Das Jenseits
Tod als Eingangspforte zu ewigem Leben (Seligkeit) - das "Jenseits", ist das noch ein christliches Thema? Gibt es dazu eine verbindliche Antwort aus der Bibel und speziell von Jesus?
I. Überlegungen zum Thema Tod, Endlichkeit, ewiges Leben
1. Natürliche und unnatürliche Todesarten
a) Der Regelfall ist heute der Tod als Katastrophe, die plötzlich eintritt und angeblich für niemanden vorhersehbar war (wie z.B. Unfalltod oder Tod durch Herzinfarkt auf der Straße). Aber auch wenn ihm eine langwierige oder schwere Erkrankung (z. B. ein aggressiver Krebs) vorausging, die trotz ausreichender medizinischer Versorgung früher oder später immer zum Tode führt, ist dieser Tod doch trotzdem ein natürlicher Tod.
b) Anders ist es, wenn es sich um (Selbst-) Tötung oder Mord handelt. Diese Todesarten kann man nicht wirklich als natürlich bezeichnen. Hier wird das eigene oder fremdes Leben auf unnatürliche Weise zerstört. Denn Leben bedeutet, solange leben zu können, wie es der eigene Körper auf natürliche Weise schafft, zu leben. Dazu gehört im Krankheitsfalle natürlich auch die Inanspruchnahme aller notwendigen medizinischen Hilfsmittel (soweit vorhanden oder bezahlbar!) zur Heilung oder Linderung eines Leidens.
c) Der Tod kann aber auch durch dauerhafte Schädigung des eigenen Körpers z.B durch falsche Ernährung (die heute eine der häufigsten Todesursachen ist) oder durch anderes Suchtverhalten eintreten, langfristig reicht auch mangelnde körperliche Bewegung.
d) Daneben weiß die moderne Freizeitgesellschaft von vielen extremen Aktivitäten zu berichten, die durch fehlende oder nicht ausreichende Sicherheitsvorkehrungen immer wieder zu Todesfällen führten (Extremsport, Autoraserei, waghalsige Berg- oder Skitouren usw.). Sind diese Aktivitäten nicht auch eine unnatürliche Todesursache?
Bei so vielen Möglichkeiten, eines unnatürlichen Todes zu sterben, kann man sich fragen, ob es überhaupt einen „natürlichen“ Tod gibt ...
e) Vielleicht gibt es natürliche Todesarten immer seltener beim Menschen und immer häufiger nur noch bei Tieren und Pflanzen, und auch die sind von Ausrottung oder Aussterben bedroht (hauptsächlich durch die Eingriffe des Menschen in die Natur), auch wenn sie bei normalen, ihnen angemessenen Umweltbedingungen sehr gut gedeihen würden.
2. Die Endlichkeit der Schöpfung
a) Die Medizin sieht im Tod das Zu-Ende-gehen der natürlichen Lebenskräfte eines Lebewesens. Man kann diesen Tod durch ihre Fortschritte vielleicht etwas weiter hinausschieben, aber prinzipiell nicht verhindern. Und wäre das überhaupt wünschenswert?
b) Selbst bei schonendster Behandlung unserer Umwelt ist davon auszugehen, daß die Ressourcen der Erde (und dazu gehört indirekt auch der Mensch) endlich und im Laufe dieses Jahrtausends erschöpft sind, wenn der Verbrauch sich so weiter entwickelt wie es im 20. Jht. der Fall gewesen ist. Welche Zukunft hat der Mensch also noch auf diesem Planeten?
c) Durch die moderne Technik mit ihrem immensen Verbrauch an natürlichen Rohstoffen und die auf bald 10 Milliarden Menschen angewachsene Weltbevölkerung kann man sich ausrechnen, wie lange es dauert, bis die Erde ausgepowert ist und martialische Überlebenskämpfe die Menschheit dezimieren werden. Ja man kann fragen, ob diese nicht schon längst begonnen haben?
d) Neben den Hoffnungen auf neue Energien durch Windkraft (oder wäre die Atomkraft eine Alternative dazu?), - sogar die Erschließung fremder Planeten wird erwogen, - kann nur ein verändertes Umweltbewußtsein und Konsumverhalten den Menschen vor der Selbstzerstörung durch maßlose Ausbeutung seiner eigenen Lebensgrundlagen bewahren. Oder muß der Mensch selber künstlich (genetisch) umgebaut und an diese Gegebenheiten besser angepaßt werden, um seine Aggressivität zu bremsen?
3. Wie ist dem unnatürlichen Todes-Verlangen zu begegnen? Bringt uns die Hoffnung auf das ewige Leben weiter?
a) Wie ist das im Menschen offenbar vorhandene Todesverlangen zu beurteilen, wenn man an sein unvernünftiges, oft sogar schädliches Verhalten gegen sich selbst und seine Umwelt denkt? Ich sehe hier zwei Aufgaben: Einmal die Menschheit davon abzuhalten, die weitere Zerstörung der Umwelt zu betreiben. Zum andern den Menschen, die ein Weiterleben wegen schwerer gesundheitlicher Einbußen für unerträglich halten, zu einem kontrollierten Suizid zu verhelfen, wozu allerdings eine gesetzliche Regelung („Sterbehilfe") notwendig ist. Denn als Realisten müssen wir über Möglichkeiten zur Beendigung des Lebens nachdenken, wenn es eine einzige Quälerei darstellt. Aber dies ist primär ein individualethisches Problem. Und darüber wird es sehr verschiedene Auffassungen geben, je nach philosophischer oder religiöser Prägung des einzelnen. Für die Angehörigen geht es hier vor allem um Hilfestellung und Beratung in einer äußerst schwierigen Lebenssituation. Im Unterschied dazu geht es bei gesellschaftspolitischen Maßnahmen zur Verhinderung der weltweiten Zerstörung der Umwelt um ein Problem, das die Zukunft der ganzen Menschheit betrifft. Um ihren Fortbestand auf dieser Erde sich Sorgen zu machen, muß heute die oberste Priorität der Staaten sein. Statt militärischer Aufrüstung brauchen wir die ökologische Zurüstung unserer Gesellschaften, um zukunftsfähig zu werden. Hier ist insbesondere auch das Engagement der Christenheit gefordert. Der Einsatz für eine Verbesserung der Lebensqualität und damit der Zukunftsaussichten auf diesem Planeten muß uns jede Anstrengung wert sein. Wenn wir zugeben, daß wir kein moralisches Recht haben, ohne gesetzliche Grundlage in das Leben anderer Menschen einzugreifen, um ihnen zu helfen, es abzukürzen und zu beenden, auch wenn sie das wollen, dann sollten wir erst recht darauf bestehen, daß unser Planet nicht den Militärs für ihre Kriegsspiele überlassen werden darf.
b) Kann die christliche Hoffnung auf das ewige Leben uns einen Ausweg aus dieser Überlebenskrise zeigen? Hilft sie uns, unseren ins Maßlose gesteigerten Verbrauch der Ressourcen dieser Erde zu zügeln? Aber wie soll das gelingen, wenn der Mensch schon heute ihre Güter auf unnatürliche Weise vervielfachen muß, um alle zu ernähren? Das Problem sind gar nicht einmal die Reichen und Superreichen, das Problem ist der Massenmensch. Das sind wir, die wir nie genug bekommen. Kann die Aussicht auf ein besseres Jenseits, uns zu einem vernünftigeren und sparsameren Güterverbrauch verhelfen und den Raubbau an unserer Natur verhindern?
c) Was hat es mit dem ewigen Leben auf sich? Ist das nur ein schöner Traum, oder ist es eine Realität? Und zwar ewiges Leben im Glauben an Gott! Würde uns das nicht helfen, unsere Probleme mit der Erde besser in den Griff zu bekommen; verbunden mit einem bescheideneren, dafür ressourcengerechten Leben? Könnte der Lohn des ewigen Lebens uns für ein sparsames und zugleich gottgefälliges Leben auf dieser Erde entschädigen? Zieht diese Logik noch? Hier Verzicht, dort Luxus und ewiges Glück (mit Gott)? Ist das ein reales Versprechen oder nur eine Art Selbstbetrug, um uns zu einem schöpfungsgemäßen Leben zu verhelfen, das wir von uns aus nicht in der gewünschten Radikalität anstreben?
d) Aus christlicher Sicht gibt es das ewige Leben und die damit verbundene Seligkeit nur aufgrund der Auferstehung der Toten, die an Jesus "als Erstling" Wirklichkeit geworden sei. Durch sie kommen die Christen nach bisheriger Lehre entweder unmittelbar nach dem Tod "in den Himmel" oder erst am Ende der Tage anläßlich der Wiederkunft Christi, die ein fester Bestandteil der christlichen Glaubenslehre darstellt. Dann findet das Endgericht statt, das Jesus als Richter an den Lebenden und Toten vollziehen wird, wie es im NT heißt. Aber es soll kein gnadenloses Abrechnen mit dem Menschen durch Gott sein. Vielmehr wird der Mensch durch die Gnade Gottes ein neues Leben geschenkt erhalten, wenn er aufrichtig glaubt, trotz aller Schwächen. Der Mensch wird in Gottes Reich aufgenommen, nicht aufgrund eigener Leistung, sondern durch die Befreiungstat Jesu, der sich für ihn ans Kreuz schlagen ließ. So stellen es die Evangelien dar. Christus befreit uns von aller Sündenlast. Aber wie sieht das Schicksal derer aus, die sich nicht retten lassen wollen, der unverbesserlich Bösen also, die den ewigen Tod vorziehen vor einem Leben in der Abhängigkeit von der Gnade Gottes? Aber kann es eine solche Todesversessenheit überhaupt geben?
Kleiner Exkurs zur Situation des Westens und speziell Europas
1. Brauchen wir vielleicht „nur“ eine neue Gesellschaftsordnung? D. h.: Statt der Leistungs- und Konsumgesellschaft, für die der ungezügelte Verbrauch derer, die sich alles leisten können, was sie sich wünschen, zur Norm wird, – eine neue Art von Planwirtschaft, wonach der Verbrauch des einzelnen sich danach richten sollte, was wir zu einer vernünftigen Lebensführung tatsächlich brauchen?
2. Für die Bürger der westlichen Gesellschaften war diese „Lösung“ allerdings meistens als sozialistisches Schreckgespenst verteufelt worden; jedenfalls ist sie oft auf Ablehnung gestoßen, weil sie angeblich dem realen Menschen (mit seinen irren Konsumbedürfnissen) nicht in sein Lebenskonzept passe. Ist es daher nicht notwendig, über den realen Zusammenhang von sparsamer Lebensführung und religiös begründeter Zukunftshoffnung nachzudenken?
3. Inzwischen aber scheint der Westen als geschlossene Staaten-Formation immer mehr auseinanderzubrechen. Denn es bilden sich neue Staatengruppierungen heraus, angeführt von einzelnen mächtigen Staaten wie USA oder China, die aufgrund ihrer schieren Größe (als Wirtschaftsgiganten) einen massiven Druck auf kleinere Staaten in ihrer Umwelt und darüber hinaus in der ganzen Welt auszuüben vermögen.
4. Darum geht es für Europa in Zukunft wahrscheinlich vor allem um den Aufbau der notwendigen politischen Macht - zusammen mit geeigneten Bündnispartnern - , um sich gegen solche militärischen Riesen behaupten zu können. Aber es geht auch um weniger Markt-Lenkung durch die reichen Staaten, die den ärmeren meistens die Preise diktieren. Brauchen wir also nicht neue weltweit agierende Institutionen, die den künftigen Wirtschaftskämpfen Einhalt gebieten oder sie in geregelte Bahnen lenken können, aber auch unberechtigte militärische Aktionen zwischen den Staaten verhindern oder beenden helfen? Die heutige UNO scheint dazu doch immer weniger imstande zu sein, solange die mächtigsten Staaten der Erde als Mitglieder des Sicherheitsrates jederzeit gegen für sie unliebsame Beschlüsse ein Veto einlegen können. Und wird eine solche Institution nicht sogar eine religiöse Funktion übernehmen müssen?
W. M. 25.4.26/12.5.26
II. Jenseitsglaube
1. Gibt es seriöse Erkenntnisse über ein Leben nach dem Tode?
a) In den wichtigsten älteren theologischen Lexika (EKL, RGG 3. Aufl.) gibt es keinen einzigen Artikel zum Thema „Jenseits“ oder „Jenseitsglaube“. Warum das so ist, kann man nur vermuten. Vielleicht ist das „Jenseits“ zu unspezifisch. Was für ein Jenseits soll das sein? „Jenseits“ von was? Kennt der Tod ein Jenseits? Soll man jenseits des Todes ein Weiterleben annehmen können? Widerspricht das nicht dem Sinn des Wortes „tot“? Tot ist alles, was nicht mehr lebt. Und vergangenes Leben kommt nicht wieder zurück, auch wenn man es mit aller Gewalt oder auch Liebe durch Erinnerung zu vergegenwärtigen sucht.
Nur in Einzelfällen wurde eine Rückkehr ins Leben aus dem Tode behauptet. Da war aber der medizinische „Ganztod“ noch nicht eingetreten. Da gab es noch eine minimale Chance auf Wiederbelebung. Denn für einen kurzen Zeitraum nach Eintritt des „Todes“ gibt es in manchen Fällen noch Hoffnung, daß ein Wiederbelebungsversuch anschlägt. Vorausgesetzt, daß noch ein Rest an Leben im toten Körper „vorhanden“ ist. Das ist jedenfalls unsere heutige Sicht der Dinge, wenn man von einem Leben nach dem Tode spricht. Wenn man diese Annahme rückwirkend auf Fälle in der Vergangenheit anwenden will, ist es nahezu unmöglich, über vage Vermutungen hinauszukommen: Ob in diesem oder jenem Fall eine Wiederbelebung erfolgreich gewesen wäre, wenn man sie versucht hätte, kann man später nicht mehr feststellen.
b) Deswegen haben im Falle der sog. Auferstehung Jesu bedeutende protestantische Theologen nicht von einer historischen Tatsache, sondern nur von einer bildhaften Darstellung der Bedeutung von Leben und Sterben Jesu für die Jünger und die spätere Gemeinde sprechen wollen, deren „Eigentlichkeit“ mit der Vorstellung seiner Auferstehung zum Ausdruck gebracht werde (was ja auch nicht wenig ist). Was anderes kann aber auch die "faktische" Auferstehung Jesu für uns heute nicht mehr sein, selbst wenn sie von der damaligen Zeugenschaft als "bewiesen" angesehen wurde. Denn eine Auferstehung im Sinne einer "echten" Himmelfahrt wird heute von niemandem als wahr geglaubt. Sie paßt einfach nicht zu unserer modernen naturwissenschaftlichen Weltanschauung. Richtig ist allerdings, daß jede Epoche ihre eigene Weltanschauung entwickelt und darum in bezug auf historische Ereignisse immer neue Maßstäbe (Standards) für wahr oder wahrscheinlich, wichtig oder unwichtig erarbeiten muß. Selbst traditionelle "Beweise", die die damaligen Zeitgenossen für einleuchtend und gut begründet halten mußten, müssen und können von uns heute nicht automatisch als wahr übernommen werden, weil wir ja 1. nicht dabei gewesen sind (das war schon das Glaubenshindernis für den ungläubigen Thomas), 2. keine unabhängige Überprüfung der näheren historischen Umstände mehr möglich ist und 3. die synoptischen Darstellungen der damaligen Ereignisse um Tod und leeres Grab Jesu bei aller Unterschiedlichkeit voneinander abhängig sein dürften und primär der Begründung des aktuellen Glaubens dienten. (Alles andere ist reiner Autoritätsglaube! Nach dem Motto: So aber steht es in der Bibel und was in der Bibel steht, ist sicher wahr, weil sie ja Gottes Wort ist.) Daher können wir die "Auferstehung" Jesu, wie sie damals berichtet wurde, heute nur bildhaft verstehen als Versuch, seiner tieferen Bedeutung als Messias und Gottes "Sohn" für die damalige Glaubensgemeinde im Lichte der apokalyptischen Weltanschauung einen objektiven Anschein zu geben. Dabei muß man nicht unterstellen, daß dies mit einer bewußten Täuschungsabsicht geschehen ist. Vielmehr ist es in der damaligen Sicht offenbar für notwendig gehalten worden, daß Jesus - in der Sprache der Apokalyptik - "auferstanden" sei, um zu Gott aufzufahren und bei Gott zu sein. Und deswegen sind seine Erscheinungen bei den Jüngern als realistische Zeugnisse seiner "Auferstehung" angenommen worden, die von den Evangelisten entsprechend ausgemalt wurden (abgesehen von Markus). Wenn wir an Gott und an Jesus glauben wollen, müssen wir nachvollziehen, wie es gemäß den weltanschaulichen Denkvoraussetzungen jener Zeit zu diesem Glauben an die "Auferstehung" Jesu gekommen ist. Eine Alternative zu dieser Problematik der angeblich sichtbaren Auferstehung wäre die Vorstellung, daß die Auferstehung Jesu sich unsichtbar vollzogen hat, als ein Geschehen, das im Verborgenen bleibt, und dessen Ergebnis der "Wechsel" Jesu von der irdischen Dimension in die des Jenseits ist, - aber bedarf es dazu einer räumlich gedachten Dimension, wie sie die Auferstehung (und auch das leere Grab) fordert? Und muß das Jenseits überhaupt räumlich (als ein "geschlossener Kasten" neben dem Diesseits) gedacht werden?
teilweise Neufassung von II.1. b) am 25. 5. 26
2. Was leistet Glaube? Gegen eine Überforderung des Glaubens
a) Auch für Christen muß gelten: Glaube ist nicht das Für-wahr-halten des naturwissenschaftlich Unmöglichen, und „Fakten“, die im Rahmen einer inzwischen veralteten weltanschaulichen Denkweise erhoben und als gültig beurteilt wurden, können nach heutigem Urteil kaum auf uneingeschränkte Akzeptanz rechnen.
Wie aber naturwissenschaftliche Gesetze und Gottes Handeln zusammenbestehen können, ist dann ein Problem, das hier in einem ersten Schritt folgendermaßen gelöst werden kann:
(1) Diese Gesetze sind menschliche Erkenntnisse, Momentaufnahmen des Wirklichen, die Gottes Handeln vernachlässigen können. Ihre Exaktheit beruht auf einer Idealisierung des Funktionierens der Natur im Experiment. Wobei zu beachten ist: Die Natur liefert in der Realität nur Annäherungswerte. (2) Wenn Gott die Welt geschaffen hat, dann stammen allerdings auch die Gesetze, nach denen die Welt funktioniert, von ihm. Ohne sie würde die Welt für uns unbegreifbar sein, was sie allerdings in einem letzten Sinn tatsächlich auch ist, sofern Gott es ist, der sie geschaffen hat. Durch die Gesetze können wir mit ihr sinnvoll umgehen, trotz aller Überraschungen, die die Forscher im Umgang mit ihr immer wieder erleben (nicht nur was Leben und Sterben betrifft). Darum müssen Gesetze immer auch Spielräume für Abweichungen einkalkulieren. Ein Gesetz ist nicht schon durch ab und zu auftretende Irregularitäten widerlegt. (3) Wir brauchen eine funktionierende Welt, aber oft erleben wir, daß wir sie nicht in der Hand haben. Und manchmal kommt es uns sogar vor, als sei sie "aus allen Fugen geraten" (wie bei Erdbeben oder Erdrutschen o.ä. Ereignissen). Der Klimawandel wird immer sichtbarer auch in unseren Breitengraden. Langfristig sehen wir Veränderungen auf uns zukommen, von denen wir noch nicht wissen, wie sie das Leben auf dieser Welt beeinflussen werden. (4) Die Wirklichkeit spielt sich eben nicht immer nach den engen Vorschriften von Gesetzen ab. Die Natur geht - wenn man sie lange genug beobachtet - erstaunlich oft andere als die normalen Wege. (Sie ist ja nicht bloße tote Materie, sondern gleicht in vielem eher einem lebendigen Organismus. Das hängt im Letzten wahrscheinlich mit geschichtlichen Veränderungen des Weltalls - speziell seiner Dichte - im Prozeß der Ausdehnung des Kosmos zusammen.)
b) Das gilt übrigens auch für alle einmaligen historischen Ereignisse. Ob sie "der Fall" sind, hängt nicht nur von der Glaubwürdigkeit der Zeitzeugen ab, sondern auch von der weltanschaulichen Wahrscheinlichkeit der berichteten Ereignisse. Es ist im Falle Jesu eine bis heute durch nichts bewiesene Behauptung, daß er nach seinem Tod wieder das alte, wenn auch verwandelte Leben zurückerlangt hat. Die biblischen Berichte darüber sind kein Gegenbeweis. Denn euphorisch gestimmte Menschen sind in bestimmten Situationen bereit, alles für wahr zu halten, was sie angeblich gesehen haben.
c) Die Evangelien berichten, daß Jesus am „dritten Tage“ nach seinem Tod auferstanden ist. Nach dieser Zeit kann Jesu Körper nicht mehr neu belebt werden. Da ist er definitiv tot. Wenn er dennoch für eine gewisse Zeit unter seinen Jüngern in neuer Leiblichkeit erschienen sein soll, haben wir es mit einer gänzlich neuen Erscheinungsweise zu tun (und zwar aufgrund einer völlig unbekannten Gesetzlichkeit). Diese ist jetzt nicht mehr als Reflex oder Nachbild seiner irdischen Existenz zu verstehen, sondern viel eher als Rückkehr aus der "oberen Welt" in die Jüngergemeinschaft. Die Gestalt Jesu wirkt dabei wie ein sprechendes Hologramm. Die irdische Körperform ist da, aber nur wie eine Hülle. Wenn die Auferstehung bzw. Auferweckung eine Verwandlung (Vergeistigung oder Spiritualisierung) der körperlichen Materialität und Identität Jesu in eine andere, spirituelle Daseinsform meint, kann man das nur glauben und nicht beweisen. (Die neue Daseinsform Jesu erscheint aber gegenüber der alten rein äußerlich wie eine Kopie seiner selbst mit den Merkmalen seines Todes. So wird eine Kontinuität zwischen beiden Daseinsformen angedeutet. Aber auch nicht immer! Gelegentlich ist Jesus seltsamerweise in der neuen Gestalt nicht sofort oder gar nicht erkennbar.)
d) Zur Zeit Jesu müssen wir davon ausgehen, daß das damalige (orthodoxe) Judentum so etwas wie die Auferstehung der Toten kannte. Zumindest die damaligen Pharisäer (nicht jedoch die Sadduzäer!) sprachen davon und auch die Jünger Jesu glaubten daran (von dem zunächst ungläubigen Thomas abgesehen). Demzufolge ist die Behauptung, daß Jesus (leibhaftig) auferstanden ist, für sie nicht nur denkbar, sondern wahrscheinlich, wenn er für Gott alle Voraussetzungen dafür erfüllt hatte. Daß er selber an seine Auferstehung nach seinem Tode geglaubt habe, ist möglich, aber nicht sicher. Am Kreuz stirbt er mit dem Satz: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Man sollte diesen Satz in seiner ganzen Härte stehen lassen und nicht abzuschwächen versuchen. (Allerdings gibt es auch andere Deutungen seines Todes wie vor allem bei Johannes.)
e) Alle derartigen Aussagen hängen von der Kraft und Stärke des jeweiligen Glaubens ab. Wenn dieser Gott die Macht ist, die über allem steht und ohne die nichts geschieht, können auch die Naturgesetze (in christlicher Sicht) nicht ohne ihn verstanden werden. Weil er ihnen ihre Gültigkeit und Beständigkeit gibt, ist die Natur für uns einigermaßen berechenbar. Aber das nicht für immer, sondern nur für eine bestimmte Zeit im Geschehen der kosmischen Vorgänge. (Ist "Gott" vielleicht eine Funktion der Zeit, ist er womöglich abhängig von ihr? Wie kommt Gott aus seiner Ewigkeit in unsere Zeit?)
3. Biblische Texte, die Jesu Stellung zum Jenseits beleuchten können
a) Den Begriff "Jenseits" gibt es eigentlich nicht in der Bibel. Nur in einem lokalen-geographischen Sinn "A liegt jenseits von B" (z. B. jenseits eines Flusses, eines Meeres oder eines Landes) kommt er vor. Eine Substantivierung von "jenseits" fehlt. In der katholischen LThK 5, 1960 (NA 1986) wird dieser Begriff trotzdem aufgenommen, ebenfalls in TRE 16, 1987, 563-565. In beiden Fällen wird darauf verwiesen, daß er eigentlich untypisch für das Christentum sei. (Lediglich für das Judentum wird das "Jenseits" in der TRE näher behandelt.) Der Gedanke der Belohnung und der Vergeltung für gutes oder schlechtes Handeln im Leben setzt ein Jenseits als Ort des Gerichts voraus. Der Mensch kommt nach seinem Tod entweder in den "Himmel" oder in die "Hölle". Wenn Katholiken vom Jenseits sprechen, meinen sie Himmel, Hölle und Feg(e)feuer. Letzteres diene der Abbüßung und Entfernung der noch verbliebenen Restsünden am einzelnen Menschen. Von Himmel und Hölle (allerdings oft im Sinne von einer Hölle auf Erden) spricht auch Luther. Den Zwischenzustand zwischen Tod und Jüngstem Tag versteht er als eine Art "Todesschlaf", von dem der Christ am Jüngsten Tag erwacht, ohne zu wissen, wo er war oder wieviel Zeit seit seinem Tod vergangen ist. (So P. Althaus, Die letzten Dinge, 5. Auflage 1949, S.147). Luthers Hoffnung richtet sich ausschließlich auf das Lebendigwerden (von uns Toten) am Jüngsten Tag. Was seit dem eigenen Tod "geschehen" ist, interessiert ihn nicht wirklich (siehe auch die Verweise im Lutherlexikon von K. Aland in: Luther Deutsch ErgBd III zu "Hölle" und "Himmelreich"), und das Fegefeuer kann er sogar als (irreales) "Teuf(f)els gespenst" (Schmalkaldener Artikel von 1537 und 1538 in: WA 50, 205, 7. 11) bezeichnen (und abwerten).
b) Bei P. Althaus finden sich verschiedene Gedanken aufgenommen: 1. "Fegefeuer" (ebd. 209). Dazu seine Bemerkung, daß die "Zeitdauer der Heiligung ... keiner Verlängerung ins Jenseits hinein bedarf" (ebd. 229. Sperrung von mir). Die Vergebung unserer Sünden findet durch Gott in Christus im Diesseits oder im Tode selbst (genauer "beim Tode", nicht "durch den Tod", ebd. 223 A 1) statt. Und zwar durch einen "unnatürlichen Sprung", nicht evolutionär! Das ganze Christentum beruhe auf solchen Sprüngen. Es bedarf dazu keiner weiteren Aufwärts-Entwicklung im Sinne einer Nacharbeit des Versäumten oder Verschuldeten. 2. Die "Hölle" kann es darum nur für die dezidiert Gottlosen geben, nicht für die gläubigen Christen, mögen sie auch noch so sehr unter ihrer Schuld leiden und nach Sühne verlangen (vgl. dazu das von Althaus ebd. 228 A 2 positiv aufgenommene Zitat aus Th. Kliefoth, Christliche Eschatologie, 1886). Denn schon wegen der angeborenen Erbsünde wird der Mensch seine Sünden nie vollständig los. 3. Aus der Hoffnung des einzelnen aufgrund der erfahrenen Gottesgemeinschaft und der dem kommenden Gericht entgegenblickenden Angst der großen Mehrheit der Ungläubigen ergibt sich eine weitere Überlegung. Dafür ist der Vergeltungsgedanke grundlegend. 4. Gottes Vergeltung bedeutet Gericht. Der Mensch muß damit rechnen, daß er am Ende seiner Tage einem doppelten Gericht unterworfen wird. Zum einen gibt es die "Reichs-Erwartung", die das Volk als ganzes betrifft, zum andern gibt es die spezielle "Erwartung für den Einzelnen" (142) aufgrund seiner individuellen Taten. 5. Andererseits ist Gott der Liebende, der Verzeihende. In der Glaubensgemeinschaft mit Gott hat der Mensch die "Gewißheit", daß diese Gemeinschaft auch im Tode nicht abreißt. Wörtlich schreibt Althaus: "Ist aber Gott im Tode, so ist der Tod nicht mehr Tod, so tut sich ein Jenseits des Todes auf ... " (ebd. 14). 6. Damit tritt das ewige Leben in den Gedankenkreis des gläubigen Beters. Und "Gebet hat den Sinn ewiger Beziehung zu Gott, eines Lebens nach dem Leben", das allerdings nicht nur "Gottes Gnade" verheißt, sondern auch "Gottes Zorn" bedeuten kann (14 A 2). 7. Wie hat man sich diese doppelte "Abrechnung" Gottes mit uns Sündern vorzustellen? Weil es ja auch die unschuldig Leidenden gibt, im Gegensatz zu den zurecht Leidenden, muß Gott etwas tun, um die Gerechtigkeitsordnung wieder herzustellen. Darum gibt es beides: die Begnadigung des Sünders, aber auch seine strafende Verurteilung. Kann sie den Menschen für immer von Gottes Liebe ausschließen? Auf jeden Fall ist Gottes Gerechtigkeit nicht mit menschlicher Gerechtigkeit zu verwechseln!
(1.6.26)
c)
Das Jenseits als "Himmel und Hölle"
Jesusworte
Lk 23, 39-49;
Mt 10,28;
Joh 5,24; 1. Joh 3,14
Paulus: Röm 7,24; 1.Thess 5,23; Phil 1,21. 23; 1. Kor 15, 19; 2. Kor 5,17.24
AT: Ps 88
17. 5. 26
(noch nicht fertig!)
Benutzte oder eingesehene Literatur:
neben den im Text angegebenen Werken
W. Kamlah, Meditatio Mortis, 1976
Peter Meinhold, Leben und Tod im Urteil des Christentums, in: Gunter Stephenson (Hrsg.), Leben und Tod in den Religionen. Symbol und Wirklichkeit (1980), 144-164.
Paul Althaus, Die letzten Dinge, 1949 (5. durchgesehene Auflage, nahezu = 4. Aufl. von 1933), EA 1922
LThK Bd.5, Art. Jenseits II. Sp. 890-892