner Erhalterfunktion handeln kann.

 

4. Der Rahmen der Darstellung in der Sure 55 ist also eher mit einer Gerichtsszene zu vergleichen als mit einer gottesdienstlichen Veranstaltung. Die fehlende Anerkennung Gottes als des Schöpfers der wunderbaren Welt, wie sie ja auch durch den Qur'an bezeugt wird, wird am "jüngsten" Tag nicht hingenommen oder gar entschuldigt werden. Von Schuld oder Sünde wird eigentümlicherweise am Tag des Gerichts gar nicht mehr die Rede sein (V. 39). Denn wer Gott als Schöpfer dieser Welt nicht anerkennt, der ist bereits gerichtet. Er verrät sich schon durch seine äußeren Kennzeichen (V. 41), es braucht dazu gar keine Verhandlung mehr stattzufinden. Vielmehr findet das Gericht schon zu Lebzeiten der beiden Personengruppen statt, denn dazu ist ja der Qur'an den Menschen gegeben worden, daß sie diesem Sachverhalt nicht ausweichen können. Am "jüngsten" Tag entscheidet sich nur noch, wohin wir gehören, ob uns das ewige Leben zuteil wird oder nicht. Der Hinweis auf die Hölle (V. 43) will uns bzw. den beiden Personengruppen nur noch einmal bewußt machen, was denen entgeht (materieller Luxus und Sinnesfreuden, blühende Gärten, wertvollste Teppiche u.ä), die dem Schöpfer die fällige Anerkennung und Bewunderung versagt haben, und ihre denkbare Ausrede, sie hätten den Schöpfer hinter der Schöpfung nicht erkennen können, wird als unakzeptable Ausflucht zurückgewiesen.

 

5. Äußerliche Übereinstimmung besteht also lediglich in der refrainartigen Wiederholung eines offenbar rein rhetorisch gemeinten Fragesatzes, wie er auch vor Gericht (durch einen sich in Rage redenden Ankläger) geäußert werden könnte, um die Vergeblichkeit einer möglichen Rechtfertigung und Selbstverteidigung der (beiden) Angeklagten klarzustellen.

 

6. Der von den Wohltaten der Schöpfung zu denen der von Israel erfahrenen Führungsgeschichte reichende Zusammenhang, der für Israels Bewußtsein von Gott selbst her besteht, wird dagegen in der Sure bewußt aufgebrochen und unterbrochen, denn für Muhammad ist die vorislamische Geschichte ja offensichtlich kein Grund, ein gesteigertes Vertrauen auf Gottes Führungskraft (die Israel erfahren haben will) zu richten, und wie die Geschichte nach der Offenbarung des Qur'an weitergeht, ist ja noch nicht erkennbar. Daraus folgt: Nach dem Quran kann die Führung und Rechtleitung nur durch die Einhaltung der gebotenen Verhaltensweisen, wie sie der Qur'an fordert, gewährleistet werden, statt weiterhin auf eine geschichtliche Führung und Rettung durch Gott zu vertrauen, wie es der Psalm tut.

 

7. In diesem Sinne ist der Qur'an eine „klare Rede“, die klarste, die der Mensch von seinem Schöpfer besitzt, die Ansage eines unser ganzes Leben durchziehenden Gerichts, wenn wir uns dem darin niedergelegten Willen Gottes nicht beugen, d.h. das Schicksal unseres künftigen Lebens ist ab jetzt in unsere Hand gelegt.

 

8. Die von Neuwirth vorgenommene Eschatologisierung der Sure ergibt sich aus der Überbewertung des Schlußteils. Dabei ist doch nach dem Qur'an offensichtlich weder die zurückliegende noch die ausstehende Geschichte für den Gläubigen entscheidend, sondern allein das gegenwärtige Verhalten, das allerdings für die Zukunft ausschlaggebend ist und darüber entscheidet, ob ich selber die Annehmlichkeiten des Paradieseslebens erfahren werde oder nicht, und warum sollte dieses Paradies nicht schon mit dem Eintritt des Todes erlebt werden, wenn man die Voraussetzungen dafür erfüllt hat?

 

Wolfgang Massalsky, 1. 3. 2018

für den Arbeitskreis Bibel, Theologie, Kirche

 

 

Benutzte Literatur zur Sure 55:

Angelika Neuwirth, Der Koran als Text der Spätantike. Ein europäischer Zugang, 2013 (2010), bes. 215-223

T. Nagel, Der Koran. Einführung, Texte, Erläuterungen, 1983